Psychologie
"Weiblicher Narzissmus ist eher leise und verdeckt"
Bei Frauen sind Ursachen und Symptome von Narzissmus meist andere als bei Männern. Psychologin Bärbel Wardetzki weiß, welche seelischen Probleme hinter der weiblichen Form der Persönlichkeitsstörung stecken
Ein Mädchen mit geflochtenem Haar sitzt vor einem Schminktisch und betrachtet sich in einem kleinen Standspiegel. Im Hintergrund ein Bett und ein runder Wandspiegel
Beim weiblichen Narzissmus versuchen Betroffene, Minderwertigkeitsgefühle durch Schönheit, Schlankheit oder Leistungsfähigkeit zu kompensieren
Justin Paget / Getty Images (Symbolbild)
07.07.2026
6Min

chrismon: Frau Wardetzki, worum handelt es sich bei weiblichem Narzissmus?

Bärbel Wardetzki: Den weiblichen Narzissmus habe ich erstmals entdeckt, als ich in einer Klinik mit essgestörten Frauen arbeitete. Dort wurde mir bewusst, dass es sich um eine andere Form des Narzissmus handelt – nicht die grandiose, selbstüberhöhte Variante, die man eigentlich kennt.

Vielmehr begegnete mir ein Narzissmus, der aus einem tiefen Gefühl der Nichtigkeit und Selbstverkleinerung entsteht. Diese innere Leere wird durch äußerliche Merkmale wie Schönheit, Schlankheit oder Leistungsfähigkeit kompensiert – als Versuch, ein stabiles, positives Selbstbild aufzubauen.

Martin Kaeswurm

Bärbel Wardetzki

Bärbel Wardetzki, geboren 1952 in Berlin, ist Diplompsychologin und Psychotherapeutin. Sie arbeitete rund zehn Jahre als Psychotherapeutin in der psychosomatischen Klinik in Bad Grönenbach, wo sie sich vor allem mit Sucht, speziell Essstörungen, und narzisstischen Persönlichkeitsstörungen auseinandersetzte. Ihr Buch "Ist es noch Selbstliebe oder schon Narzissmus?" ist 2023 erschienen.

Worin besteht der Unterschied zu männlichem Narzissmus?

Der Narzissmus, den die meisten Menschen kennen, ist laut und dominant. Er äußert sich oft in einer arroganten Selbstbezogenheit und grandiosen Überheblichkeit. Der weibliche Narzissmus ist eher leise und verdeckt. Diese Menschen schwanken zwischen Selbstzweifeln und Selbsterhöhung.

Gibt es verlässliche Zahlen darüber, wie viele Menschen jeweils von den zwei unterschiedlichen Arten des Narzissmus betroffen sind?

Weiblicher Narzissmus ist keine Diagnose, es ist ein Beschreibungsbegriff. Nur etwa ein bis fünf Prozent der Bevölkerung haben eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Das ist eine breite Spanne. Da nicht jeder Mensch, der diese Persönlichkeitsstörung hat, in Therapie ist, gibt es keine genaueren Daten.

Narzissmus spielt sich in einem Spektrum ab. Wir alle haben narzisstische Merkmale. Je mehr wir davon haben, umso stärker ist auch ihre Ausprägung. Und es gibt bestimmte Situationen, in denen mehr Anteile zum Tragen kommen. Narzissmus ist nicht statisch, sondern sehr variabel.

In welchen Situationen zeigt sich der Narzissmus besonders?

Immer wenn man das Gefühl hat, man müsse ein bestimmtes Bild abgeben. Das passiert natürlich sehr häufig in Beziehungen. Man möchte sich so verhalten und präsentieren, dass der andere einen toll findet und liebt. Auch im beruflichen Kontext kann sich Narzissmus zeigen. Wenn Sie eine Leistung erbringen, möchten Sie, dass alle das sehen.

Und in welchen Situationen ist der Narzissmus weniger stark ausgeprägt?

Wenn sich jemand sicher fühlt und gut im Kontakt mit sich selbst ist. Das kann beispielsweise in der Natur sein oder auch im Freundeskreis. In allen Situationen, in denen ich nicht das Gefühl habe, ich müsste mich in einer bestimmten Art und Weise präsentieren, da brauche ich es nicht.

Können also auch Männer an weiblichem und Frauen an männlichem Narzissmus erkranken?

Ja, absolut. Wobei die Männer in der Mehrzahl schon eher den grandiosen Narzissmus haben, weil sie in den letzten Jahrhunderten viel mehr aufgewertet wurden, Frauen sind viel mehr verhaftet in dem Gefühl von Minderwertigkeit.

Welchen Einfluss hat die Kindheit auf Narzissmus?

Die Kindheit spielt zweifellos eine Rolle – doch es wäre zu einfach, zu sagen: Wenn dieses und jenes in der Kindheit geschieht, entsteht automatisch eine narzisstische Struktur. So funktionieren Menschen nicht.

Es gibt jedoch bestimmte Voraussetzungen, unter denen sich eine weibliche narzisstische Struktur entwickeln kann. Eine davon ist das Aufwachsen in einem narzisstisch geprägten Umfeld, in dem Kinder eine bestimmte Funktion erfüllen sollen – etwa die, das Selbstbild der Eltern zu stabilisieren. Die unausgesprochene Botschaft lautet dann: Sei so, wie ich dich haben will – nur dann liebe ich dich.

Lesen Sie hier: Wie kann man mit Kindern ins Gespräch kommen?

In solchen Konstellationen können Kinder nicht sie selbst sein. Sie passen sich an, ziehen sich dabei innerlich zurück und entwickeln das Gefühl: Wenn ich mich auf andere nicht verlassen kann, dann verlasse ich mich eben nur noch auf mich selbst. Sie werden nicht in ihrem wahren Selbst gespiegelt, sondern nur in dem, was sie scheinbar sein sollen. Die Folge: Sie lernen früh, eine Rolle zu spielen. Sie zeigen nach außen eine Maske – die der schönen, starken, bewunderten Frau –, während das eigene Selbst im Verborgenen bleibt.

Auf Frauen lastet der Druck, immer perfekt aussehen zu müssen, jung und schlank zu sein. Begünstigt dieser gesellschaftliche Druck weiblichen Narzissmus?

Das kann durchaus sein – allerdings nur, wenn bereits eine innere Unsicherheit vorhanden ist. Wenn eine Frau in ihrem Selbstwert gefestigt ist, lässt sie sich von solchen äußeren Erwartungen kaum beeinflussen. Doch gerade junge Mädchen orientieren sich stark am Außen. Der gesellschaftliche Druck kann zwar keinen Narzissmus auslösen, ihn aber durchaus verstärken oder begünstigen.

"Manche denken dann sogar: Ich habe auf dieser Welt keinen Platz, wenn ich solche Fehler mache"

Bärbel Wardetzki

Wird Narzissmus durch soziale Medien und den dadurch verstärkten Vergleich mit anderen befördert?

Auch hier gilt: Wer selbstsicher ist, lässt sich davon nicht beeindrucken. Nur wer bereits eine innere Verunsicherung hat, lässt sich von Social Media und dem dort propagierten Schönheitsideal prägen. Es gab schon immer bestimmte Ideale von Schönheit. Problematisch ist allerdings, dass man mit diesen heute durch Social Media rund um die Uhr konfrontiert ist. Dort dreht sich alles um Bilder. Und Narzissmus arbeitet stark mit Bildern.

In echten Beziehungen entsteht Gegenseitigkeit: Man spricht miteinander, erfährt Resonanz, spürt, dass man gemocht wird. All das fehlt in sozialen Netzwerken. Dort findet Begegnung vor allem über Selbstdarstellung statt – über das Bild, das ich von mir zeige. Und genau das ist eine narzisstische Form der Beziehung.

Welche weiteren Eigenschaften zeigen Frauen mit weiblichem Narzissmus?

Auffällig ist vor allem ein starker Perfektionismus. Es gibt eine große Angst, Fehler zu machen – und wenn doch etwas schiefläuft, ist das oft mit heftigen Emotionen verbunden. Manche denken dann sogar: Ich habe auf dieser Welt keinen Platz, wenn ich solche Fehler mache.

Hinzu kommt eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit – fast wie bei einem Chamäleon. Diese Frauen spüren sehr schnell, was in einer Situation erwartet wird, und richten sich danach aus. Doch was sie wahrnehmen, ist nicht immer die objektive Wahrheit. Sie orientieren sich stark an den Vorstellungen anderer, oft mehr als an den eigenen Bedürfnissen oder Werten.

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Wie wirkt sich weiblicher Narzissmus auf Freundschaften aus?

Das kann durchaus problematisch sein. In manchen Fällen zeigt sich eine starke Konkurrenzhaltung – gerade unter Frauen. Es gibt Frauen, die sich in Freundschaften ständig vergleichen und denken: Ich muss besser sein als die andere.

Andererseits gibt es auch viele Frauen, die Freundschaften als sicheren Raum erleben. Sie fühlen sich in weiblichen Beziehungen wohl, aufgehoben und verstanden. Es ist also sehr unterschiedlich – je nachdem, wie stark die narzisstischen Anteile ausgeprägt sind und wie reflektiert eine Frau mit ihnen umgeht.

Das Bild des männlichen, dominanten Narzissmus in Chefetagen ist weit verbreitet. Wie zeigt sich weiblicher Narzissmus im Berufsleben?

Das sind Frauen, die häufig äußerst leistungsstark sind. Sie treten im Beruf selbstbewusst und wenig angepasst auf. Sie sind oft sehr konkurrenzorientiert, weil sie das Gefühl haben, sich ständig beweisen und besser sein zu müssen als andere. Das kann im Team zu Spannungen führen, denn ihr Anspruch auf Überlegenheit steht manchmal im Konflikt mit kooperativem Arbeiten. Gleichzeitig sind sie sehr durchsetzungsfähig und zielstrebig. Ihre emotionale Verletzlichkeit tritt eher in engen persönlichen Beziehungen zutage – in Zweierbeziehungen zeigt sich dann oft eine größere innere Labilität.

Welche Partner wählen sich Frauen mit narzisstischen Tendenzen häufig aus?

Regelmäßig suchen sie sich einen Partner mit grandiosem Narzissmus, denn solche Gegensätze ziehen sich an. Ganz vereinfacht lässt sich Narzissmus in zwei Seiten aufteilen: die grandiose Fassade und das darunterliegende Gefühl der Minderwertigkeit. Wenn eine Frau mit weiblichem Narzissmus einen Mann mit grandiosem Narzissmus an ihrer Seite hat, kann sie stolz sagen: Seht her, was für einen tollen Mann ich habe.

Gleichzeitig ermöglicht sie dem Mann, seine eigenen Minderwertigkeitsgefühle auf sie zu projizieren oder bei ihr abzuladen. Bereits beim Kennenlernen präsentieren sich beide von ihrer besten Seite und machen Versprechen, die sie größtenteils nicht einhalten können.

Was können Betroffene tun?

Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, zum Beispiel in Form einer Therapie. Ich bitte aber von Selbstdiagnosen abzusehen. Narzissmus ist zunächst ein Beschreibungsbegriff, keine endgültige Diagnose. Entscheidend ist, zu erkennen, wo ich mich in Beziehungen oder im Leben verliere – zum Beispiel, wenn ich mich in einer Partnerschaft völlig auflöse und nur noch die Bedürfnisse des anderen erfülle, dabei aber selbst zu kurz komme. Dann sollte man sich fragen: Was kann ich verändern? Wo stoße ich an meine Grenzen und brauche Unterstützung? Das kann Betroffenen nachhaltig helfen.

Das Interview erschien in einer anderen Fassung auf "welt.de".

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