Nur 12 Minuten braucht die Regionalbahn vom Hauptbahnhof in Kiel – und dann ist man in Oppendorf. Ein Bahnhäuschen, direkt hinter den Schranken steht das Ortsschild, links um die Ecke eine Infotafel. Fotos vom letzten Sommerfest sind darauf zu sehen, die nächsten Termine der Skatgruppe und ein Save the Date für die alljährliche Pflanzenbörse.
Seit 1920 gibt es die "Siedlung Oppendorf", eingemeindeter Stadtteil von Kiel am Südrand der Stadt. Schmal sind die Straßen, oft ohne befestigte Gehsteige.
Die meisten Häuser – früher genossenschaftlich organisiert, heute Wohneigentum – stehen direkt an der Straße, dahinter schmale Grundstücke, die der Selbstversorgung dienten: Gemüse, Obst, Hühner, Kaninchen oder ein Schwein. Sieben Läden gab es; die haben längst alle zu, dafür fährt wieder ein Bus von Kiel aus direkt ins Herz der Siedlung.
Gut 1500 Menschen leben hier, viele von ihnen in den originalen Siedlerhäusern. Einige waren baufällig und wurden abgerissen; die schicken Neubauvillen im Ort wirken ein bisschen wie Fremdkörper. Die Kinder lernen schwimmen in der Schwentine, deren geschwungene und hohe Uferkante eine natürliche Begrenzung des Siedlungsgeländes bildet. Im Sommer fahren Besucherschiffe aus Kiel vorbei. Dann recken sie auf den Booten die Hälse, entdecken hier und da im dichten Grün ein Hausdach. Viele schauen dann, ob vielleicht eines der Häuser zum Verkauf steht. Rar sind die Plätze im Paradies!
Maje, Hanna und Hilla lieben den alten Zirkuswagen im Garten. Noch lieber stromern sie herum, über die Hecken, durch die Büsche, spielen Verstecken und treffen sich mit anderen Kindern. Davon gibt es viele in Oppendorf. Vor allem junge Familien zieht es her.
Die Glasfenster am Erker stammen noch aus Großvaters Firmengebäude. Der baute sie damals ein, um Geld zu sparen. Heute nennt man so was cool "Upcycling".
Jedes Siedlerhaus erzählt seine eigene Geschichte. Und wer die alten Häuser nicht abreißt, sondern vorsichtig renoviert, kommt diesen Geschichten Tapetenschicht für Tapetenschicht näher.
Anbaden in der noch eiskalten Schwentine? Klar macht er das jedes Jahr, erzählt Nicola. Der Maschinenbauingenieur kam mit Frau und Kindern 2013 in die Siedlung. "Ländlich und trotzdem stadtnah" wollten sie leben. Passt! Vom Gartentor sind es nur ein paar Meter bis zum Flussbett.
Wenn Maje ihre Lieblingspuppe Lise mit rausnimmt, dann passt sie gut auf, dass ihr nix passiert. Und wenn Lise Appetit auf einen roten Apfel hat? Na dann bekommt sie einen. Vielleicht fällt ein Bissen für die Puppenmutter ab: so lecker, so saftig und immer in Griffhöhe.
Ingrid wurde in der Siedlung Oppendorf gezeugt, erzählt sie gerne. Damals war die Heckenhöhe begrenzt auf 1,25 Meter und die Siedlergemeinschaft organisierte Busreisen. Heute wachsen Hecken "bis in den Himmel", Busreisen gibt es nicht mehr. 91 ist sie jetzt, "klar im Kopf"; doch die Lunge streikt. Und so empfängt sie die Nachbarn liegend auf dem Sofa. Es gibt so viel zu erzählen ...
Der Hahn ist ganz schön laut, und deshalb würde Ursula ihn eigentlich gerne verschenken. Schließlich schlüpft bestimmt bald wieder ein männliches Küken aus den Eiern, die die vielen Hühner legen.
Mit vier Jahren kam Katinka nach Oppendorf. Eigentlich will sie nie wegziehen. "Wehe, du vermietest mein Zimmer, wenn ich mal studiere", hat die 17-Jährige neulich zu Mutter Maike gesagt. Wo sonst gibt es so viel Natur – und trotzdem in nur 25 Radelminuten Entfernung eine Boulderhalle in der Landeshauptstadt?
Auf dem riesigen Grundstück von Katinka und ihren Eltern hat alles Platz: der Pizzaofen aus Lehm, Hühner, die Katzen Frieda und Jonny, Gemüsebeete. Die Solarpaneele auf dem Dach versorgen den Backofen, in dem Maike Kirschkuchen für den Nachbarschaftstreff backt.
Als sie ihr Doppelhaus bauten, kampierten Jan und sein Schwager mit "ihrer Gang" im Bauwagen. Alle packten an, schleppten Erde, zogen Entwässerungsgräben. Sohn Piet war da noch ein Säugling. Heute tobt er mit Bruder, Cousin und Cousine auf dem riesigen Grundstück, das "natürlich nicht" durch einen Zaun getrennt ist – schließlich sind die beiden Ehefrauen Zwillingsschwestern.






