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Dieser Tage landete ein reich illustriertes, aber gar nicht dickes Buch auf meinem Schreibtisch, das sich einer höchst interessanten Frage widmet. Nämlich: Wann, wie und von wem hat Maria, die Mutter Jesu, Lesen gelernt?
Irgendwann im Mittelalter kamen Bilder auf, die zeigen, wie sie ein Buch liest. Aber wann genau war das? Und warum? Eine Antwort darauf versucht die französisch-deutsche Kunsthistorikerin Waltraud Verlaguet zu geben ("Wann lernt die Jungfrau lesen? Weibliche Lesekultur im Spiegel Marias", Books on Demand 2025).
Als wir vor drei Jahren in Florenz waren, habe ich es selbst gesehen. Im ehemaligen Dominikanerkloster San Marco, dem schönsten Ort in dieser nicht eben hässlichen Stadt, findet sich ein Fresko von Fra Angelico, das zeigt, wie der Engel Gabriel der Jungfrau vorhersagt, dass sie ein Kind bekommen wird. Er erwischt sie in einem stillen Moment: Gerade hat sie in einem Buch gelesen. Jetzt beugt sie sich dem Engel entgegen, drückt das Buch an ihr Herz und – wahrscheinlich hat sie gerade kein Lesezeichen zur Hand – legt einen Finger auf die Seite, bei der sie gerade war. Wie alles bei Fra Angelico ist diese Szene fein und still, edel und meditativ. Das Buch weist den hohen Stand der baldigen Gottesmutter aus und ihre intensive Spiritualität. Oder geht es hier noch um mehr, wie der Titel eines französischen Buchs ("Des femmes qui lisent sont dangereuses") zum Thema behauptet? Sind Frauen, die lesen, gefährlich?
Das Mittelalter war, was das Geschlechterverhältnis angeht, weniger eindeutig, als man heute meint. So gab es durchaus Frauen in männlichen Berufen. Es ist keineswegs nur politisch-korrekte Redeweise, wenn man von Schmiedinnen, Bäckerinnen, Bierbrauerinnen und Ärztinnen spricht. Allerdings wurde dies schrittweise zurückgenommen: Die sich bildenden Zünfte und die Universitäten nahmen nur Männer auf. Andererseits verfügten adlige Damen über erhebliche Rechte. Auf Bildwerken erscheinen sie als den Männern ebenbürtig, gleich groß, neben ihnen sitzend oder stehend. Ähnlich war es, wenn eine Heilige und ein Heiliger sich ein Bild teilen. (Bei armen Frauen war das anders, sie wurden erst gar nicht gemalt oder gemeißelt, arme Männer aber auch nicht.)
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Lange Zeit war Bildung den Klöstern und den höchsten Schichten vorbehalten. Normale Frauen und auch Männer lernten weder Lesen und Schreiben. Allerdings gab es regionale Unterschiede. Im germanisch geprägten Norden Europa war es eher üblich, im lateinischen Süden weniger. Trotz (oder wegen) des mehrheitlichen Analphabetismus wurde das Bücherlesen hoch geschätzt. So zeigt das Grabmal der 1204 verstorbenen Eleonore von Aquitanien, wie sie daliegt und ein aufgeschlagenes Buch in den Händen hält – als würde sie noch im Tod lesen.
Manche Frauen schrieben auch, wie man auf Buchillustrationen sehen kann. Es gibt sogar ein archäologisches Indiz: Bei einem Frauenskelett aus dem 10./11. Jahrhundert hat man teure Pigmente an den Zähnen gefunden (sie wird an ihrer Feder geleckt oder gebissen haben). Einige wenige Frauen haben nicht nur abgeschrieben, sondern eigene Texte verfasst, zum Beispiel Hildegard von Bingen (1098-1179). Von ihr aber wurde behauptet – und sie selbst sagte es auch –, dass sie keine formale Ausbildung erhalten habe. Dadurch erschien das Wunder der lesenden, schreibenden, predigenden, komponierenden Frau umso größer.
Mit Emanzipation im heutigen Sinne hat das alles – dessen muss man sich stets bewusst bleiben – nichts zu tun. Entscheidend war der gesellschaftliche Rang: Hohe Damen lesen, niedere Frauen und Männer nicht.
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Nun zu Maria. Aus der jungen Frau aus Nazareth, die gewiss nicht lesen konnte, wurde in der christlichen Bildgeschichte mehr und mehr eine gottgleiche Herrscherin: mit kaiserlichen Insignien, einem Hofstaat, prächtigen Gewändern, kostbarem Schmuck. So wurde sie ihrem Sohn gleichgestellt. Um ihre Vornehmheit zu betonen, wurde sie seit dem 9. Jahrhundert als Leserin porträtiert. Das gilt besonders für ein Motiv: die Verkündigungsszene.
Der Engel Gabriel kommt herab vom Himmel, betritt ihr Gemach, wo sie sitzt und liest: in den Büchern der Propheten, im Psalter, in einem Stunden- oder Gebetbuch. Sollte damit nur ihre Hoheit und Frömmigkeit ausgewiesen werden? Oder sollte sie anderen Frauen als Vorbild präsentiert werden, sodass diese zum Lesenlernen angeregt würden? Das wäre zu pädagogisch gedacht. Die Erklärung könnte schlicht sein, dass die Künstler adlige Damen und ranghohe Nonnen kannten, die regelmäßig lasen. Diese gaben ihnen ein gutes Modell ab.
Denn die Frage stellte sich ja, was Maria eigentlich tat, als der Engel kam. Sie kann nicht bloß dagesessen haben. Das Lesen eines Buches (oder das Spinnen eines kostbaren Fadens oder das Weben eines teuren Tuchs) wäre eine standesgemäße Beschäftigung gewesen, um sich von einem Engel überraschen zu lassen – im Unterschied zu irgendwelchen Haushaltsbesorgungen.
Zusatzfrage: Von wem hat Maria Lesen gelernt? Die Antwort darauf geben deutlich weniger Bilder, die sich dem Kult um Anna, der Mutter Marias, verdanken. Sie zeigen, wie die Mutter hinter ihrer Tochter steht und ihr mit dem Finger zeigt, welches Wort sie lesen soll. Oder Maria liest ihr etwas vor. Oder die beiden sitzen nebeneinander, wobei Anna liebevoll den Arm um Maria legt. Das ist ein rein legendenhaftes, aber anrührendes Zeugnis davon, dass einige schon im Mittelalter davon überzeugt waren, dass Frauen lesen können und sollen.
Wer all das in Ruhe nachlesen und dabei viele schöne Bildbeispiele betrachten will, dem empfehle ich das bündige und sehr kurzweilige Buch von Waltraud Verlaguet.

