"Hallo, ist da jemand?"
Singt, wenn er alleine in Kirchen ist: Autor Ewald Arenz
Dirk von Nayhauß
Ewald Arenz im Interview
"Hallo, ist da jemand?"
Beten ist wie ein Anruf, sagt der Schriftsteller Ewald Arenz. Und warum sind die spirituellen Mächte eigentlich unsichtbar?
Dirk von Nayhauß
26.06.2023
4Min

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich mit dem Rad durch Franken fahre, besonders im Herbst. Vieles vergeht, zugleich leuchtet diese Schönheit auf. Ich gondle allein über Feldwege, lasse mich treiben. Das ist ein intensives Gefühl, da ist man auch dankbar, am Leben zu sein. Mit 18 hatte ich Morbus Crohn, eine entzündliche Darmerkrankung, die ist per se nicht lebensgefährlich, aber es kann zum Darmverschluss kommen. Es war um Weihnachten, mein Vater war Pfarrer und hatte keine Zeit, auch der Rest der Familie nicht. Erst an Silves­ter kam ich in die Klinik, da war es schon sehr knapp. Als Jugendlicher fühlst du dich unsterblich, und dann liegst du plötzlich auf der Intensivstation, bist auf dich zurückgeworfen – und verstehst besser, was wichtig ist im Leben.

Birkefeld

Ewald Arenz

Ewald Arenz, 1965 ­geboren als ältestes von sieben Geschwistern, zählt zu den erfolgreichsten Schrift­stellern Deutschlands. 1994 veröffentlichte er seine ersten ­Erzählungen, in ­"Herr Müller, die ­verrückte Katze und Gott" entwirft er ein ­irrwitziges Bild davon, wie es nach dem Tod ­weitergehen könnte. ­Bekannt wurde Arenz 2019 mit dem Roman "Alte Sorten", gerade erschienen ist "Die Liebe an miesen ­Tagen" (DuMont, 24 Euro). Seine Bücher haben sich weit über eine Million Mal ­verkauft, er erhielt zahlreiche Preise. Ewald Arenz ist Lehrer und unterrichtet bis heute am Johannes-Scharrer-­Gymnasium in Nürnberg.

Fürchten Sie den Tod?

Als ich 29 war, starb mein Bruder an Magenkrebs, er war ein Jahr jünger. Es war furchtbar zu sehen, wie schnell ­jemand aus dem Leben gerissen wird, ein unglaublicher Verlust. Sein Tod war wie ein weiterer Appell: ­Konzentrie­re dich auf das, was das Leben zu einem guten Leben macht. ­Irgendwann nicht mehr da zu sein, ist ein seltsames Gefühl. Ich glaube aber, dass wir den Tod nicht fürchten ­müssen, wir sterben alle. Und wir sind alle ein Teil dieser Grundenergie, durch die alles entstanden ist, wir können sie göttliche Energie nennen. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass meine Moleküle irgendwann Teil irgendeiner Sonne sein werden. Heute ist es mir fast egal, ob ich nach meinem Tod noch gelesen werde. Viel wichtiger ist es, meinen drei Kindern ins Leben zu verhelfen, so­ dass sie auf eigenen ­ Beinen stehen. Ich möchte ihnen Vertrauen mitgeben und den Optimismus, dass es am Ende wieder gut werden kann.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich fühle mich in Kirchen zu Hause. Bin ich dort allein, singe ich "Lobet den Herrn" und "Komm, Herr, segne uns". Als Pastorenkind hatte ich die Vorstellung eines freundlichen Gottes. Nach dem Tod meines Bruders fragte ich mich: Wo ist Gott? Die Frage stelle ich mir nach wie vor. Ich könnte aber nie sagen: Ich bin Atheist. Manchmal bete ich, das ist wie ein Anruf: Hallo, ist da jemand? ­Es wäre ja überhaupt nicht nötig, dass all ­diese ­spirituellen Mächte unsichtbar sind und bloß in be­stimmten Zuständen erfahrbar.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die, die ich selbst gebe. Das Glück kommt aus einem selbst heraus, und es kommt dann, wenn du liebst, wenn du mit vollem Herzen geben kannst. Meine Ehe war schwierig. Wir sind unglaublich früh zusammengekommen, meine Frau war 19, als unser erster Sohn auf die Welt kam, ich war 23. Wir haben uns vor über zehn Jahren getrennt, aber für uns beide war klar: Die Familie ist das Wesentliche. Zumindest diese Familienwärme haben wir uns ­bewahrt, darüber bin ich sehr froh.

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Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich bin weit davon entfernt, ein perfekter Lehrer zu sein, ich mache Fehler. Wenn ich Schüler verletze, dann haben sie ein Recht darauf, dass ich um Entschuldigung bitte. Die Schuldgefühle gegenüber meinem Bruder dagegen sind einfach da. Er wusste lange nicht, dass er sterben würde, die Ärzte haben ihm nicht erklärt, dass es aussichtslos ist. Ich habe ihm damals einen Brief geschrieben, in dem ich noch mal alles gesagt habe, was ich gut fand mit uns – das ging völlig nach hinten los. Er meinte: Du glaubst nicht ­daran, dass ich überlebe, du hast mich aufgegeben! Das war ganz schrecklich. Eigentlich habe ich diesen Brief für mich geschrieben, um noch alles loszuwerden. Das war sehr egoistisch, diesen Ärger hätte er in seinen ­letzten ­Tagen nicht haben müssen. Du kannst dich schuldig ­machen, und das bleibt, du kannst nur lernen, damit zu leben und besser aufzupassen, dass das nicht wieder geschieht.

Wer oder was hilft in der Krise?

Die Familie, die Kinder. Meine Partnerin, manchmal ­meine Ex-Frau, weil wir uns so gut kennen. Auch ein, zwei Freunde, das war’s. Und Schreiben, das war in allen gro­ßen Krisen ein Ankerpunkt: Es geht weiter, obwohl um mich herum alles in Scherben fällt. Es ist auch ­dieses Eintauchen-­Können in eine Welt, in der du die Fäden in der Hand hältst. Diese Welt fliegt nicht so leicht aus­einander wie die reale Welt außenrum.

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