Fast jeder und jede kennt diese eine Schublade. In die kommt alles, was wichtig ist. Und was nicht so wichtig ist. Was sonst rumliegen würde. Was wir andauernd brauchen – oder vielleicht nie wieder. Vielleicht! Ladekabel, Handcreme, Tempos, Korkenzieher, wo würde man die auch sonst suchen? Kundenkarten von Shops, die längst geschlossen sind. Visitenkarten von Menschen, die wir mal kannten. Ein Sticker, ein Kerzenstummel, ein Taschenlämpchen, ein Notizblock, ein Kugelschreiber ohne Mine. Ein Schlüssel, aber wofür passt der noch mal?
Wunderbar, so eine Schublade. Schließen wir sie, dann sieht es in der Wohnung so aus, als hätten wir unser Leben im Griff. Öffnen wir sie, wie jetzt die Freundinnen und Freunde unserer Fotografin, dann blicken wir hoffnungsvoll in unser kleines Chaos und manchmal auf Verlorengeglaubtes.
Sanft, weich und sicher. Papiertaschentücher sucht man immer. In Aminas Küche sucht man nicht lange, da gibt es eine einzige Schublade. "Alles, was sonst keinen Ort hat, wird da reingeschmissen. Alles wird schön gequetscht." Die Servietten überleben das nur mit Blessuren, aber egal.
Wie lange heben wir eigentlich Quittungen auf? Das Geld wird nicht lange aufbewahrt, es ist der Vorrat für den Monat. Dies hier ist Bettys Hauptschublade. "Die öffne ich mindestens einmal am Tag." Der einzige Gegenstand, der schon immer drin war, ist der Locher. Die anderen Sachen ziehen immer mal um in andere Schubladen.
In Julis Spezialschublade im Schlafzimmer lagert ein Vorrat an Lebensmitteln. Feinkost unterm Bett? Genau: dem Zugriff der lieben Mitbewohner entzogen! Geschenke wahrscheinlich. Schickes Risotto, guter Chianti, handgemachte Pasta, Gelee von Roten Johannisbeeren, besonderes Öl. Reicht mindestens für ein Abendessen – für die Wohngemeinschaft.
Für die Sachen, die man im Schlafzimmer schnell mal braucht. "Taschentücher und so. Das Augenmerk liegt wahrscheinlich auf dem Satisfyer und dem Dildo." Stimmt. Aber die Döschen sind Kira auch sehr wichtig. "Sie enthalten schöne Erinnerungen, kleine Sachen. Das ist eine sehr persönliche Schublade."
Wie ordentlich! Und reich an farbigen Stiften, Utensilien für ein kreatives Dasein, inklusive Schweinchen-Radiergummi. Das ist Lauras Schreibtischschublade. "Ein alter Schultisch, und ich finde es voll geil, weil da alte Tags von Schüler*innen drin sind." Laura sortiert gern, sagt sie. "Mein autistisches Hirn fährt da voll drauf ab."
Jede Schublade ist eine eigene Welt, sagt Lea. Diese Welt ist eine vergangene. "Sie enthält Dinge, die ich lange habe, nicht mehr trage, die aber viele Erinnerungen bergen." Schätze voller Glanz und Glitzer, die darauf warten, eines Tages wiederentdeckt zu werden. Das blaue Kettchen zum Beispiel, vielleicht lebt es auf einem schwarzen Pullover auf? Lea hat auch eine Jakobswegschublade in ihrem Sekretär. "Das Ladekabel ist durch einen Kurzschluss geschmolzen, ebenso mein Handy. Ich musste lernen, ohne Handy unterwegs zu sein. Das mir tatsächlich das Vertrauen in die Welt zurückgegeben." Der Jakobsweg, hat Lea gelernt, gibt einem nicht, was man will, aber immer, was man braucht. Einen Eukalyptuszweig zum Beispiel.
Seltener Anblick: eine Schublade, die noch deutlich aufnahmefähig ist. Es ist Lindas einzige, "da kommen Sachen rein, die sonst keinen Platz haben. Zum Beispiel die Reißverschlüsse meiner Doc-Martens-Stiefel." Ansonsten mag sie Schubladen nicht. "Man verliert die Kontrolle über sie …"
Shannon hat Schlafstörungen, deshalb der Baldrian. Warum sie in derselben Schublade die Briefe ihrer E-Freunde aufhebt – ihr Geheimnis. Aber sie verrät: "Manche Sachen können nicht im Zimmer rumfliegen. Man versucht, den Schein zu wahren, dass man ordentlich ist." Sie nennt den Ort: Müllschublade. Wegen der Ex-Freunde-Briefe.
Tim hat sich früher mit Modellbau beschäftigt. Aktuell nicht, deshalb wird sie seltener geöffnet. Aus der Modellbauphase stammt dann vielleicht auch das übrig gebliebene Beutelchen Limonentee.

