Darwish lebt in Frankfurt. Die Gassen der Altstadt erinnern ihn ein wenig an die Atmosphäre in seiner Heimat Syrien, aus der er 2015 floh.
Jessica Schäfer für chrismon
Bürgerkrieg
Warum ich nach Syrien zurückkehre
Zehn Jahre nach seiner Flucht aus Aleppo reist der Syrer Rawan Darwish erstmals wieder in sein Heimatland. Er will den Wiederaufbau unterstützen, aber Deutschland auch nicht verlassen
Privat
03.06.2026
3Min

Rawan Darwish (Jahrgang 1996):

Zehn Jahre war ich nicht in Syrien. In meinem Heimatland, wo ich geboren wurde und gelebt habe, bis ich 18 Jahre alt war. 2015 war ich aus Aleppo nach Deutschland geflohen – vor dem Krieg und vor einer ungewissen Zukunft. Dann wurde im Dezember 2024 über Nacht das Assad-Regime gestürzt. Plötzlich hatten wir Syrer wieder Hoffnung – und ich konnte wieder in meine alte Heimat reisen. Das tat ich im Juli 2025.

An meinem ersten Morgen in Aleppo wachte ich im alten Haus meiner Großeltern auf, es war heiß. Von der Straße dröhnte Musik ins Haus, die vom Gasflaschenverkäufer abgespielt wurde. So war das immer in Aleppo. Und genau das habe ich immer geliebt.

Nach dem Frühstück traf ich meine besten Freunde aus Kindertagen. Die Stadt wurde im Krieg total zerstört, aber die Gesichter sind gleich geblieben. Ein Freund weinte sehr, als er mich sah. Wir hielten uns minutenlang in den Armen.

Mein Kumpel erzählte viele alte Geschichten aus unserer Kindheit. Witze, die ich damals erzählt hatte. Sachen, die wir angestellt hatten. Ich fühlte mich schlecht, weil ich mich an all das nicht mehr erinnern konnte. Mir wurde klar: Ich hatte das Land als Kind verlassen und war nun als Erwachsener zurückgekommen.

Stattdessen erinnere ich mich daran, mit dem Explosionsgeräusch von Bomben aufzuwachen und mit diesem Geräusch auch ins Bett zu gehen. In Syrien wusste man früher nie, ob es am nächsten Tag Wasser geben oder die Uni öffnen würde. Und immer musste man aufpassen, was man sagt. Wer mit der falschen Person zu offen redete, konnte im Gefängnis landen.

In Deutschland habe ich mich ziemlich verändert. Die Menschen in Europa sind liberaler, offener und toleranter. Familie und Freunde sind weniger wichtig als in Syrien. Meine Hoffnung, dass sich die Situation in Syrien verbessern könnte, wurde immer kleiner, irgendwann hatte ich sie ganz verloren. Deshalb konzentrierte ich mich auf mich selbst, auf mein Studium und meine Zukunft in Deutschland. Den Konflikt in meinem Heimatland konnte ich nicht mehr begreifen: so viele Tote nur wegen eines Mannes an der Spitze des Regimes. Ich hatte mich von Syrien distanziert.

Als am 8. Dezember 2024 unser Land befreit wurde, war ich so froh wie noch nie in meinem Leben. Und ich reiste erstmals nach zehn Jahren wieder nach Syrien. Als wir am Grenzposten vorbeifuhren, hatte ich große Angst. Dann sah ich die neue syrische Flagge und spürte Hoffnung und Vorfreude. Doch als wir die Grenze passiert hatten, wurde auch deutlich, was 14 Jahre Krieg mit einem Land machen: Alles ist kaputt.

Bevor ich Aleppo besuchte, fuhr ich mit anderen syrischen Journalisten aus Deutschland in die Hauptstadt Damaskus, um dort eine Sommerakademie für angehende Journalisten zu veranstalten. Zum ersten Mal seit langer Zeit ist in Syrien eine unabhängige Presse möglich! Wir wollen daher eine freie Presseakademie nach deutschem Vorbild dort aufbauen, in der jeder Mensch willkommen ist, unabhängig von Religion oder Ethnie.

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In Deutschland betreiben wir eine Nachrichtenplattform auf Arabisch, Farsi und Ukrainisch. In unserer Sommerschule für Journalisten möchten wir mit unserem Wissen die Menschen in Syrien bei ihrer Ausbildung unterstützen. Es war schön zu sehen, wie hoffnungsvoll die jungen Studis in Damaskus waren. Wir hoffen, dass das Projekt auch weiterhin gefördert wird.

Rawan Darwish entschied sich nach der Befreiung des Assad-Regimes dafür, eine Akademie für Journalisten in Syrien zu gründen.

Ich will Brücken zwischen den beiden Ländern bauen. Auch für mich selbst: Ich möchte mein Leben in Deutschland behalten, wo ich mir viel aufgebaut habe. Meine Freunde, meine Arbeit; Deutschland ist meine Heimat. Aber als Syrer kann ich auch nicht vor der Verantwortung für mein Herkunftsland fliehen. Ich habe es 2015 versucht, als ich nach Deutschland kam. Doch der Konflikt, all die Fragen, all die Probleme waren einfach mitgekommen.

Ich möchte bald wieder nach Syrien reisen, doch niemand weiß, wie sich die Situation entwickeln wird. In Deutschland kritisiere ich das neue Übergangsregime in Damaskus, das könnte zum Problem für mich werden. Ich hoffe, dass das Land nicht wieder in eine Diktatur abdriftet. Ich weiß nicht, was ich dann machen würde. Syrien bleibt für mich eine offene Wunde.

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