Elon Musks Raumfahrt- und Satellitenfirma SpaceX legte am 12. Juni 2026 einen Rekordbörsengang hin - und machte ihn zum weltweit ersten Billionär.
Man steht staunend vor dieser Zahl: eine Billion, 1000-mal eine Milliarde. Schon eine einzige Milliarde (1.000.000.000) hat nichts mehr mit der Alltagsrealität der allermeisten Menschen zu tun. Aber immerhin kommt diese abstrakte Zahl mitunter in Sichtweite: Die französische Tageszeitung "Nice Matin" vermeldet alle paar Wochen eine Superjacht, die gerade an einem Hafen der Côte d'Azur vor Anker gegangen ist. Die Überschriften sind immer gleich, darunter ein paar Fotos, Hinweise zu Ausstattung, Eigentümer und Einkaufspreis. Der liegt oft zwischen 200 und 500 Millionen Dollar.
Elon Musk könnte theoretisch 2000 dieser 120-Meter-Jachten kaufen. Das kann man sich schon kaum mehr vorstellen. Außerdem ist Musk auch gar nicht dafür bekannt, sein Geld in Megajachten und Privatinseln zu stecken. Adeo Ressi, ein Freund des SpaceX-Gründers, sagte der "New York Times", Musk werde sein Geld später auch keiner wohltätigen Familienstiftung übertragen, anders etwa als Bill Gates oder der erste Dollarmilliardär John D. Rockefeller.
Musk habe andere Pläne: "Mit dem Geld wird er die Menschheit buchstäblich zu einer multiplanetaren Spezies machen." Ob die Besiedlung des Mars nur eine Frage des Geldes ist? Die "Los Angeles Times" hat das etwas handfester ausgerechnet: Eine Billion Dollar entspricht zweimal der Wirtschaftsleistung von Südafrika, den Kosten von 2,5 Millionen Durchschnittshäusern in den USA - und ist genug, um jedem einzelnen Menschen auf der Erde 122 Dollar zu geben.
Warum das nicht nur beeindruckend, sondern vielmehr ein Skandal ist, lässt sich mit den Büchern des Schweizer Soziologen, Politikers und Autors Jean Ziegler nachvollziehen. Der scharfe Globalisierungskritiker und langjährige UN-Berater verstand sich darauf, die Absurdität der globalen Ungerechtigkeit in Zahlen auszudrücken. Vor wenigen Tagen ist der 92-Jährige gestorben - zwei Tage vor dem SpaceX-Börsengang, um genau zu sein. "Trotz alledem!" hieß Zieglers letztes Buch, das 2025 erschienen ist.
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Darin kann man nachlesen, dass Musks Vermögen ziemlich genau der Auslandsverschuldung der ärmsten Länder des Südens entspricht, die zuletzt rasant anstieg. Und schon 1,8 Billionen Dollar würden laut einer Oxfam-Studie von 2023 ausreichen, um ein Jahr lang "zwei Milliarden Menschen aus der Armut zu führen und einen Plan zur Ausrottung des Hungers zu finanzieren".
Die Schere zwischen Arm und Reich reißt auseinander
Fairerweise sei gesagt: Selbst wenn Musk das wollte, könnte er den Hunger auf der Welt nicht mit einem Fingerstreich beseitigen, auch nicht für ein paar Monate. Schon weil der allergrößte Teil seines Vermögens aus Aktienwerten besteht, die er nicht so leicht flüssig machen kann.
Dennoch irrt, wer in Musks historischem Vermögen nichts Falsches sehen kann. Denn spätestens seit der Covid-Pandemie zeigt sich, dass der Reichtum keineswegs, wie oft behauptet, langsam bis in die untersten Schichten der sozialen Pyramide hinabsickert.
Während in den krisengeschüttelten Jahren die Reichsten in neuem Tempo reicher wurden, nahm die extreme Armut im Jahr 2023 erstmals in diesem Jahrtausend wieder zu. Der Kampf gegen die Armut in der Welt, behauptet Ziegler in "Trotz alledem", habe sogar seinen größten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg erlitten, auch wegen der starken Kürzungen in der internationalen Entwicklungshilfe. Zugleich verdoppelten sich die fünf größten Vermögen in nur drei Jahren.
Das von Musk hat sich binnen fünf Jahren sogar annähernd verachtzehnfacht. Und nachdem SpaceX nun so viel Geld an den Börsen eingesammelt hat, erwarten Experten, dass diese Entwicklung einen weiteren Schub bekommt. Denn die KI-Riesen OpenAI und Anthropic stehen bereits in den Startlöchern für die nächste Börsen-Rallye.
All das offenbart ein gewaltiges Verteilungsproblem, das auch Jean Ziegler umtrieb. Als UN-Sonderberichterstatter kämpfte er für ein Recht auf Nahrung. Und tischte immer wieder eine einfache Rechnung auf: Die Landwirtschaft produziert genügend Essen für zwölf Milliarden Menschen, viel mehr, als auf der Erde existieren. Warum gelingt es nicht, die Nahrung an die Weltbevölkerung zu verteilen?
Brauchen wir eine Steuer für Superreiche?
Für Ziegler erschwert die globale Ungleichheit nicht nur die Armutsbekämpfung. Die größten Konzerne, die aus seiner Sicht eine nie da gewesene Macht auf sich vereinten, bedrohen auch das Wirtschaftswachstum, die planetare Zukunft und die Demokratie. Das gehört bei Musk, der von einem Leben auf einem anderen Planeten träumt und sich immer wieder öffentlich mit Rechtsextremen verbrüdert, fast schon zum offiziellen Programm.
Jean Ziegler forderte angesichts der sich verschärfenden Ungleichheit, Erbschaften, Grundbesitz und Vermögen der Superreichen so stark zu besteuern, dass die Zahl der Milliardäre deutlich abnimmt. Und tatsächlich ist es gut, dass führende US-Politiker wie die demokratische Senatorin Elizabeth Warren nach dem SpaceX-Börsengang eine Vermögenssteuer fordern. Denn die Einwände dagegen sind nicht wirklich überzeugend.
Etwa das Argument, dass der immense Reichtum von Leuten wie Musk für ein zentrales Versprechen steht, das kreative Köpfe in aller Welt antreibt: Wer Wagnisse eingeht, eine gute Idee und etwas Glück hat, dem winkt reicher Lohn. Will der Staat diese wirtschaftliche Pulsader nicht schwächen, muss er also die genialen Unternehmer in Ruhe lassen. Niemand scheint dieses libertäre Unternehmergenie so zu verkörpern wie Elon Musk, der sich als einstiger Chef des Department of Government Efficiency in den USA mit einer Motorsäge in Szene setzte, um sich symbolisch aus den Fesseln eines trägen Bürokratiemonsters zu befreien.
Elon Musk hatte viele Förderer
Doch gerade Musks sagenhafter Erfolg lässt Zweifel an diesem Mythos aufkommen, wie Quinn Slobodian und Ben Tarnoff in ihrem Buch "Muskismus" darlegen. Es stimmt zwar, Musks Firmen haben die ersten massentauglichen Elektroautos auf den Markt gebracht und Raumfahrt und Telekommunikation neu definiert.
Aber für die beiden Autoren läutet Musk dabei eine neue wirtschaftliche Ära ein, in der erfolgreiche Unternehmen eine geradezu symbiotische Beziehung mit dem Staat unterhalten - ein krasser Widerspruch zum Glauben an das geniale Unternehmertum, das von staatlichen Institutionen idealerweise unbehelligt bleibt.
Wie Slobodian und Tarnoff zeigen, beruhte schon eines der ersten Musk-Unternehmen, der Onlinestadtführer Zip2, auf Karten aus dem Pentagon. Als Tesla noch als Start-up auf wackligen Beinen stand, verabreichte die Obama-Regierung der Firma eine große Finanzspritze. Und SpaceX nahm seine Anfänge mit einem Vertrag mit dem US-Militär, als George W. Bush den sogenannten War on Terror führte. Mehr als zuvor entscheidet im "Muskismus" der gute Draht ins Weiße Haus oder in die größten Konzerne über wirtschaftlichen und politischen Erfolg.
Bleibt die Frage, ob die Besteuerung von Superreichen wirklich etwas bringt - oder eine Ansiedlung von Unternehmen unattraktiv macht. Was in Deutschland bei der derzeit schwächelnden Konjunktur zu einem echten Problem werden könnte. Der Volkswirt Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung geht dieser Frage in einer gerade veröffentlichten Studie nach, die er im Auftrag der Linksfraktion im Bundestag durchgeführt hat.
Bach sagt im Gespräch mit dem WDR, zumindest bei starken Steuererhöhungen müssten sich die Staaten weltweit abstimmen. Auch wenn das derzeit utopisch klingt: Das habe schon einmal geklappt, nämlich bei der Besteuerung von Kapitalerträgen. Eine weltweite Steuer für Superreiche in zehn oder fünfzehn Jahren hält der Volkswirt durchaus für möglich. Vielleicht könnte man sich dann ja auch überlegen, wie man die Gelder weltweit verteilt.






