30.09.2019

Liebe Leserinnen und Leser,

vielleicht sind Sie dieser Tage gefragt worden, ob Sie Ihren Kindern ein bisschen Obst mit in die Schule oder in den Kindergarten geben können. Oder Ihre Kirchengemeinde hat Sie darum gebeten - damit der Altarraum schön hergerichtet werden kann für den Erntedankgottesdienst.

Ketzerische Frage: Warum feiern wir eigentlich noch Erntedank? Wir haben doch alles im Griff! Dünger steigert die Erträge, gutes Saatgut auch. Die Äpfel, die im Supermarktregal landen, haben immer die gleiche Qualität, ist doch super! Und wenn die Folgen der Erderwärmung - Dürre, Starkregen, Stürme ... - die Getreideernte für unser täglich Brot auf unseren Äckern schmälern oder zunichtemachen, wird der Weltmarkt schon für guten und günstigen Ersatz sorgen. Dann kommt halt Mehl aus der Ukraine in die Brötchen und Semmeln, passt doch! 

Stichwort Acker: Die beiden christlichen Kirchen zählen zu den größten Landbesitzern in Deutschland. Das hat historische Gründe. Allein die evangelischen Kirchengemeinden besitzen 325.000 Hektar Land. Ganz Berlin würde mehr als dreimal in diese Fläche passen, so riesig wäre sie, wenn man sie sich zusammendenkt. Die Kirche verpachtet das meiste Land an Landwirte und erzielt so wichtige Einnahmen, damit im evangelischen Kindergarten um die Ecke auch Geld da ist für interessantes Spielzeug - oder die Pfarrerin nicht noch ein Dorf mehr anfahren muss, weil Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Pachterträge fließen nämlich oft in die Pfarrbesoldung.

Viele Gemeindeglieder aber wollen mehr als nur Pachteinnahmen. Und auch viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, haben uns in den vergangenen Jahren schon geschrieben, wenn wir über Landwirtschaft berichtet hatten: "Kann die Kirche auf ihrem Land nicht mehr für Insekten und Vögel tun?"

Solche Gedanken kamen auch in Berkenthin auf, einem Dorf am Elbe-Lübeck-Kanal. Knapp 40 Hektar hat die Kirchengemeinde zu verpachten. Es gab Stimmen, die einen radikalen Bruch forderten: alles Land an einen Biobauern! Aber Pastor Wolfgang Runge hatte Bedenken. Würde das die Landwirte, die jedes Jahr zu Erntedank vorm Umzug durch den Ort kräftig mit anpacken, total enttäuschen? Oft hatte er auf den Höfen schon vom großen Druck gehört, der auf den Landwirten lastet ...

Am Ende fand die Kirchengemeinde einen Kompromiss: Die Pächter blieben, aber bunter und vielfältiger wurde es trotzdem auf dem Kirchenland. Auch durch die Hilfe von außen. In Berkenthin halfen der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt der Nordkirche und der Verband für Landschaftspflege mit ihrer Expertise. Andere Gemeinden rufen vielleicht bald bei "Fairpachten" an und holen sich Rat von NABU-Expertinnen. Wie das geht und ob das Beispiel Berkenthin als Vorbild für andere Gemeinden taugt, können Sie auf unserem Schwerpunkt Kirchenland nachlesen.

Als ich Pastor Runge und einige der Pächter in Berkenthin besuchte, fragte ich einen der Landwirte, ob es für ihn etwas Besonderes sei, Kirchenland zu bewirtschaften. Seine Antwort: "Auch wenn wir moderne Technik und Maschinen haben, hängen wir auf dem Feld von der Schöpfung ab. Man liegt in Gottes Hand, man kann nicht alles beeinflussen, das ist mir auf dem Kirchenland noch mal deutlicher vor Augen."

Also, es war wirklich nur eine ketzerische Frage, warum wir Erntedank feiern. Es gibt immer noch gute Gründe dafür, dankbar für die Ernte zu sein – und vielleicht fragen Sie ja nach Ihrem Erntedankgottesdienst einfach mal nach, ob auch Ihre Kirchengemeinde Land verpachtet.

Alles Gute!

Ihr

Nils Husmann, chrismon-Redakteur

PS: Streiten Sie auch so gerne wie wir? Wir freuen uns auf jeden, der konstruktiv mit Andersdenkenden debattieren möchte - zum Beispiel bei Deutschland spricht.