chrismon: Warum reicht es nicht, einfach positiv zu denken?
Gabriele Oettingen: Positive Zukunftsfantasien sind attraktiv und machen gute Laune. Ich kann mir lebhaft den schönen Moment vorstellen, wenn ich ein großartiges Jobangebot unterschreibe oder so viel Gewicht verliere, dass ich wieder in meine alten Hosen passe. Beim Umsetzen dieser Vorhaben hilft das aber wenig. Denn die Fantasien verführen uns, die Erfolge der Zukunft schon vorwegzunehmen, anstatt den Weg zum Ziel zu planen und Vorkehrungen für Schwierigkeiten zu treffen. In über 20 Jahren haben wir in vielen Studien festgestellt, dass dieser Mechanismus für ganz unterschiedliche Lebensbereiche gilt: Hochschulabsolventen, die positiv darüber fantasierten, gut ins Berufsleben einzusteigen, erhielten weniger Stellenangebote und verdienten nach zwei Jahren weniger als Studierende, die auch negative Gedanken zuließen. Je positiver Personen in einem Programm für Gewichtsreduzierung über ihren Erfolg fantasierten, desto weniger Kilos hatten sie nach drei Monaten und nach einem Jahr verloren. Das gilt auch für die Bewältigung chronischer Krankheiten oder die Genesung nach operativen Eingriffen.
Wie kann ich denn meine guten Vorsätze auch wirklich umsetzen?
Zusätzlich zu den positiven Zukunftsfantasien brauche ich eine Portion Realität: Ich erspüre zunächst einen mir am Herzen liegenden, machbaren Wunsch und stelle mir lebhaft vor, wie ich mich fühle, wenn ich ihn mir erfüllt haben werde. Dann stelle ich mir vor, was im Wege steht. Wenn ich mir das Hindernis in mir bildhaft vorstelle, wird mir klar, wie ich es überwinden kann. Jetzt kann ich einen Plan machen. Insgesamt sind es also vier Schritte: Wunsch (Wish), Ergebnis (Outcome), Hindernis (Obstacle) und Plan (Plan), das ergibt auf Englisch "WOOP" - eine bewusste Imaginationstechnik. In der Forschung wird sie auch "Mental contrasting with implementation intentions" (Mentales Kontrastieren mit Durchführungsvorsätzen) genannt.
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