Martin Luther
Ein feste Burg ist unser Gott
Kampflied der Deutschen oder Protest gegen Gewalt? Martin Luthers Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" wurde über die Jahrhunderte oft widersprüchlich interpretiert
Die Wartburg in Eisenach, Thüringen, im Sonnenaufgang vor violettem Himmel
Heckepics/iStockphoto
Portrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plusLena Uphoff
Aktualisiert am 13.01.2026
6Min

Widersprüchliche Erzählungen ranken sich um Martin Luthers Choral "Ein feste Burg ist unser Gott". Einer Legende zufolge inspirierte er Pfalzgraf Friedrich III. zu einer Art pazifistischer Grundhaltung. Gott sei "ein feste Burg, ein gute Wehr und Waffen" - nicht aber die von Menschen gemachten Kanonen und Wallanlagen, so soll der Pfalzgraf und Kurfürst das Lied verstanden haben. Er habe daher während seiner Regentschaft keine einzige Festung bauen lassen.

Ganz anders eine Legende um den schwedischen lutherischen König Gustav Adolf. Von ihm heißt es, seine Soldaten seien im Dreißigjährigen Krieg mit dem Lied auf den Lippen gegen die Truppen der Altgläubigen ausgerückt. Und nach einem Sieg habe Gustav Adolf ausgerufen: "Das Feld muss er behalten!"

Die militaristische Deutung folgt den kriegerischen Metaphern des Luther-Chorals, ignoriert aber, was Luther eigentlich mit diesem Choral sagen wollte. Luther wähnte sich in der apokalyptischen Endzeit, in der sich Gott und Teufel einen kosmischen Kampf liefern. Gott und Christus streiten für das Gute, Christus bringt den "altbösen Feind" zu Fall - "ein Wörtlein kann ihn fällen". Der Gläubige bleibt passiver, staunender Beobachter.

Satan als Bild für moralische Verfehlung

Martin Luther schuf mit "Ein feste Burg" eine deutsche Nachdichtung zu Psalm 46: "Gott ist unsere Zuversicht und unsere Stärke". Text und Melodie stammen von ihm. Er schrieb sie irgendwann gegen Ende der 1520er Jahre, wann genau ist unklar. Der Choral gehörte ursprünglich zum Sonntag "Oculi", dem zweiten Sonntag der Passionszeit. Thema des Sonntags: sittlicher Ernst und die gewissenhafte Erfüllung der Christenpflicht. Mit seinem Lied rief Luther den Kirchgängern zu: Bleibt ehrbar, haltet die Füße still und vertraut allein auf Gott.

Spätestens die Aufklärung konnte mit der zugrunde liegenden apokalyptischen Weltsicht aber nichts mehr anfangen. Der aufgeklärte Theologe und Poet Johann Adolf Schlegel (Vater des berühmten Philosophen Friedrich Schlegel) dichtete den Choral 1774 daher um. Wie es scheint, wollte er einem militanten Missverständnis entgegenwirken: "Ein starker Schutz ist unser Gott! / Auf ihn steht unser Hoffen. / Er hilft uns treu aus aller Not, / so viel uns der betroffen. / Satan, unser Feind, / der mit Ernst es meint, / rüstet sich mit List, / trutzt, dass er mächtig ist. / Ihm gleich kein Feind auf Erden." Wobei der Satan hier bildhaft die menschliche Neigung zur moralischer Verfehlung personifiziert.

chrismon Spendenabo doppeltgut
doppeltgut
Digitales Spendenabo abschließen und weiterlesen

4 Wochen gratis testen, danach mit 10 € guten Journalismus und gute Projekte unterstützen.
Vierwöchentlich kündbar.

Dieser Text erschien erstmals am
Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.