Schriftstellerin Ronja von Rönne fürchtet den Stillstand: "Dann scheitere ich lieber"
Schriftstellerin Ronja von Rönne fürchtet den Stillstand: "Dann scheitere ich lieber"
Dirk von Nayhauß
Ronja von Rönne im Interview
"Die Depression hat nicht gewonnen"
Depression kommt und geht, die Medikamente helfen. Die Schriftstellerin Ronja von Rönne über gute und schlechte Momente
Dirk von Nayhauß
22.08.2023
3Min

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich in kaltes Wasser springe. Im Februar war ich für die neue ARTE-Sendung "unhappy" morgens um fünf in München schwimmen, es war finster, angenehm war das erst mal nicht. Man ist oft nicht besonders lebendig, wenn man sich in seinem Kopf befindet, deswegen hilft alles, was mit Körperlichkeit zu tun hat, egal, ob man in den Chiemsee springt, tanzt oder Sex hat. Oder albern sein! Albernheit ist generell unterschätzt. Ich weiß noch, wenn ich in der Schule nicht lachen durfte, aber sehr viel gelacht habe, da fühlte ich mich sehr lebendig – auch wenn ich danach vorm Klassenzimmer warten musste.

Wie wäre ein Leben ohne Trotz und Rebellion?

Trotzig sind die Iranerinnen, die ihre Kopftücher ab­legen, das kann Revolutionen möglich machen. Trotz kann aber auch gefährlich sein, wenn man die Augen vor der Wirklich­keit verschließt – wie Impfgegner oder ­Menschen, die den Klimawandel nicht wahrhaben ­wollen. Dann ist der Trotz nicht mehr Fortschrittsmotor, sondern Bremse. Trotz ist aber das, was den Menschen mit ausmacht. Dieser Impuls: Ich lasse mich nicht in die Knie zwingen! Das große Wagnis besteht ja darin, dass man etwas behauptet, ohne zu wissen, ob man recht hat. Aber wer nichts sagt, ist feige, bleibt stehen, und ich fürchte weniges so sehr wie den Stillstand, ich scheitere lieber.

Ronja von Rönne

Ronja von Rönne, geboren 1992, studierte Kreatives Schreiben und Kultur­journalismus in Hildesheim. 2015 wurde sie zum Ingeborg-­Bachmann-Preis eingeladen. Ab Herbst moderiert sie die neue ARTE-­Sendung "unhappy". 2016 publizierte sie ­ihren ersten Roman, "Wir kommen", in ­ihren zweiten Roman "Ende in Sicht" fließen ihre Erfahrungen mit Depressionen ein. Gerade erschienen ist ihr Essayband "Trotz" (dtv, 15 Euro). Ronja von Rönne lebt in Berlin.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Nur in guten Momenten kann ich mir vorstellen, dass es einen Gott gibt. Wahrscheinlich wäre ich gern gläubig, man hat einen Moralkodex, und glaubt man an die Ewigkeit, hat man’s mit dem Tod leichter. Für viele bedeutet Kirche auch Gemeinschaft – das vermisse ich total, gerade in der Stadt. Bis ich 16, 17 war, habe ich abends zum Einschlafen gebetet, meistens, wenn ich etwas wollte. Als mein bester Freund letztes Jahr schwer krank war, kam wieder der Impuls, er hatte schon ein Bein verloren, nun sollte das andere amputiert werden. In der Hoffnungs­losigkeit findet man leichter zu Gott, als wenn alles ­smooth läuft. Es ist aber nicht so, dass ich mich danach bedanke, vielleicht sollte ich das mal machen.

Fürchten Sie den Tod?

Ja, natürlich! Man sollte den Tod unglaublich fürchten, nur dann kann man sich respektvoll gegenüber dem ­Leben verhalten. Wir haben nicht ewig Zeit. Die Endlichkeit ist wahrscheinlich das grausamste Geschenk an den Menschen.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die von meinem Partner, meiner Familie, meinem Hund, meinen Freunden, die von jungen Fans, die mir schreiben, dass sie mein Buch "Ende in Sicht" in der Schule durchgesprochen haben und voll gern mochten. Ich bin nicht anspruchsvoll, was die Liebe angeht, ich nehme sie alle.

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Was hilft in der Krise?

Das Wissen um die Krisen, die ich gemeistert habe. Geliebte Menschen, bei denen ich ehrlich sein kann, die mich trotzdem nicht fallen lassen. Sie sind wie ein Netz, das unter mir schwebt. Das erahnt man in guten Zeiten, in den schlechten fängt es einen auf. Mir geht es seit einem Jahr ganz gut, trotz aller Krisen. 2022 war eines der schlimmsten Jahre, aber es war nicht das Jahr, in dem die Depression gewonnen hat. Mir hat Medikation geholfen. Ich gehe davon aus, dass ich die ein Leben lang brauchen werde, aber das ist in Ordnung. Eine Depression stört die Wahrnehmung, man ist losgelöst von der Realität. Ich bin froh, dass ich in vielen Momenten Impulsen nicht nachgegangen bin. Und es hilft, sich daran zu erinnern: Ich bin nicht die Depression. Sie hat ihren Anfang, einen Höhepunkt, und dann geht sie wieder – bis sie vielleicht irgendwann wiederkommt.

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt erfüllen?

Zuversicht als Grundempfindung zu haben, das wäre ein Traum. Meiner Generation wird dieses Gefühl genommen im Angesicht von Krieg in Europa, teurem Wohnraum, Klimakrise. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir als Menschheit eine Idee von Zukunft haben. Es sieht eher so aus, dass wir auf den Abgrund zulaufen. Ich glaube nicht an die Erfüllung meines Traums, aber trotzdem will ich mein Verhalten danach ausrichten.

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Es ist wahr, Menschen sterben mit und ohne Religion. Unsere Erde ist ca. 4,5 Milliarden Jahre alt und rechnerisch sind wir gerade 2 Sekunden auf der Eerde. Warum also große Sorgen machen, die kurze Zeit des Lebens genießen und wissen, auch ohne einen Gott ist ein göttliches Leben möglich.

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Schon bei Hiob steht geschrieben, "wie ist es nur möglich, das es den Gottlosen auch nicht besser oder schlechter geht wie den Gläubigen und die
Rute Gottes ist nicht über ihnen?"
Ich besuchte in meinen jungen Jahren ein kirchliches Gymnasium. Von meinen 40 Mitschülern sind nur noch 9 auf der Erden. Ich überstand zwei Schlaganfälle, war halbseitig gelähmt, bin jetzt wieder putzmunter. Ich stehle nicht, ich töte nicht und ich bete nicht. Was muss ich da noch fürchten?
Und das Wort Depresssion kenne ich zwar, aber einer Depression bin ich immer ausgewichen. Denn ich bin mein eigener Gott!

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Das Interview mit Ronja von Rönne habe ich verschlungen. Sie sagt sehr gute Dinge, z. B. das Körperlichkeit dabei hilft, sich lebendig zu fühlen. Ich gehe gern körperlich an Grenzen, weil ich mich dann besonders lebendig fühle. Z. B. mit Sport, langen Wanderungen oder Fallschirmspringen. Man kommt so auch wieder auf den Boden zurück, wenn man zu "verkopft" ist, wie ich. Aber ich finde nicht, dass man den Tod fürchten sollte, wie Frau von Rönne meint. Man wird geboren, man lebt und man stirbt. Das ist ein ganz natürlicher Kreislauf. Der Tod gehört zum Leben dazu und steht am Ende. Ich muss den Tod nicht fürchten, sondern vielleicht den Sterbeprozess an sich, dass der nicht so "angenehm" verlaufen könnte. Und Zuversicht als Traum, den Frau von Rönne sich gern erfüllen möchte, kann man erreichen, wenn man daran arbeitet. Ich habe es geschafft, für mich selbst Zuversicht zu haben. Aber eben nur bezogen auf mein eigenes kleines Leben. Ich bin nicht zuversichtig, was die Menschheit und ihre Zukunft angeht. Das Erstere reicht mir. Alles andere kann ich nicht steuern.

Viele Grüße aus Hamburg-Altona!

Steffie Haddenga

Zuversicht für sich selbst erarbeiten, lange Wanderungen , Sport und Fallschimspringen. Letzteres erfordert viel Zuversicht. Ich habe meine Interessen aufs Fotografieren gelegt, sehr göttlich, denn wenn ich unterwegs bin, bleiben wildfremde Frauen vor mir stehen und fragen mich, was ich gerade fotografiere. Selbst Tiere stellen sich in Positur, als ob sie wüssten, um was es geht. Daher ist das Leben auch da schon lebenswert und wenn einem das Essen und Trinken noch schmeckt, ist die Welt doch in Ordnung. Auf ein priesterliches Wort vom schönen Leben nach dem Tode kann ich daher getrost verzichten, denn das Leben im Diesseits ist doch gar nicht so schlecht, gelle?

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