Im Film "Heldin" spielen Sie eine Pflegerin. Es geht um die Extreme des Jobs: schwere Schicksale auf einer Krebsstation, Menschen, die nur sich selbst sehen, während die Krankenschwester alle im Blick haben muss. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Leonie Benesch: Ich habe eine Art passives Praktikum in einem Krankenhaus in Basel gemacht. Da konnte ich beobachten, wie sich diese Frauen durch diesen Gang bewegen. Der Schlüssel zu der Figur war für mich, dass man ihr abnimmt, dass sie jeden Handgriff 10 000 Mal am Tag macht. Meine Wohnung in Zürich war voll mit Spritzen, Flüssigkeiten und Schläuchen, damit ich lernen konnte, wie man die aufreißt, wie man sie zusammensteckt, wie man Katheter anschließt, bis ich alle Abläufe in- und auswendig konnte.
Leonie Benesch
Und welche Rolle spielt da die Sprache, die ja auch Fremdsprache ist?
Die Sprache in "Heldin" ist oft sehr funktional: Gib mir das. Stell das dahin. Kannst du bitte den Schrank füllen? Bring die Dinger zum Spülen. Dieses Vokabular wird runtergerattert. Der andere Aspekt ist eine distanzierte Freundlichkeit im Umgang mit den Patienten, sich immer wieder neu auf jemanden einstellen, ehrliche Anteilnahme an unterschiedlichen Patienten.
Obwohl ein ganzer Tag auf 90 Minuten verdichtet ist, hat man das Gefühl, es in Echtzeit zu erleben und dabei unaufhaltsam auf eine Katastrophe zuzusteuern. Ist das schon fast nicht mehr Spielen, sondern eigentlich Leben?
Das ist auf jeden Fall gespielt, ich habe ja keine dieser Qualifikationen. Nehmen wir einen Venenzugang: Ich weiß, wie es theoretisch geht, habe es aber nie in menschlicher Haut getan. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war ich sehr erschöpft – damit war die Grundvoraussetzung für die Rolle eigentlich sehr gut. Aber ich versuche ja nicht, eine gestresste Frau zu spielen. Der Stress entsteht durch die Aneinanderreihung unterschiedlicher Situationen. Für mich ist das ein herrlicher Tag bei der Arbeit.
Im Zusammenhang mit Ihrem Film "Das Lehrerzimmer" haben Sie gesagt, dass Sie als Gegengewicht zu den vielen gesprochenen Worten irgendwo in eine Ecke gegangen sind und getanzt haben . . .
Ich bin jemand, der das Drehbuch sehr gut kennt, aber den Text lerne ich immer sehr frisch, und beim "Lehrerzimmer" war das ja auch sehr viel Text. Als Aufenthaltsraum hatte ich so ein altes leeres Klassenzimmer, in das ich mich zurückziehen konnte. Und da habe ich mir morgens Musik auf die Ohren gegeben und getanzt. Mich zu bewegen, hilft mir beim Textlernen, und es verhindert, dass ich ein sprechender Kopf vor einem Regal werde. Wenn man den ganzen Tag nur redet, kann es passieren, dass man aufhört, in seinem Körper zu wohnen. Um das zu vermeiden, macht es Sinn, sich morgens einmal richtig viel zu bewegen und dann zwischendrin auch immer wieder zu dehnen und zu strecken. Mir hilft das.
Sie scheinen ein gutes Radar für die richtigen Projekte zu haben.
Ich bin der Überzeugung, dass die größte, eigentlich auch die einzige Macht, die ich in meinem Beruf habe, die ist, Nein zu sagen. Beziehungsweise Ja zu Projekten, bei denen ich schon beim Lesen des Drehbuchs kluge Beobachtungen oder etwas Interessantes entdecke. Ob das dann als gesellschaftlich relevant gesehen wird, das hofft man ein bisschen.
"Mein Vater hat immer gesagt, wenn ich weiß, was ich möchte, wird das schon gut gehen. Das hat mir Mut gemacht"
Leonie Benesch
Sie haben in Serien wie "Babylon Berlin", "The Crown", "In 80 Tagen um die Welt" und "Der Schwarm" mitgespielt, das ist schon ein sehr langer, guter Lauf mit sehr verschiedenen starken Rollen . . .
Ausschließlich auf Prestigeprojekte zu setzen, ist unmöglich und wäre ein vermessener Anspruch. Es ist überhaupt nicht schlimm, ein Projekt zuzusagen, weil man seine Miete bezahlen muss. Der Traum ist natürlich, an einen Punkt in der Karriere zu kommen, an dem man nur die Projekte zusagen kann, die man wirklich machen möchte. Aber das ist der Traumzustand, den ich ein paar Mal in meinem Leben hatte und ein paar Mal auch nicht.
Sie sind zu Hause ohne Fernseher aufgewachsen, ist das eine gute Voraussetzung für den Schauspielberuf?
Für mich auf jeden Fall die beste, denn wenn ich dann mal etwas gesehen habe, hatte ich immer ein gutes Gespür dafür, wie gut oder schlecht die Performances sind. Je gewohnter man etwas konsumiert, desto mehr verliert man die Sensibilität dafür, was gutes Spiel ist, glaube ich. Schon als Kind dachte ich oft, ich glaube der Frau, dem Mann kein Wort. Oder es hat mich ganz stark getroffen und ich war tief berührt.
Und was haben Ihre Eltern in diesem filmfernen Haushalt zu Ihrem Berufswunsch gesagt?
Vor allem mein Vater hat immer gesagt: "Wenn du dir im Klaren darüber bist, was du möchtest, dann können wir versuchen, Lösungen dafür zu finden." Ich glaube, ohne meinen Vater wäre ich auch nicht auf die Schauspielschule in London gegangen, weil das ein hohes finanzielles Risiko war und wir kein Geld hatten. Ich habe mir völlig größenwahnsinnig Geld geliehen. Oder war es Selbstvertrauen? Wo liegt der Unterschied? Ich weiß es nicht genau, aber mein Vater hat immer gesagt, wenn ich weiß, was ich möchte, wird das schon gut gehen. Das hat mir Mut gemacht.
Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes magisches Kinoerlebnis?
Das war mit meiner Großtante Irene, die vor kurzem 84 geworden ist und schon immer in Berlin gelebt hat. Und ich war als Kind mal bei ihr zu Besuch und sie hat mich in "Pippi Langstrumpf" mitgenommen, mit ihr fühlte ich mich immer ein bisschen wie Pippi. Damals gab es für mich nichts Aufregenderes, als ins Kino zu gehen.
Im Film "September 5" über das Olympiaattentat in München im Jahr 1972 spielen Sie die einzige relevante weibliche Figur in einem Newsroom voller Männer. Haben Sie das Gefühl, dass sich infolge der Me-too-Debatte die Rollen verändert haben?
Ja, auf jeden Fall. Ich erinnere mich, dass ich mich bereits ein Jahr später am Set sicherer gefühlt habe. Das Arbeitsklima hat sich grundlegend verändert.
Inwiefern?
Wenn ich jetzt das Wort ergreife, ist es selbstverständlicher, dass ich ernst genommen werde. Wenn ich jetzt sage: "Das möchte ich nicht", dann wird das respektiert. Und auf gar keinen Fall wird sich irgendjemand trauen, "Jetzt hab dich nicht so!" zu sagen. Als junge Frau zu sagen, das möchte ich nicht, das hätte ich mich vor #metoo eher nicht getraut. Danach wurde es viel einfacher. Wenn wir uns die Statistiken anschauen, wie viele Frauen in unterschiedlichen Gewerken übergangen oder unterschätzt werden, wie wenig substanzielle Frauenrollen es im Vergleich zu Männerrollen gibt, da müssen wir uns nichts vormachen, da sieht es immer noch übel aus. Und trotzdem hat sich grundlegend etwas verändert in der Art und Weise, wie Frauenrollen geschrieben werden, wie die Konversation geführt wird, welche Geschichten wie erzählt werden. Warum gibt es eigentlich so wenig Geschichten für Frauen über 45? Warum haben wir als Gesellschaft entschieden, dass die nicht erzählenswert sind?
"Wenn jemand ein klischeehaftes, dummes, veraltetes Bild von einer Prinzessin aufschreibt, interessiert mich das nicht"
Leonie Benesch
Das stimmt ja so auch nicht mehr, Schauspielerinnen wie Barbara Sukowa, Maren Kroymann oder Iris Berben, die über 70 sind, wundern sich über die Menge guter Rollen, die ihnen angeboten werden . . .
Aber das sind absolute Ausnahmen. Wo sind die anderen alle? Warum gibt es so viele Männer? Und warum so wenige Frauen? Warum fallen uns da zwei, drei Frauen ein, aber 15 Männer?
Reden Sie da auch mit, wenn es um die Darstellung von Frauen in einem Film geht?
Das ist auf jeden Fall eine Frage, die für mich eine Rolle spielt: Wie sind Frauen dargestellt? Ist es genau beobachtet? Ist es gut geschrieben? Wenn jemand ein klischeehaftes, dummes, veraltetes Bild von einer Prinzessin aufschreibt, dann interessiert mich das nicht. Bei einer gut beobachteten Figur muss ich mir die Frage nicht stellen. Einfluss nehme ich, wann immer ich kann, aber lieber ist mir, den Autoren, den Autorinnen zu vertrauen.
"September 5"-Regisseur Tim Fehlbaum hat überlegt, mehr Frauen in die Geschichte hineinzuschreiben. Wenn es dann eine Szene gibt, in der Ihre Figur zum Kaffeeholen geschickt wird, und Sekunden später wird klar, man hat die dringend gebrauchte Übersetzerin weggeschickt, ist das schon eine kleine Rüge für die Männer?
Ja, das ist eine Szene mit einer feministischen Punchline, die sehr klug ist, ohne ausgestellt zu sein. Ich mag die Feinheit, mit der das eher beiläufig erzählt wird. Tim hat sich in der Vorbereitungszeit quasi entschuldigt, dass es keine weitere größere Frauenrolle geben kann, weil das unrealistisch wäre. Da möchte ich ihm auch zugutehalten, dass er schon 2011 gegen großen Widerstand Hannah Herzsprung in der zentralen Hauptrolle seines Science-Fiction-Films "Hell" besetzt hat. Ihm wurde damals immer gesagt, wir mögen dein Buch, aber wir wollen keine Frau in der Hauptrolle sehen. Die Zuschauer wollen das nicht sehen. Da sind wir wieder beim Thema, solche Dinge haben sich verändert.