chrismon: In Ihrem Buch "Das Schweigen der Schimpansen" geht es darum, wie Tiere den Tod verstehen. Aber was heißt das überhaupt, den Tod zu verstehen?
Susana Monsó: Oft wird gesagt, dass der Mensch das einzige Tier ist, das den Tod versteht. Das wird dann auf die menschliche Art des Seins zurückgeführt – und es stimmt auch: Wir Menschen sind uns bewusst, dass wir sterben werden. Aber wir gehen nicht gut damit um. Wir versuchen, den Gedanken an den Tod wegzuschieben. Und gleichzeitig kann man natürlich fragen, was wir wirklich vom Tod verstehen. Die menschliche Beziehung zum Tod ist sehr kompliziert und vielschichtig.
Susana Monsó
Um welche Vorstellung vom Tod geht es in Ihrem Buch?
Ich meine zunächst einmal den biologischen Tod. Und selbst wenn man andere Konzepte des Todes mit in Betracht zieht, gibt es etwas, das ich das "minimal concept of death" nenne: die unumkehrbare Unfunktionalität. Es gibt immer diesen einen Punkt, an dem etwas aufhört zu funktionieren – ein unumkehrbarer Verlust.
Es ist ja schon schwer, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Können wir Menschen Tiere überhaupt verstehen? Deren Leben ist ja auf so vielen Ebenen völlig anders.
Es gibt sehr viel, was wir nicht wissen und verstehen werden. Und es gibt bestimmte Einschränkungen in Bezug darauf, was wir über andere Tiere und ihre Erfahrungen des In-der-Welt-Seins verstehen können. Es ist also sicher eine gewisse Demut angebracht, wenn wir uns den Tieren nähern und versuchen, sie zu verstehen. Aber wir sollten sie neugierig beobachten, um herauszufinden, was sie uns sagen wollen.
Inwiefern verstehen nicht menschliche Tiere also den Tod?
Über 90 Prozent der Tierarten auf dieser Welt sind Insekten, von denen wir nicht sagen würden, dass sie den Tod verstehen. Aber manche Tiere sind in einer besseren Ausgangslage, um den Tod zu verstehen. Ich entwickle in meinem Buch ein Schema, das ich die "heilige Dreifaltigkeit des Todesverstehens" nenne: Kognition, Emotion und Erfahrung. Wenn es diese drei Punkte bei Tieren gibt, haben sie ein Konzept des Todes. Das ist die Grundvoraussetzung für Todesverstehen. Tiere, die kognitiv komplexer sind, emotionale Anreize haben, den Tod zu beachten und ihn häufig in ihrer Umgebung erfahren, haben mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Verständnis vom Tod.
chrismon-Podcast "Über das Ende" - Gespräche über den Sinn des Lebens und den Tod
Die meisten Tiere dürften den Tod also eher nicht verstehen?
Ja, das kann man so sagen. Aber es gibt eben auch Tiere, bei denen ich davon ausgehe, dass sie ein Todesverstehen haben.
Und welche sind das?
Für Raubtiere ist der Tod meist ein Gewinn, etwas Gutes, weil er bedeutet, dass sie etwas zu essen bekommen. Für andere Tiere, wie Elefanten, die Pflanzenfresser sind und starke soziale Beziehungen haben, ist der Tod ein Verlust. Das zeigt schon, dass man nicht einfach sagen kann: Tiere verstehen den Tod so oder so. Und selbst innerhalb einer Spezies gibt es sehr unterschiedliche Verstehensweisen.
Sie haben sich viel mit Schimpansen beschäftigt. Wie ist das bei denen?
Schimpansen jagen und töten andere Tiere. Aber sie können selbst auch Beute werden, zum Beispiel von Leoparden. Außerdem leben sie in sozialen Gemeinschaften. Das macht sie besonders interessant. Wenn eines der Gruppenmitglieder von Schimpansen stirbt, kann das für manche ein Verlust sein, weil sie eine enge Bindung zu dem Toten hatten. Für andere kann es aber ein Gewinn sein, weil sie in der sozialen Hierarchie aufsteigen. Der Tod wird also ganz unterschiedlich wahrgenommen. Das spricht dafür, dass sie ein Verständnis vom Tod haben.
Was ist mit Raubtieren?
Raubtiere müssen jeden Tag töten, um zu überleben. Sie dürften also ein sehr spezielles Verhältnis zum Tod haben. Sie dürften verstehen, was den Tod hervorruft und wie Tiere sterben können – also die kausalen Dimensionen des Todes.
Sie schreiben, dass manche Tiere auch trauern.
Das lässt sich besonders häufig beobachten. Sehr oft kommt es vor, dass sie die Körper toter Artgenossen herumtragen. Das machen vor allem Primaten – sie haben Hände, was es leichter macht. Aber auch Elefanten und Orcas wurden dabei beobachtet. Dieses Herumtragen scheint ein Anzeichen von Trauer zu sein. Ganz klar ist das aber nicht. Meistens ist es die Mutter, die sich am Körper festhält, aber nicht immer. Es könnte auch auf Spiel oder Neugier hinweisen.
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Wie lange tragen die Tiere die toten Artgenossen herum?
Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal geht das sehr lange so. Eine Schimpansenmutter im Zoo von Valencia hat sieben Monate lang an ihrem toten Jungtier festgehalten. Es gibt auch Beispiele dafür, dass die Mutter das verstorbene Kind frisst.
Und dieses Auffressen des Kindes deuten Sie auch als Trauer?
Wir wissen natürlich nicht genau, warum das Tier dies tut. Aber wenn wir versuchen, unsere menschliche Perspektive zu verlassen, lässt sich auch das als Trauerverhalten verstehen. Genau an solchen Punkten zeigt sich, wie kompliziert es ist, Tiere zu verstehen. Dieses Verhalten zu verurteilen, weil es nicht unserem Verständnis von Trauer entspricht, ist jedenfalls ein menschlicher Blick, der dem Tier nicht gerecht wird.
Aus menschlicher Perspektive könnte man denken, dass die Tiere, die den Tod verstehen lernen, auch so etwas wie Empathie entwickeln. Dass sie lernen, dass es für sie nicht gut ist und darum auch für andere nicht.
Das ist ein sehr menschlicher Blick und lässt sich so nicht beobachten.
Tiere können nicht nur unter dem Tod leiden, sondern sie töten sehr häufig absichtlich.
Ja. Der häufigste Grund ist sicher die Jagd: Raubtiere töten ihre Beute, um zu fressen. Ein anderer Grund ist der Infantizid, also das Töten eines Jungtiers. Das kann zum Beispiel dazu dienen, dass sich die Mutter mit demjenigen paart, der ihr Kind getötet hat, oder dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht mehr auf das Kind richtet. Auch kann es darum gehen, dass das eigene Kind besseren Zugang zu Nahrung hat und diese nicht teilen muss.
Sie schreiben sogar, dass manche Tiere aus Spaß töten.
Ja – zumindest lässt sich manches Verhalten so deuten, etwa bei Orcas oder Delfinen. Um diese Frage zu verstehen, müssen wir unsere eigenen Vorstellungen vom Tod ein Stück weit loslassen. Ein tierischer Umgang mit dem Tod kann auch bedeuten, dass Tiere es genießen, den Tod eines anderen Tieres herbeizuführen. Oder dass sie eben nur zum Spaß töten. Auch das ist übrigens ein Hinweis darauf, dass sie ein Verständnis vom Tod entwickelt haben. Denn sie sehen und bemerken ja, dass das Tier tot ist.


