Wald - Wenn es nach Erde und Laub riecht
Wald - Wenn es nach Erde und Laub riecht
Anne Schwalbe
Wenn es nach Erde und Laub riecht
Dann wissen die Jungen und Mädchen, dass der Herbst kommt. Was die im Waldkindergarten noch so alles lernen? Ein Anruf bei der Pädagogin.
Tim Wegner
23.07.2019

Wir gehen jeden Tag mit den Kindern in den Wald. Es gibt nur drei Ausnahmen: Gewitter, Sturm und Schneebruch. Dann müssen wir in unser Haupthaus. Morgens um acht bringen die Eltern ihre Kinder zum Parkplatz. Auf dem Weg zu unserem Bauwagen ­haben wir fünf Stopppunkte.An jedem gibt es ein Ritual. Dann singen wir zum Beispiel an einer Weggabelung ein Begrüßungslied.

Dagmar StoldtPrivat

Dagmar Stoldt

Dagmar Stoldt ist Erzieherin und ­Wildnispädagogin. Mit der Erzieherin ­Birgit Schubert, einer Religions­pädagogin, ­leitet sie die Waldkindergartengruppe der Evangelischen Kindertagesstätte Sprötze, 40 Kilometer südlich von ­Hamburg. 15 Kinder von drei bis sechs ­Jahren ­besuchen die Gruppe.

Viele Leute denken, dass unsere Kinder, die ja auch bei Regen und im Winter draußen sind, oft krank ­werden. Aber das stimmt nicht. Klar, im ersten Kindergartenjahr nehmen alle Kinder gern jeden Erreger mit. Aber danach werden sie seltener krank als die, die in den normalen Kinder­garten gehen. Die Infekte wandern im Wald auch nicht so leicht von Kind zu Kind. Wir haben ja Platz. Auf­passen müssen wir mit den ­Zecken, die ­Borreliose übertragen können. Dieses Jahr sind es viele. Am besten, man trägt lange Hosen und steckt sie in die Socken.

Der Wald macht ­Kinder kreativer. Wir haben ja kaum Vorgefertigtes hier, sondern spielen mit dem, was wir in der Natur finden. Wir basteln zum Beispiel Szenen zu Geschichten zu den Jahreszeiten oder zu biblischen Geschichten mit Tannen­zapfen, Gräsern, Ästen, Eicheln oder Steinchen. Meine Kollegin und ich beobachten, dass die Kinder, die ihren Eltern oft unruhig vorkamen, im Wald zur Ruhe finden. Die haben so viel Kraft, die sie hier einsetzen können. Wir haben auch schüchterne Kinder in der Gruppe, das sind erst mal unsere Beobachterkinder. Sie gucken und lernen. Und überwinden so ihre Zurückhaltung, weil sie mit dem Wissen auch Sicherheit gewinnen.

"Wir haben eine Karotte Wildschweine gesehen!"

Im Wald muss man einander ­helfen. Unsere Kinder halten zusammen. "Guck mal, es regnet, dann musst du deinen Rucksack da unters Zelt legen, sonst wird er nass" – so was sagen die Großen oft zu den Kleinen. Auch die Eltern arbeiten zusammen. Kinder wachsen so schnell, dann ­reichen sie Regenhosen und Gummi­stiefel an die Jüngeren weiter, damit nicht jeder alles neu kaufen muss.

Die Kinder erleben mit, was die Jahreszeiten für den Wald bedeuten. Am Anfang zeigen die Kinder auf vieles, weil sie noch keine Worte haben. Neulich sagte ein Junge: "Wir haben eine Karotte Wildschweine gesehen!" Wenn er in die Schule kommt, weiß er sicher, dass es "Rotte" heißt – und kann sogar beschreiben, wie ein Wald im Herbst riecht: nämlich viel mehr nach Erde und nach Laub als im ­Sommer. Und dort, wo Kastanien stehen, riecht es süß-modrig.

Protokoll: Nils Husmann

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