chrismon: Derzeit ist, besonders mit Blick auf die Partei "Die Linke" in Berlin, häufig von linkem Antisemitismus die Rede. Aber Linke wenden sich doch gegen jede Form von Diskriminierung. Wie passt das zusammen mit dem Antisemitismusvorwurf?
Tom Uhlig: Gegen Diskriminierung zu sein, gehört absolut zum linken Selbstverständnis. Genau das wiegt viele in trügerischer Sicherheit: Wer sich als links versteht, glaubt womöglich, keine antisemitischen Einstellungen haben zu können. Das ist illusorisch. Linke können genauso Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Queerfeindlichkeit verbreiten. Gerade die eigene Positionierung erzeugt Leerstellen beim Blick auf sich selbst. Dagegen hilft nur, dass man sich selbstkritisch hinterfragt.
Es gibt in der Partei "Die Linke" ja auch überzeugte Vorkämpfer gegen den Antisemitismus.
Absolut, die früheren Bundestagsabgeordneten Petra Pau und Martina Renner oder Klaus Lederer – das sind Leute, die überzeugend gegen Antisemitismus gearbeitet haben. Jüdische Gemeinden haben sie als Verbündete wahrgenommen. Aber diese Stimmen werden in der Linkspartei leiser. 2024 ist Klaus Lederer, der frühere Berliner Kultursenator, mit anderen verdienten Leuten ausgetreten, weil sie Antisemitismus in der Partei nicht mehr benennen konnten, ohne dafür aus den eigenen Reihen angefeindet zu werden. Nach dem 7. Oktober 2023 ist etwas gekippt.
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Tom Uhlig hat in diesem Jahr zwei Bücher zum Thema veröffentlicht:
Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung (mit Nikolas Lelle), Verbrecher-Verlag. 216 Seiten, 18 Euro.
Antisemitismuskritik im Handgemenge. Beiträge zur politischen Bildung, Neofelis-Verlag. 300 Seiten, 26 Euro.




