Ildikó von Kürthy im Interview
"Glück ist ein dummer Begriff"
Dankbarkeit für das Gewesene, Schmerz über das Verlorene - das alles gehört für Ildikó von Kürthy zum erfüllten Leben dazu. Worüber die Schriftstellerin Ildikó von Kürthy weint und lacht – und warum es eine Schande ist, dass man nur ein Leben hat
Schriftstellerin Ildikó von Kürthy hätte gerne mehr als ein Leben
Schriftstellerin Ildikó von Kürthy hätte gerne mehr als ein Leben
Sonja Tobias
Dirk von Nayhauß
22.12.2023
3Min

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich schwimme, das ist meine Kindheitsbewegung. Ich bin als Sieben-, Achtjährige mit meinem Vater viel geschwommen, er war blind, und wir sind fahrlässig weit raus auf den Balaton in Ungarn, kilometerweit.

Was hätten Sie gern schon mit 16 gewusst?

Sehr viel, aber es hätte nichts genutzt, weil es keine Ab­kürzung gibt zwischen 16 und 55. Inzwischen habe ich ver­standen, dass äußere Ordnung mit innerer zu tun hat, dass man sich das Leben leichter macht, wenn man heruntergefallene Dinge aufhebt. Natürlich hätte ich gern der 16-Jährigen gesagt: "Du hast super Haare und dein Busen ist nicht zu klein!", aber da war es schon passiert, irgendein Voll­depp hatte sich über meine Figur und mein struppiges Haar ­lus­tig gemacht. Das zu überwinden, hat 40 Jahre gedauert.

Ildikó von KürthySonja Tobias

Ildikó von Kürthy

Ildikó von Kürthy, 1968 geboren, gehört mit sechs Millionen verkauften Büchern zu den meistgelesenen deutschen Autorinnen. Bekannt wurde sie 1999 mit ihrem Roman "Mondscheintarif", insgesamt schrieb sie 16 Bücher, übersetzt in 21 Sprachen. Gerade erschienen ist "Eine halbe Ewigkeit" (Rowohlt Verlag, 23 Euro). In ihrem Podcast "Frauenstimmen" spricht Kürthy mit ihren Gästen über zentrale Themen des Lebens. Ildikó von Kürthy ist verheiratet, Mutter von zwei Söhnen und lebt in Hamburg.
Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin. Er arbeitet als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus). Für chrismon macht er die Interviews und Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich habe mir immer das Beste genommen: die Schönheit der katholischen Kirchen, die Freiheit der Protestanten. Und die eindringliche Sprache der Christengemeinschaft, dort bin ich getauft und sozialisiert, sie wurde 1922 gegründet und orientiert sich an den Ideen Rudolf Steiners. Eine Nähe zu Gott finde ich in der Liebe zu meinen Kindern, wenn sie schlafen, das ist ein Moment des Sich-­Versenkens – da habe ich das Gefühl, Größeres ist am Werk. Eine tiefere Verbindung zu Gott wäre natürlich schön, weil man dann den Trost immer dabeihat. Ich könnte nicht sagen, dass Gott schweigt, denn ich fordere ihn gar nicht erst zum Gespräch auf, suche nicht seine Gesellschaft. Er hält sich aber bestimmt für mich bereit, davon bin ich überzeugt.

Hat das Leben einen Sinn?

Ja, und je mehr, desto besser. Hat man kleine Kinder, kriegt man den Sinn frei Haus geliefert. Bis meine Söhne in die Schule kamen, war die glücklichste Zeit meines Lebens. Meine letzte Sinnkrise hatte ich mit 51, die Kinder brauchten mich von Tag zu Tag weniger, ich sah meine Sinnfelle davonschwimmen. In Berlin gibt es bei der Museumsinsel eine Brücke, da stehe ich immer, wenn es nicht so läuft, wie ich mir das wünsche. Das ist für mich ein Ort der Erinnerung daran, dass das Leben Überraschungen bereithält. Ich bin dann beruflich zu neuen Ufern aufgebrochen, wage neue Erzähltechniken, mache einen Podcast, denke über selbst gemachte Grenzen hinaus.

Fürchten Sie den Tod?

Manchmal liege ich im Bett und denke: Irgendwann machst du deinen letzten Atemzug. Wer kommt zur Be­erdigung, wer sagt was? Dann kann ich sehr weinen, aber ich kann mir die Welt ohne mich kaum vorstellen, des­wegen ist die Furcht nicht groß. Es ist eine Schande, dass man nur ein Leben hat, ich wäre ganz gern lesbisch gewesen oder hätte mit acht Kindern auf dem Land gelebt.

Wie gehen Sie mit Einsamkeit um?

Manchmal lauert sie wie der Hund von Baskerville in meinen Seelenwinkeln und fletscht die Zähne. Ich war mal eine Nacht im Schweigekloster; war schrecklich. Ich merke aber auch, dass ich das Alleinsein suche, ich entwickele mich von extrovertiert nach introvertiert. Früher habe ich in Gesellschaft meine Kräfte aufgetankt, jetzt eher im Rückzug. Ich glaube, das ist eine Frage der Reife. Und des Östrogenspiegels, man wird strenger, lacht nicht mehr über jeden Scheiß und ist manchmal lieber mit sich allein als mit Leuten, die einem auf den Keks gehen – und das werden immer mehr.

Was ist Glück?

Glück ist ein plakativer, dummer Begriff. Natürlich kann man für einen Moment glücklich sein, aber alles andere sind Heilsversprechen, die ins Unheil führen, weil sie suggerieren: Nur ein Leben, das aus Glück besteht, sei gelungen. Dabei entsteht es häufig erst aus der Reibung mit Unglück. Ich kenne so viele Mädchen, die auf Instagram diese geschönten Leben verfolgen, wo immer die Sonne scheint – und selbst werden sie magersüchtig oder de­pressiv. Manchmal erlebt man auch eine Symbiose von Glück und Unglück. Gehe ich in Aachen auf den Friedhof, weine ich wie ein Schlosshund am Grab meiner Eltern, dabei sind sie seit 25 Jahren tot. Ich spüre diese Sehnsucht nach früher. Dankbarkeit für das Gewesene, Schmerz über das Verlorene - das alles macht ein erfülltes Leben aus.

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Sehr geehrte Frau von Kürthy " Es kommt drauf an!"

Ich freue mich über jede kritische Auseinandersetzung die uns herausfordert und reagiere auf ihren Artickel --Glück ist ein dummer
Begriff--

Anlässlich meiner Versetzung in den Ruhestand vor über 30 Jahren schriieb ich-- Zitat-- Ich gehe in den Ruhestand mit dem Gefühl des Glücks,dass ich über viele Jahre------------gehabt habe. Glück ist für mich Selbstverwirklichung durch vollen Einsatz und Gebrauch meiner Kräfte für meinen Beruf bis hin zur Selbsvergessenheit.- Zitat Ende.

Mit freundlichen Grüßen

Friederich Brinkmann

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