Fragen an das Leben - May Uthoff
Ein Leben ohne Humor? "Nicht vorstellbar", sagt May Uthoff
Dirk von Nayhauß
Max Uthoff im Interview
Dieser wundervolle Haufen Liebe
Wir müssten mehr Zeit füreinander haben. In einer gerechteren Gesellschaft wäre das möglich, meint der Kabarettist Max Uthoff
Dirk von Nayhauß
17.05.2023
3Min

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich mich verbunden fühle mit der Natur, meinen Kindern, meiner Frau, dem Lachen nebenan – und das mit vielen Sinnen aufnehme. Als Kind habe ich sehr viel Fußball gespielt, und es gab Momente, wo mir klar wurde: Ich bin hier, da sind die Mitspieler, ich habe den Wind gespürt, die Wolken gesehen. Das war ein ganz bestimmtes Gefühl.

Wären Sie gern ein Held?

Ich habe mit meinen Kindern oft drüber gesprochen, ­welche übermenschliche Eigenschaft man gern hätte. Fliegen . . . Auch Teleportation, mit einem Fingerschnipp an einem anderen Ort sein, großartig, oder? Aber letztlich ist es doch heldenhaft genug, sich vom Leben nicht unterkriegen zu lassen.

Max UthoffDirk von Nayhauß

Max Uthoff

Max Uthoff, geboren 1967, ist bekannt für seine scharfe ­Kritik der politischen Gegenwart. Seine ­Eltern gründeten 1965 das Münchner ­Kabarett "Rational­theater". Mit 11 Jahren stand er dort an der Garderobe, mit 17 ­ auf der Bühne. Mit 25 ­begann er ein Jura­studium, nach dem zweiten Staats­examen arbeitete er einige Monate als Anwalt. 2007 tourte er mit seinem ersten Programm, seit 2014 moderiert er mit Claus von Wagner die ZDF-Sendung "Die ­Anstalt". Uthoff erhielt zahlreiche Preise, darunter Deutscher Kabarett-, Kleinkunst- und Fernsehpreis, ­Bayerischer Kabarettpreis, Grimme-Preis. Max Uthoff ist seit 19 Jahren verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in München.

Wie viel Arbeit tut Ihnen gut?

Ich bin ein Anwalt des Müßiggangs. Wir haben die perverse Situation, dass wir uns viel mehr um unsere Lieben kümmern könnten, um Freunde, alte Menschen – es gäbe genug ökonomischen Wohlstand, um ihn so zu verteilen, dass wir alle deutlich weniger Zeit mit Arbeiten verbringen müssten.

Wer oder was hilft in der Krise?

Das ist die Zeit, in der man die Rücklagen angreifen muss. Dieser wundervolle Haufen von Vertrauen und Liebe und Gemeinschaft, der im Lauf der Jahre entsteht. Da liegen auch Brocken von Streit dazwischen, aber zu wissen, dass der andere da ist – das sind die Segnungen einer Familie, von gemeinsamen Erlebnissen. Ich glaube nicht, dass der Mensch in großem Umfang gemacht ist, allein durchs Leben zu laufen.

Muss man den Tod fürchten?

Ich habe keine Angst. Seit ich 17 war und mein Großvater gestorben ist, weiß ich, dass dieses Ereignis unabänderlich eintritt. Ich habe meinen Opa sehr geliebt. Schließe ich die Augen, weiß ich sofort, wie er sich anfühlte, wenn ich ihn drückte. Er hat die besten Kuchen der Welt gemacht, war so ein gütiger Mann. Ich hoffe, dass ich im Alter auch Güte ausstrahlen kann. Ob ich ohne Reue werde sterben können? Ich bin kein Mensch, der das Leben so aufsaugt, dass er alles, was sich bietet, sofort umsetzt. Insofern wird wohl eine Melancholie entstehen.

Wohin mit der Wut?

Es macht mich fassungslos, dass wir ein Wirtschafts­system akzeptieren, das auf Ausgrenzung, Ausbeutung, Profit­maximierung, Selbstoptimierung basiert. Und mit welcher Überheblichkeit Teile der bürgerlichen Presse und viele Regierende und Wohlhabende das für selbstverständlich halten. Es ist ein Privileg, dass ich die Wut darüber auf der Bühne ausdrücken kann und wahrgenommen werde.

Lesen Sie weitere Gespräche mit Prominenten in unserer Rubrik "Fragen an das Leben"

Wie wäre ein Leben ohne Humor?

Nicht vorstellbar. Treffe ich Leute, die keinen Humor ­haben, werde ich befangen. Neulich war so ein Ereignis, wo ich über mich lachen konnte. Ich bin mit ein paar alten ­Dingen zum Wertstoffhof gefahren, darunter ein Skateboard. Ein Mitarbeiter fragt: "Kann man das noch fahren?" Ich: "Kannste gern versuchen." Er stellt sich drauf und fährt weg. Ich dachte: Das rollt erstaunlich gut. Zu Hause merkte ich: Es war das neue Skateboard ­meiner Tochter, das alte stand in der Ecke. Ich bekam einen Lachanfall, und die Siebenjährige sagte spontan: "Papa, jetzt fährt jemand anderes damit, das ist doch toll!"

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt erfüllen?

Ich träume nicht mehr im Sinn von Wunschvorstellungen. Als Jugendlicher wollte ich Regisseur werden. Ich ­konnte es kaum abwarten, bis der nächste Jim Jarmusch ins ­Kino kam, und stellte mir vor, wenn ich das schaffe, dann gibt es jemanden, der in einem anderen Kino irgendwo auf der Welt sitzt und denkt: Oh, der neue Film von Max Uthoff! Bei nüchterner Betrachtung kommt man darauf, dass ­solche Träume meist Stellvertreter sind für Gefühle, die man er­leben möchte – sich begehrt, geliebt fühlen.

Wo ist Heimat?

Ich war für mein Referendariat drei Monate in Kapstadt. Da habe ich erstaunliche Sehnsüchte entwickelt: nach ­Brezn, nach Gebäuden, die älter sind als 100, 150 Jahre. Der Begriff Heimat ist zu befrachtet mit Definitionen. Oberammergau ist deine Heimat, weil du dort aufgewachsen bist? Jeder erlebt doch diesen Ort unterschiedlich! Heimat ist viel eher die Erinnerung an bestimmte Momente, die mit Sicherheit zu tun haben, mit Vertrauen.

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