Neuer Trend
Warum Menschen in München Eisbaden
Winterbaden liegt im Trend. Es stärkt die Abwehrkräfte, hilft bei Depressionen und Stress. Unsere Autorin Marie Kröger hat sich am Isarufer in München umgehört
Eine Münchnerin beim Eisbaden in der Isar. Sie trägt einen Badeanzug und Pudelmütze
Eine Münchnerin, Schwimmlehrerin und Schwimmfan, schwimmt seit kurzem in der Isar
picture alliance / SZ Photo / Catherina Hess
Tim Wegner
10.01.2024
4Min

Ein Mittwochmorgen im Dezember, 8.30 Uhr. Eine 44 Zentimeter hohe Schneedecke liegt über München. Draußen sind es minus elf Grad ­Celsius, an einigen Stellen blitzt die Sonne durch die Wolken. Sabine R. steht am Isar­ufer, Höhe Weideninsel, und zieht sich in Ruhe aus. Bis auf ihre Unterhose legt die 49-Jährige all ihre Klamotten auf eine dünne Mülltüte. Ihre blonden Haare bindet sie zu einem Dutt. Dann verschwindet Sabines rechtes Bein in der Isar, gefolgt vom linken. Dass das Wasser 5,2 Grad hat, stört sie nicht.

Es gibt viele Gründe, warum sich die ­Menschen freiwillig der Kälte aussetzen. Einige schwören darauf, dass es die Abwehrkräfte stärkt. Oder sie diszipliniert, sich schneller unangenehmen Aufgaben zu widmen. Regel­mäßiges Eisbaden soll auch gegen Depres­sionen helfen und Angststörungen lindern.

Manche machen eine Show daraus, andere genießen still

Während Sabine ihren Körper gegen den Strom richtet und sich hinhockt, schweigen wir. Die Stille beim Eisbaden ist ihr heilig. "Ich genieße das einfach nur", sagt sie, als sie rausgeht, und grinst hinüber zu den drei Männern, die fünf Meter weiter im Wasser treiben. ­Sabine flüstert: "Die Männer machen daraus eine Show, vergleichen anschließend ihre Zeit und die Wassertemperatur."

Am Ufer schlüpfen drei etwas jüngere Männer in ihre Jeans. Niemand von ihnen trägt dabei einen Bademantel oder Flip-Flops. Alle kommen und gehen mit den gleichen Klamotten, nicht mal ein Handtuch wird benutzt. Die meisten fahren direkt weiter ins Büro. Am Gehweg steht ein Dutzend Fahrräder. Innerhalb einer Stunde sind 30 Menschen ins kalte Wasser gesprungen.

Sabine kann sich an ihr erstes Mal noch genau erinnern. Ihre beiden bes­ten Freundinnen trennten sich am gleichen Wochen­ende von ihren Partnern, und sie musste zwischen allen Parteien schlichten. Die Stimmung war so bedrückend, dass sie völlig fertig war. Den Stress wollte sie unbedingt loswerden. "Ich bin dann einfach wie auf Autopilot zur Isar gegangen." Ohne darüber nachzudenken, wie kalt das Wasser ist, sprang Sabine rein. "Ich fühlte mich sofort klar im Kopf, wieder bei mir und seelisch in Ordnung." Doch es dauerte noch eine Weile, bis sie die Hemmung vor der Kälte verlor. Was auch daran lag, dass sie nur einmal die Woche ging – und nun mindestens dreimal.

Für viele war Corona die Initialzündung

Nächste Woche ist der Geburtstag ihrer ­Tochter, dazu der Weihnachtsstress: "Wenn ich heute nicht gegangen wäre, dann wäre ich durchgedreht", sagt sie und zieht sich schnell wieder ihre Sportklamotten an. Winterbaden geht schnell, lässt sich in den Alltag integrieren, das schätzt sie. Und joggt los, ihre Laufrunde beenden.

Die Eisbadenden von der Weideninsel erzählen ähnliche Geschichten. Die meisten von ihnen sitzen viel, haben einen Schreibtischjob, machen Yoga oder halten sich durch andere Sportarten fit. Das Eisbaden beschreiben sie mit einem "Glücksgefühl". Und immer wieder höre ich, dass Corona die Initialzündung war.

Lesen Sie hier: Frauen berichten vom Eisbaden in Russland

Bei Tobias Sch., 50 Jahre alt, war es nicht die Pandemie, die ihn ins kalte Wasser trieb. Ich begleite den Techniker in seiner Mittagspause zur Isar. Seine Schritte sind schnell. Unter seinem Arm klemmt eine Isomatte. "­Yoga?", frage ich. "Nee, nee, die ist nur für meine Klamotten." Tobias denkt nach, bevor er antwortet. "Als mein Vater vor zwei Jahren starb, hatte ich das Bedürfnis, in mir emo­tional aufzuräumen", sagt er, "so hat das angefangen mit dem Eisbaden und mir."

An sein erstes Mal kann er sich nicht er­innern. Und dass das Eisbaden in seinem Leben etwas verändert hätte oder dass er ­weniger Stress spüre, verneint Tobias vehement. Trotzdem liegt in seinem Bürotisch immer ­eine Badehose griffbereit. Mindestens dreimal die Woche geht er zur Weideninsel. Seine Klamotten liegen akkurat gefaltet auf der Iso­matte am Ufer, wie bei der Armee. Während er in das Wasser hineinsteigt, verzieht er keine Miene. Er hockt genau wie ­Sabine im Wasser, seine Hände überkreuzt an der Wasseroberfläche. Zufrieden lässt er seinen Blick über die Reichenbachbrücke streifen.

Während im Hintergrund Graugänse und Enten quaken, bibbert Tobias plötzlich lauthals und erzählt, dass für ihn die letzten fünf Zentimeter am Nacken bis zum Kopf die schlimmsten sind. Als er sich abtrocknet, frage ich ihn, ob er sich jetzt besser fühlt. Er zuckt leicht mit den Schultern und überlegt: "Danach ist immer ein gutes Gefühl."

Wir gehen zurück zu seiner Arbeit. Tobias’ Schritte sind jetzt langsamer.

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Gesund bleiben durch ein kaltes Bad im Meer als der ungesunde Besuch in einer unbeheizten Kirche.