Eine Collage von alten schwarz-weißen Familienbildern.
Marc Latsch begibt sich auf die Spuren seines Großvaters, der aus Schlesien vertrieben wurde
privat; [M] chrismon
Schlesien
Schlesien: mein kompliziertes Erbe
Alle reden von ihren Wurzeln. Sein Großvater ist in Schlesien geboren und verlor mit dem Krieg seine Heimat. Heute fragt sich Marc Latsch: Was habe ich damit eigentlich noch zu tun?
Portrait vom Journalisten Marc LatschAndreas Endermann
30.10.2026
8Min

Eigentlich lässt sich alles auf zwei Namen herunterbrechen: Brandt oder Hitler? Wenn mein Großvater nach Schuldigen suchte, warum seine schlesische Heimat nicht mehr deutsch ist, fiel ihm zuerst der Ex-Bundeskanzler Willy Brandt ein. Den Warschauer Vertrag mit dem endgültigen Verzicht auf die Ostgebiete verzieh er ihm nie. Die Sozialdemokraten wählte er ab da nicht mehr.

Ich antwortete stets mit Adolf Hitler, dem Diktator, dem organisierten Massenmörder. Gegen die Schoah kam das Leid meines Großvaters nicht an, sosehr ich ihn auch liebte. Dass Deutschland 1945 auf die Ostgebiete und damit auf Schlesien verzichten musste, war für mich ein kleiner Kollateralschaden angesichts der Tatsache, dass Nazideutschland sechs Millionen Juden ermordet und einen Krieg angezettelt hatte, in dem etwa 70 Millionen Menschen getötet wurden.

Mein Großvater ist 2020 im Alter von 95 Jahren gestorben. In meiner Trauerrede nannte ich ihn einen Geschichtenerzähler. Selbst der Krieg klang bei ihm wie eine Abenteuerreise. Sie führte ihn aus Breslau zu einem Wehrmachtsstützpunkt am Atlantikwall. Dort wollte er einer Französin aus dem Nachbardorf imponieren, hackte Holz und verletzte sich. Kurz darauf mussten seine Kameraden an die Ostfront, er nach seiner Genesung "nur" nach Italien. Er beharrte auf seiner Version: pures Charmeur-Glück.

An der Front wurde er bald unversehrt festgenommen. Sein Kamerad habe noch schießen wollen, er hielt ihn ab. Statt in Russland landete er in Alabama in Kriegsgefangenschaft. Schreibstube, Boxkämpfe, Coca-Cola. Seltener sprach er darüber, was er in dieser Zeit alles verloren hatte. Seine Eltern, die er mit 18 zum letzten Mal lebend sah. Seine Heimat, die nach seiner Freilassung Wrocław und nicht mehr Breslau hieß. Das Leben, wie er es kannte, war vorbei.

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