Symbolfoto: Schild mit der Aufschrift "Arztpraxis geschlossen" hängt leicht schräg an Lederbändern in einem Fenster
Die Boomer gehen in Rente - wer folgt nach?
Torsten Sukrow/picture alliance
Ärztemangel in Mecklenburg-Vorpommern
Medizinischer Nachwuchs dringend gesucht
Fachärztemangel ist nicht nur ein Problem im ländlichen Raum. Unsere Kolumnistin wohnt in Greifswald und erlebt gerade, wie es in der Stadt eng wird, wenn die Ärzte im Umland aufgeben
Anke LübbertPR
18.03.2026
4Min

Ärztemangel sei ein Problem der ländlichen Räume, dachte ich bisher. Bis es mich plötzlich persönlich traf. Mitten in der Stadt. Denn wenn Arztpraxen auf dem Land schließen, wirkt sich das auch auf die Stadt aus: lange Wartezeiten auf Termine. Fachärzte, die keine neuen Patienten mehr nehmen.

Vergangene Woche war ich in der Zahnklinik. Ich bin Stammpatientin, bisher hatte ich dort einen "eigenen" Zahnarzt, der die Rolle eines Hauszahnarztes erfüllte. Weil er die Klinik verlassen hat, wurde mir mitgeteilt, ich sollte zur Vorsorge in die Schmerzsprechstunde kommen. Zur Begrüßung hörte ich entschuldigend: "Wir müssten ihnen eigentlich einen neuen Stammarzt zuweisen, aber das geht zurzeit nicht. Wir haben mittlerweile so viele Patienten aus der Peripherie, die zu uns kommen, weil dort die Zahnarztpraxen schließen."

Die zusätzliche Belastung durch Patienten aus dem Umland sei zu merken, sagt Karl-Friedrich Krey, Direktor der Zahnklinik. "Wir haben keinen Kassensitz und keinen Versorgungsauftrag, aber wir schicken trotzdem niemanden weg." Egal ob Zahn- oder Humanmediziner, die Ärztinnen und Ärzte der Boomerjahre gehen in Rente und finden keine Nachfolger. In Mecklenburg-Vorpommern sind von rund 1000 Hausarztsitzen etwa 50 unbesetzt. Vor einigen Jahren waren es noch 80, seitdem haben die Kassenärztliche Vereinigung, die Krankenkassen und die Vertragsärzteschaft vor allem mit hohen Fördergeldern gegengesteuert. Bis zu 125 000 Euro kann man für Investitionen bekommen, wenn man sich niederlässt.

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Auf Usedom hat die Gemeinde Heringsdorf eine eigene Kampagne ins Leben gerufen: "Meer sucht Arzt", heißt sie. Die Gemeinde bietet an, bei der Suche nach Wohnung und Kita zu helfen und auf das Geld der Kassenärztlichen Vereinigung noch einmal maximal 50 000 Euro draufzulegen.

Die medizinische Versorgungssituation auf der Insel war in der Urlaubssaison immer schon angespannt, weil Touristen bei der Bedarfsplanung nicht mitgerechnet werden. Dazu kommt nun auch noch ein freier Hausarztsitz.

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Mehr als 30 Prozent der ambulant tätigen Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern sind über 60. Die große Pensionierungswelle kommt also erst noch. Angelika von Schütz ist Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern und sagt: Neben den Hausärzten fehlen neuerdings auch Haut- und Augenärzte, HNO- und Kinderärzte und, ganz großes Problem, ärztliche Psychotherapeuten. Selbst wenn man einen Nachfolger fände, sagt sie, hätten heutige Berufsanfänger oft ein anderes Lebensmodell als die in Rente gehenden Kollegen. Sie planten eine Familiengründung und streben an, sich den Kassensitz zu teilen. Das sei sehr verständlich, führe aber dazu, dass noch mehr Ärzte gebraucht würden.

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Die Unis in Rostock und Greifswald bilden mehr Mediziner aus als im Bundesschnitt. Nur bleiben die leider nicht da. "Land zum Leben" steht auf den Begrüßungsschildern an den Landesgrenzen – aber für viele Studierende ist Mecklenburg-Vorpommern nur das "Land zum Studieren". Darum hat die Regierung vor vier Jahren eine Landarztquote für das Medizinstudium eingeführt. 32 Medizinstudienplätze werden NC-unabhängig an Bewerber vergeben, die sich verpflichten, zehn Jahre im Land zu bleiben. Seit diesem Jahr gibt es die Quote auch für Zahnärzte. Das Problem ist nur: Die medizinische Ausbildung dauert bis zu zwölf Jahre. Für den aktuellen Mangel kommt sie zu spät.

Überall in Deutschland fehlen Ärzte. Aber in den ostdeutschen Kommunen trifft der Ärztemangel auf Menschen, die vorher schon miterlebt haben, wie die Schulen, die Kindergärten, die Kneipen und die Läden geschlossen wurden. Wenn jetzt auch noch der langjährige Arzt geht und kein neuer nachkommt, verstärkt sich ein Gefühl von Abgehängtsein, Alleinsein, Ohnmacht.

Und Gesundheit trifft die Leute persönlich. Wenn man einen Arzttermin braucht, aber erst in einem halben Jahr einen bekommt und dafür stundenlang Auto fahren muss, macht das hilflos. Und dann wütend. Wie viele zögern eine Terminvereinbarung heraus, wenn sie weit fahren müssen, kein Auto haben und ungern um Hilfe bitten wollen? Wie viele sind nach drei Absagen am Telefon so frustriert, dass sie den nächsten Versuch erst dann starten, wenn Schmerzen vielleicht schon chronisch geworden sind?

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"Die Menschen hier sind ja gewohnt, weit zu fahren", sagt Angelika von Schütz von der Kassenärztlichen Vereinigung. "Die sind wirklich hart im Nehmen. Über 30 Kilometer redet man gar nicht, viele sind bereit, auch mal zwei Stunden zu einem Facharzt zu fahren." Besonders schwierig ist die Situation für alte Leute, die nicht mehr fahren können, und für Menschen ohne Auto. Der ÖPNV sei ja eher mittelgut, sagt Angelika von Schütz. Was eine grandiose Untertreibung ist. Vielerorts sind die Bus- und Bahnverbindungen unzumutbar. Der einzige Bus, der verlässlich kommt, ist oft der Schulbus – den nehmen Ältere gerne zum Arzt. Und wenn Ferien sind?

Tobias Lippek ist Co-Funder von 32bit, einem Geschäftsmodell für aufsuchende Zahnmedizin. Ein Bus mit einer "vollausgestatteten, stationären, ambulanten Praxis fungiert als zentrale Drehscheibe für komplexe Behandlungen, Administration, Sterilisation und Koordination", heißt es auf der 32bit-Website. Die Idee ist, immobile Patienten anzufahren und dafür mit Pflegeheimen zu kooperieren. Aufsuchende Zahnmedizin – perspektivisch auch für andere Fachrichtungen nutzbar. Vor zwei Jahren haben Lippek und sein Team ihr Projekt in einer Pilotphase in Mecklenburg-Vorpommern getestet. "Das Schönste war, zu merken, wie dankbar die Patienten sind, wenn man kommt", sagt er. Aber auch der wirtschaftliche, technische und regulatorische Teil funktioniere. "Wir haben in der Pilotphase gemerkt, dass wir auf der richtigen Spur sind."

Noch 2026 eröffnet die erste mobile zahnmedizinische Versorgung. Leider kleiner Haken: aus persönlichen Gründen nicht in Mecklenburg-Vorpommern, sondern in der Südpfalz. "Aber wir suchen in allen Bundesländern nach Nachahmerinnen und Nachahmern und sind bereit, unser Konzept zu teilen", sagt Tobias Lippek. Herzliche Einladung an die Küste.

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Kolumne

Christian Kurzke

Christian Kurzke stammt aus Ostdeutschland und arbeitet heute bei der Evangelischen Akademie in Dresden. Anke Lübbert wurde in Hamburg geboren, , lebt jedoch seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Greifswald. Beide schreiben sie im Wechsel über Politik und Gesellschaft aus ihrer Sicht.