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Sonntagsgedicht
Keine Angst vor Poesie!
Zu wenige Menschen lesen Gedichte. Das hat viele Gründe. Einer dürfte sein, dass viele Menschen auf „Lyrik“ diese Liste reimen „kompliziert, unverständlich, düster, abseitig“. Die wunderbare Zeitschrift „Das Gedicht“ hält hierzu ein Gegenmittel bereit. Es macht allen, die nur ein bisschen Zeit mitbringen, auf überraschende Weise Lust auf Lyrik
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
09.02.2024

Man muss ehrlich sein: Manche Lyrikerin, mancher Lyriker hat es sich im Avantgarde-Ghetto gemütlich eingerichtet und schreibt Verse bloß für sich und die Branche. Dann darf man sich nicht darüber beschweren, dass ein nicht-doppelpromoviertes Lesepublikum sich abwendet. Die Lösung soll natürlich nicht heißen, dass man populistisch wird und den Leute nach dem Munde reimt. 

Wohl aber kann es helfen, an den Anfang zurückzukehren und sich Fragen wie diese zu stellen: Was macht ein Gedicht eigentlich aus? Was kann man mit ihm alles anstellen? Warum schenkt es Freude? Wieso würde uns etwas fehlen, wenn wir es nicht hätten?

Deshalb hat die Zeitschrift „Das Gedicht“ vor einigen Jahren eine eigene Rubrik mit Kindergedichten eingerichtet. Kuratiert wird sie von dem renommierten Kinder- und Jugendbuchlektor Uwe-Michael Gutzschhahn. Was er zusammenträgt, ist aber gar nicht infantil, sondern kann für Menschen aller Altersklassen eine Entdeckung und ein Genuss sein: Da wird gespielt, geträumt, gereimt, geformt, manchmal auch einfach nur Quatsch gemacht, die Sprache gefeiert – und das wohltuend unbefangen.

Wie schön, bewegend, beglückend und erschreckend es dann werden kann, zeigt ein Gedicht aus dem aktuellen Heft von Jutta Richter, von der ich schon einige großartige Kinder- und Jugendbücher gelesen habe. Es listet auf, was einen Sonntag besonders macht, mit vertrauten und überraschenden Bildern. Es öffnet den Sinn dafür, dass manchmal Himmel und Erde sich berühren. Es schenkt eine Ahnung von der Fülle der Zeit – und ihrer furchtbaren Begrenztheit. Ach, lesen Sie dieses „Sonntagsgedicht“ doch lieber selbst:

Im Wasser schwimmen Wolken

Der Himmel ist seeblau

Die Möwen üben Tiefflug

Ein Fisch sucht seine Frau.

 

Stumm grasen weiße Schafe

Der Wind haucht übern Deich

Ich liege hier und schlafe

Mein Sand ist warm und weich.

 

Ein Flugzeug malt zwei Streifen

Der Sperling hustet Töne

Komm, flüstert eine Schnecke

Du bist so rot, du Schöne.

 

Ich sitz im Sand. Wir trinken

Die laue Sonntagsluft.

Ein erster Stern will winken

Weil ihn die Eule ruft.

 

Die Sonne steht jetzt tiefer

Das Wasser glitzert rot

Bald glänzt es schwarz wie Schiefer

Dann ist der Sonntag tot.

 

P.S.: In der neuen Folge meines Podcasts „Draußen mit Claussen“ spreche ich mit dem Zeithistoriker Klaus Große Kracht über eine Studie, in der einen problematischen Aspekt der Homosexuellenbewegung untersucht hat.

 

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Danke H. Claussen!
Gelungene Gedichte und Reime konzentrieren Gedanken überzeugend auf den Punkt. Leser und Autor verschmelzen. Ihr Hinweis auf das elitär unverständlich abstrakte Verständnis als Beweis des eigenen IQ ist eine Bereicherung. Auch diese Formulierung ist schon verständlich an der Grenze. MfG Ockenga

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