"Morgenstund hat Gold im Mund", behauptet eine banale Volksweisheit. Doch weil die Frühaufsteher unter uns in der Minderzahl sind, ahnen viele Langschläfer leider nicht, welch großartige Bedeutung dieser Spruch hat, wenn man sich in aller Herrgottsfrühe in die Natur aufmacht. Am besten kurz vor Sonnenaufgang.
Die Wälder, Felder, Fluss- und Seeufer, welche der Langschläfer von Tagesausflügen her vielleicht kennt, umgibt um diese Zeit eine magische Aura, die einzig in dieser Morgenstunde existiert und verschwunden ist, sobald die Sonne hoch über dem Horizont steht. Deshalb ist eine Tour in den Tagesanbruch so spannend wie eine Fernreise. Sie kostet praktisch nichts und bietet atemberaubende Sehenswürdigkeiten.
Sie benötigen feste Stiefel, denn in Gräsern hängen Tautropfen wie aufgereihte Perlen. Sie brauchen eine Jacke, weil es so herrlich frisch ist, wie es den ganzen, heißen Sommertag nicht wieder werden wird. Und dann gehen Sie einfach irgendwo ins Grüne und öffnen Ihre Sinne. Es empfängt Sie wohltuende Stille, durchbrochen vom Gesang der Schwarzkehlchen, Neuntöter und Feldlerchen.
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Zuoberst in der kahlen Baumkrone hockt ein Mäusebussard und überblickt sein Revier. In feuchten Gebieten ziehen hauchfeine Nebelschleier über den Boden und zeichnen die Landschaft weich. Das rotzig-heisere Gebell eines Rehbocks durchschneidet die Idylle. Er klingt, als hätte er schlechte Laune. Und da steht er auch schon im hohen Gras, man kann nur seinen Kopf erkennen, das kurze Geweih und die lauschenden Ohren.
In dieser Frühe sollte man nicht reden, denn man würde die erwachende Natur, die man erleben will, ja übertönen und verscheuchen. Aber sprechen wollen Sie sowieso nicht, wenn Sie auf einer wilden Wiese einen Fuchs entdecken, der vor einem Mauseloch lauert. Nicht bewegen, denn gleich wird er seinen typischen Mäuselsprung ausführen.
Je näher man den Bodennebeln kommt, desto mehr ziehen sie sich zurück. Der Himmel ist jetzt knallorange, gleich wird der erste Sonnenstrahl über die Baumwipfel blitzen und die Landschaft von der Seite beleuchten. Großartig, wie dann das kupferrote Licht einen schrägen Streifen auf ein Meer aus Wiesenblumen wirft. Blaue Wegwarte, gelbe Besenrauke, lila Natternkopf, weiße Kamille – alles taufeucht und in schönster Blüte.
Die Sonne wandert hinter eine Eiche, und ihre Strahlen umrahmen die knorrigen Äste wie eine gigantische Monstranz. Binnen fünf Minuten werden sich die Nebelschleier vollkommen aufgelöst haben. Im schrägen Gegenlicht erkennt man mit Tautropfen bedeckte Spinnennetze, die golden glitzern.
Auf Ihrem Ausflug in den Tagesanbruch werden Sie feststellen, dass viele der Tiere, die zu dieser blauen Stunde aktiv sind und die Sie tagsüber niemals sehen, gerne unsere Menschenwege nutzen, zum Beispiel Fasane. Schnell trippeln sie zurück ins Dickicht, aber man kann noch ihren Ruf hören, der klingt wie eine rostige, alte Autohupe.
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Im warmen Licht, das sich nun über eine Pferdekoppel ergießt, schnattern fünf Wildgänse, die hier übernachtet haben. Ihr Gekakel wird immer lauter, bis sie ihre schweren Körper in die Luft schwingen, um zum nahen See zu fliegen.
Als ich gestern um diese Uhrzeit an einem abgeernteten Weizenfeld entlanglief, begegnete ich zum ersten Mal seit Jahren einem Menschen, der freiwillig aufgestanden war, um noch vor Sonnenaufgang hier draußen zu sein. Es war eine junge Frau.
"Jeden Morgen fahre ich im Bus an diesen Feldern vorbei zur Arbeit, und habe schon oft gedacht, dass ich lieber aussteigen würde", erzählte sie. Also hat sie sich an ihrem freien Tag den Wecker gestellt, das Aufstehen sei ihr nicht leicht gefallen, "aber es hat sich gelohnt!"
Eine Stunde später hat sich das Schalenwild in den Wald zurückgezogen, sind die Tautropfen abgetrocknet, die Spinnweben unsichtbar, die Schnecken unter kühle Steine gekrochen. Die Sonne steht hoch, ihre Strahlen haben ihren Kupferton verloren.
Zeit, nach Hause zurückzukehren und zu frühstücken. Das Schöne ist: Der Tag ist immer noch jung, und die Aufbruchsstimmung dieses Morgens wird sie begleiten.


