chrismon: In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die Beziehung zu Ihrer Mutter. Ihre Mutter litt unter der Untreue Ihres Vaters, war viel mit sich beschäftigt, war zeitweise depressiv, hat versucht, sich das Leben zu nehmen, und war in der Psychiatrie, als Sie noch recht jung waren. Das war für Sie als Kind nicht leicht. Und dennoch findet man im Buch keinen Vorwurf gegen Ihre Mutter; Sie schreiben sehr liebevoll über sie. Woher kommt diese ganze Liebe?
Nora Gomringer: Ich glaube, diese Liebe ist ein Programm, zu dem man sich irgendwann entschließt.
Nora Gomringer
Wie kamen Sie zu diesem Entschluss? Hatten Sie Vorbilder?
Ja. Ich fand sie in der von meiner Mutter angeleiteten Lektüre. Ich glaube, meine Mutter hat sich Gedanken darüber gemacht, welche Literatur sie mir empfiehlt. Sie hat mir zum Beispiel schon sehr früh Heinrich Heine in die Hand gedrückt. Ich halte Heine für einen ganz großen Humanisten, auch wenn man ihn für einen Spötter hält. Er war eben auch ein Verfolgter, der mit erstaunlicher Liebe auf die guckte, die ihm Böses wollten und es ihm letztlich auch antaten.
Waren diese Lektüreempfehlungen Ihrer Mutter eine Art Lebensschule?
Ja. Dabei lese ich überhaupt nicht extrem viel. Ich würde gerne viel mehr lesen und wünsche mir mehr Ruhe dazu. So komisch es klingen mag: Ganz viel im Leben habe ich gelernt aus der Literatur, die meine Mutter mir gegeben hat. Und dann habe ich die Dinge auch angewendet und orientiere mich bis heute daran. Meine Mutter war eine ganz lebensbejahende und lebenssehnsüchtige Frau. Ihr ganzer Literaturkanon war so, und das steckt in mir.
Wie passen die Suizidversuche Ihrer Mutter zusammen mit der Lebensbejahung, die Sie beschreiben?
Ich denke oft, dass Menschen, die sich das Leben nehmen oder es versuchen, Menschen mit großer Sehnsucht sind. Menschen, die sich mehr Leben wünschen oder eine Aufgehobenheit suchen, von der sie denken, sie nicht mehr erreichen zu können. Irgendwie wird ihnen der Zugang zu einer Erfüllung dieser Sehnsucht gänzlich verwehrt. Zumindest bei meiner Mutter war es so, denke ich. Sie hat die Suizidversuche sehr ernst genommen und wollte wirklich nicht mehr leben. Und später hat sie dann noch lange und auch sehr gerne gelebt.
Was hat Ihnen Ihre Mutter noch durch die Bücher vermittelt?
Ganz viel emanzipatorische Kraft. In ihrem Lektürekanon ging es oft um Selbsterfindung. Und ich habe richtig viel Frauenliteratur von ihr bekommen. Also für Leserinnen und Leser geschriebene Texte von Frauen. Das habe ich quasi internalisiert. Ich habe überhaupt nicht gedacht, dass das ungewöhnlich wäre, und habe erst mit der Zeit verstanden, dass der normale Kanon aus 95 Prozent männlichen Autoren besteht. Und dass man Männer ganz oft in Verlegenheit bringt, wenn man sie fragt: Welche Autorin hast du zuletzt gelesen?
chrismon hat hilfreiche Infos für Menschen in suizidalen Krisen und ihre Freunde/Angehörigen zusammengetragen.
Oft nutzen Menschen in suizidalen Krisen den Chat der Telefonseelsorge: online.telefonseelsorge.de
Auch am Telefon kann man seine Sorgen teilen, rund um die Uhr, anonym und kostenfrei: 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222
AGUS e. V. – Angehörige um Suizid: bundesweite Selbsthilfeorganisation für Trauernde, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben.
Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland, Bundesverband: veid.de


