Schloss Bellevue mit einer Dachinstallation von Christian Awe
Ausstellungsansicht "FREIRAUM KUNST. Akademie der Künste goes Bellevue", Schloss Bellevue, 13.–28. Juni 2026
Akademie der Künste goes Bellevue - hier die Installation von Christian Awe auf dem Dach des Bundespräsidialamtes
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Zwischennutzung
Ein Palast für zwischendurch
Kunst im Schloss Bellevue, das gibt es gerade in Berlin. Die Aktion ist ein prominentes Beispiel für die Strahlkraft der Zwischennutzung leerstehender Gebäude
Tim Wegner
18.06.2026
4Min

Dieser Tage war ich in Berlin - und konnte mit viel Glück eines der schnell vergriffenen Tickets für eine spektakuläre Kunstausstellung im Schloss Bellevue ergattern, dem Amtssitz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Da, wo sonst Bundeskanzler oder Bundeskanzlerinnen ernannt und Staatsgäste empfangen werden, standen Skulpturen, an den Wänden Pop-Art und Projektionen, irgendwo improvisierte ein Saxofonspieler.

Es war voll und lebendig, die Leute flanierten durch die Prachträume, diskutierten, lachten, filmten sich vor der Mini-Skulptur des Bundespräsidenten und schienen einfach nur glücklich sein. Im Treppenhaus warf ein Beamer den Dokumentarfilm "Die Mauer" von Jürgen Böttcher aus dem Jahr 1990 an die Wand. Auf jeder Stufe saß jemand und schaute fasziniert zu. Auch ich blieb hängen. Was für ein Ort für diese Bilder!

Die Idee zur Ausstellung "Freiraum Kunst" kam vom Bundespräsidialamt selbst. Das ab 1785 errichtete Schloss muss für eine jahrelange Grundsanierung komplett geräumt werden – und wird nun von der Akademie der Künste in Berlin noch für zwei Wochen bespielt, bevor die Handwerker kommen. "Wir als Gesellschaft brauchen Kunst", sagte Frank-Walter Steinmeier bei der Vernissage.

Doch wo gibt es freie und bezahlbare Räume für diese Kunst? Das Stichwort lautet, wie hier: Zwischennutzung. Sie ermöglicht den Brückenschlag zwischen leeren Räumen und Menschen, die sie vorübergehend gerne nutzen würden: für Ausstellungen oder Konzerte, für Start-ups, Sportvereine oder sogar unter bestimmten Auflagen auch temporäres Wohnen.

Ich telefoniere mit Moritz Tonn vom Berliner Verein Transitraum. Moritz ist dort Geschäftsführer und vermittelt leerstehende Gewerberäume in und um Berlin an Interessenten der unterschiedlichsten Art. Über 2 Millionen (!) Quadratmeter Gewerbeflächen stehen zurzeit in Berlin leer. Eine gigantische Menge an leeren Flächen, die in den nächsten Jahren, so die Prognose, weiter steigen wird. Leerstand ist per se nichts, worüber sich Moritz freuen würde, aber er weiß: "Leerstand muss nicht Stillstand heißen."

Denn im besten Falle lässt sich dieser Leerstand für die Stadtgesellschaft in einen "Gewinn" umwandeln: "Wir schaffen Orte und Gelegenheit für die Menschen, die hier leben, ihre Projekte zu verwirklichen, sich zu treffen und auszutauschen und gemeinsam dafür zu Sorgen, dass ihr Kiez, ihr Quartier und ihre Stadt bunt und lebensfroh bleiben", sagt Moritz.

Hinter dem nicht gemeinnützigen Verein, der allerdings von seinem Vorstand ehrenamtlich geleitet wird, steht ein kommerzielles Konzept: Mitglieder des Vereins sind Projektentwickler und Baugesellschaften. Sie zahlen 2000 Euro Mitgliedsbeitrag pro Jahr und erkaufen sich mit dieser Summe die Möglichkeit, dass der Verein für ihre leerstehenden Räume eine Nutzung findet. Oft handelt es sich dabei um Gewerbeflächen, die lange vor Corona geplant und teilweise auch fertig gebaut wurden - und nun leer stehen.

Zwar können leerstehende Gewerbeflächen steuerlich abgesetzt werden – doch unabhängig davon kostet der Unterhalt auch eines leerstehenden Gebäudes immer Geld. Und sowieso wurde es eigentlich mal geplant und errichtet, um rund 35 Euro Gewerbemiete pro Quadratmeter zu erzielen - so der aktuelle Stand in Berlin.

Die Künstlerin Karin Sander schrumpfte mithilfe von 3D-Bodyscans Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Püppchengröße

Was mir an dem Berliner Konzept gefällt: Wir Steuerzahlerinnen bleiben bei diesem rein privatwirtschaftlich organisierten Verein außen vor. Das ist bei anderen Modellen in Deutschland – hier meine Kolumne zur Nutzung des einstigen Karstadt-Sporthauses in Hamburg – anders, und das finde ich bedenklich. Denn warum sollte ich mit meinem Geld einem Investor, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit, die Kosten für den Betrieb seines leerstehenden Bürogebäudes finanzieren?

Irgendwann endet die Zwischennutzung, und der Investor verkauft – vielleicht sogar doch mit Gewinn, weil die Wirtschaft wieder angezogen ist, weil die Leute wieder ins Büro kommen, oder, oder, oder.

Im Falle vom Schloss Bellevue ist das alles ganz anders. Was der Spaß gekostet hat oder besser gesagt noch kostet, darüber wollen sich weder das Bundespräsidialamt noch die Akademie der Künste öffentlich äußern. Allerdings verweisen beide auf eine Reihe von privaten Sponsoren.

Anh-Linh Ngo jedenfalls, Ausstellungskurator und Vizepräsident der Akademie der Künste, ist begeistert über diese Möglichkeit, denn der große Andrang und die Begeisterung der Besucher würden zeigen, so schreibt er mir in einem Statement, "wie groß das Bedürfnis nach solchen Orten ist". Teilhabe ist das entscheidende Stichwort.

Und genauso wie Moritz Tonn erkennt auch Anh-Linh Ngo in leerstehenden Gebäuden eine "Ressource". Doch mit dieser Ressource könnten sowohl die öffentliche Hand wie auch private Eigentümer "offensiver" umgehen, indem sie, wie jetzt der Bundespräsident, ihre Räume zeitweise für die Kunst öffnen.

Aber, und da kann ich nur zustimmen: Zwischennutzungen könnten nie die alleinige Lösung für Kunst und Kultur sein. "Nur dürfen solche Aktionen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kunst und Kultur auf Dauer mehr braucht als Raum auf Zeit: Sie braucht eine verlässliche Infrastruktur und einen festen Platz in unserer Gesellschaft. Um diese Freiräume zu kämpfen lohnt sich."

Infobox

Die Ausstellung "FREIRAUM KUNST. Akademie der Künste goes Bellevue" läuft noch bis zum 28. Juni.

Der Verein Transiträume e.V. ist auf dieser Website zu finden.

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Kolumne

Dorothea Heintze

Wohnen wollen wir alle. Bitte bezahlbar. Mit Familie, allein oder in größerer Gemeinschaft. Doch wo gibt es gute Beispiele, herausragende Architekturen, eine zukunftsorientierte Planung? Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß: Das eigene Wohnglück zu finden, ist gar nicht so einfach.