Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“, kündigt der Bote der jungen Frau an. Ein Gott werde die Sterbliche schwängern. Der Bote ist der Verkündigungsengel. Und er sagt der Jungfrau Maria die Geburt eines von Gott gezeugten Kindes an: Jesus.
Dass ein Götterwesen sich irdischen Freuden hingibt, kommt in den Mythen vieler Religionen vor. Die Herrscher Babylons und Ägyptens waren angeblich göttlichen Ursprungs. Auch bedeutenden Persönlichkeiten der griechischen Antike wurde das nachgesagt.
"Unvereinbar mit der tiefsten Wahrheit der prophetischen Offenbarung"
Doch die Ankündigung dieses Boten findet sich in der Bibel, im ersten Kapitel des Lukasevangeliums. Das Paradoxe an der Situation: Gerade die biblische Tradition schließt jede Vermischung von menschlicher und göttlicher Sphäre kategorisch aus. Streng unterscheidet die Bibel zwischen Schöpfer und Geschöpf. Sie verbietet jegliche Gottesabbildung, damit die Gläubigen Gott nicht auf eine Ebene mit irgendwelchen existenten Dingen oder Lebewesen stellen. Und wenn israelitische Könige dennoch beanspruchten, von Gott gezeugte Söhne zu sein – wie es in Psalm 2 heißt, hielt das Judentum stets mit Nachdruck dagegen: Dies sei bildlich zu verstehen, nicht wörtlich.
Als „unvereinbar mit der tiefsten Wahrheit der prophetischen Offenbarung“ bezeichnete daher der evangelische Theologe Paul Tillich die Vorstellung eines höheren Wesens, das auf die Erde kommt, eine Jungfrau schwängert und selbst Mensch wird: „Der Gott, der alles Seiende erschafft, erhält und übersteigt, ist nicht selbst ein Seiendes, auch nicht das höchste Seiende“, schrieb er 1949 in einer englischen Kirchenzeitschrift aus Protest gegen allzu naive Inkarnationsvorstellungen. Wer wörtlich an der mythischen Variante von Gottes Menschwerdung festhält, muss sich von Juden, Muslimen und Atheisten zu Recht vorwerfen lassen, er sei abergläubisch.
So wie Jesus war der Mensch gedacht, als Gott ihn schuf
Dennoch mutet das Neue Testament den Gläubigen eine sehr weitgehende Identifikation von Gott und Jesus zu. Etwa wenn der Evangelist Johannes Jesus mit dem Satz wiedergibt: „Ich und der Vater sind eins.“ Leider hat sich nach zwei Jahrtausenden beharrlichen Gebrauchs von Bekenntnisformeln wie „aus dem Vater geboren, Gott von Gott, Licht vom Licht“ (so im Glaubensbekenntnis von Nizäa, 325 n. Chr.) das Bewusstsein dafür abgeschliffen, wie skandalös und anmaßend solch eine Behauptung für die ersten Hörer klang.
Denn auch das betont das Neue Testament: Jesus von Nazareth war kein über die Erde wandelnder Gott, sondern ein Mensch, der wirklich gelebt hat. Aber darin, wie er lebte, starb und den Tod überwand, erkannten seine Jünger Gottes wahres Ebenbild. „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung“, so heißt es im Kolosserbrief, einem der ältesten christlichen Schriftzeugnisse überhaupt. Modern formuliert: So wie Jesus war der Mensch gedacht, als Gott ihn schuf.
Wenn es einen Gott gibt, muss er so sein wie Jesus von Nazareth
Die Faszination für Jesus hat sich über die Jahrtausende gehalten. Der Philosoph Karl Jaspers zählte den Mann mit dem „grenzenlosen Leidensbewusstsein“ zu den „maßgebenden Menschen“ der Weltgeschichte. Der atheistische Publizist Gerhard Szczesny nannte Jesus ein „Genie des liebenden Verstehens“.
Die Lehre von der Menschwerdung Gottes kann man auch so verstehen: Wenn es einen Gott gibt, dann muss er so sein wie dieser Mensch Jesus von Nazareth – annehmend, vergebend, liebend und bis zur völligen Selbstverleugnung sich für andere hingebend.
„Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen“, sagte der Hauptmann unterm Kreuz, nachdem er Zeuge geworden war, wie Jesus starb (Markusevangelium 15,39). Christen haben Bekenntnisse wie dieses ins Zentrum ihres Glaubens gerückt. Jesus ist nicht nur der Messias, der Christus, der Sohn Gottes. Mehr noch: In Jesus von Nazareth zeigt sich, wie Gott wirklich ist.
Insofern ist die Lehre, dass Gott Mensch wird, Krankheit, Verachtung und den Tod auf sich nimmt und mit den Menschen teilt, logischer Rückschluss aus diesem Christusglauben. Dass Jesus gezeugt, nicht geschaffen sei, unterstreiche, dass sich in diesem Menschen Gott gezeigt habe, sagen die Theologen. Ansonsten ist die Weihnachtsgeschichte vom Heiligen Geist, der eine Jungfrau schwängert, legendarische Ausschmückung, mehr nicht.

