Pflanzenbau
Pflanzen, die Bescheid wissen
Immer weniger Gemüsesorten lassen sich aus eigenen Samen vermehren. Doch samenfeste Arten schützen die Artenvielfalt und helfen im Klimaschutz. Für all das kämpft der Verein Dreschflegel
Stefi erntet Wurzelpetersiliensamenalle und sammelt die Samen in einem blau gemustertem Kopfkissenbezug als Erntebehältnis
So sammelt Stefi auf dem Feld Samen ein - hier ernte sie eine Wurzelpetersilie ab; die Samen kommen erst mal in den Stofsack, den sie immer dabei hat.
Dreschflegel e. V.
Tim Wegner
09.10.2026
2Min

Manchmal bleiben Wanderer am Feldrand stehen und fragen Stefi Clar, was das für seltsame Gewächse seien. Sie sehen hohe, blühende Pflanzen mit dicken Schoten, kaum jemand erkennt darin Radieschen. Stefi Clar erklärt: dass in den Schoten Samen reifen für die nächste Aussaat. Die ernte sie gerade, denn: "Das sind samenfeste Pflanzen."

"Samenfest?", kommt dann als Rückfrage, und schon sind sie im Gespräch, die Wandersleute auf dem Premiumwanderweg P9 im Werra-Meißner-Kreis und die Gärtnerin, die hier auf diesem Acker Gemüse für Saatgut anbaut.

Die 57-jährige Stefi Clar leitet ihren eigenen Betrieb im Verbund der insgesamt 15 Biosaatguthöfe, die in der Dreschflegel GbR zusammengeschlossen sind. Daneben engagiert sie sich ehrenamtlich im Dreschflegel-Verein für den Erhalt und die Vermehrung gentechnikfreier, samenfester Gemüsesorten, gibt das Wissen über alte Kultursorten, neue Gesetze zur Landwirschaft und kleingärtnerische Strukturen weiter.

Samenfeste Sorten erzeugen wieder verwendbares Saatgut

Was Laien so natürlich erscheint – dass das Saatgut einer Pflanze immer wieder für den Anbau genutzt werden kann –, gilt für den Großteil der in Deutschland verzehrten Gemüsesorten nicht: Das Saatgut der oft im Labor gezüchteten "Hybriden" muss jedes Jahr durch Kreuzung ihrer Eltern neu erzeugt und Jahr für Jahr neu gekauft werden. Einwegpflanzen könnte man sie nennen. Ein lukratives Geschäft für die Saatgutindustrie.

Samenfeste Sorten erzeugen ihr eigenes, immer wieder verwendbares Saatgut, sind also nachbaufähig. Sie bleiben in ihren Eigenschaften auch in den nächsten Generationen relativ beständig. Die einmal gezüchtete Tomatensorte bleibt die Tomate, die sie war. Die Pflanzen wachsen draußen auf den Feldern, speichern in jedem Pflanzjahr neue Informationen ab und "lernen" dabei, sich an wandelnde Bedingungen anzupassen. "Pflanzen, die Bescheid wissen" nennt Stefi Clar das.

Betriebe wie die in der Dreschflegel GbR zusammengeschlossenen produzieren nicht für den Massenmarkt, das könnten sie auch gar nicht. Die Abnehmer ihres Biosaatguts sind vor allem Privatpersonen mit Gemüse-, Blumen- und Kräutergärten oder mit Balkonkästen, die zu schätzen wissen, was es im Supermarkt nicht gibt: eine große Vielfalt an Tomaten, Salaten und Kürbissen sowie fast vergessene Gemüse wie Kerbelrübe und Gartenmelde. Gerade Hausgärten können einen wertvollen Schutz für die biologische Vielfalt leisten. Denn da, wo es "blüht und fruchtet", sagt Stefi Clar, gibt es auch Totholzecken, Schutz für Kleintiere.

Biodiversitätsverlust, Klimawandel und immer mehr Gentechnik auf unseren Feldern – all das belastet die engagierte Gärtnerin. Doch wenn sie dann draußen auf dem Acker bei ihren Pflanzen ist, dann kann sie die "Welt auch mal die Welt sein lassen" und Kraft tanken fürs Weitermachen.

Spendeninfo

Den Verein Dreschflegel e.V. in Witzenhausen gibt es seit 2000. Ein wichtiges Ziel ist neben Sortenerhalt Aufklärung und Information, aktuell z.B. über neue EU-Gesetze zur Gentechnik auf dem Feld. Jede Spende hilft bei Kampagen und politischer Arbeit.

Spendenkonto:
IBAN: DE21 5225 0030 0000 0389 68
Spendenstichwort: chrismon

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