Eine Frau läuft mit einem grünen Eimer an einem Holzschuppen vorbei, dessen Dach vollständig mit Solarmodulen bedeckt ist. Im Hintergrund ein blühender Garten
Fürs Klima eine Soforthilfe, fürs Portemonnaie erst später: Eine Solaranlage auf dem Dach rentiert sich erst nach Jahren
Manuela Larissegger / Getty Images
Senioren und die Energiewende
Für die Energiewende brauchen wir die Alten
Fast die Hälfte der Eigenheime gehört Menschen über 60. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will die Förderung von Solaranlagen streichen. Für Ältere werden sie so weniger interessant. Ohne ihre Dächer geht es nicht
Tim Wegner
26.10.2026
5Min

Die Welt steuert auf eine Erderwärmung von 2,8 Grad bis Ende des Jahrhunderts zu, teilte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) vorige Woche mit. Die Nachricht hat mich erschüttert. Am liebsten hätte ich die Schlagzeilen verdrängt, weil die Lage so aussichtslos erscheint. 2,8 Grad - das klingt nach wenig. Aber tatsächlich wäre unsere Welt kaum wiederzuerkennen.

Doch es gibt auch Fortschritte: Die Erneuerbaren haben selbst die kühnsten Prognosen übertroffen; die Solar- und Windkapazitäten sind seit der berühmten Pariser Klimaschutzkonferenz 2015 schneller ausgebaut worden als erwartet. Leider steigt laut UNEP auch die Nutzung von Kohle, Öl und Gas noch immer an, aber langsamer als 2015 vorhergesagt. Der Kohleverbrauch dürfte schon vor 2030 seinen Höhepunkt erreichen und dann sinken.

Will die Weltgemeinschaft das Pariser Klimaschutzziel doch noch erreichen und die menschengemachte Erderwärmung auf unter 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzen, müssen Fortschritte nicht nur im Stromsektor her, wo Wind- und Solarstrom sowie Batteriespeicher helfen. Sektoren, in denen es oft noch qualmt und raucht, müssen elektrifiziert werden: Mobilität und Straßenverkehr, Heizungen … Wir müssen Moore wieder vernässen und damit aufhören, Wälder zu roden. Und wir müssen der Atmosphäre in großem Stil CO₂ wieder entziehen. Im Januar hat mir Julia Pongratz erzählt, was dabei realistisch ist und was nicht.

Der Siegeszug der regenerativen Energien jedenfalls ist ein Hoffnungsschimmer. Die Erneuerbaren schreiben eine weltweite Erfolgsgeschichte, sogar in einzelnen Bundesstaaten in den Vereinigten Staaten, auch wenn US-Präsident Donald Trump den Klimaschutz auszubremsen versucht. Wann immer Ihnen jemand erzählt, dass Deutschland mit der Energiewende einen Sonderweg beschreitet, den sonst kein Land der Welt mitgeht (das ist eine häufig bemühte Verzögerungsstrategie), können Sie gelassen erwidern: Das stimmt nicht.

Im Gegenteil. Deutschland schickt sich an, einen ganz anderen Sonderweg zu beschreiten und die Energiewende hierzulande abzuwürgen. Grundlage der Kurswende, die Deutschland viel früher als andere einleitete, ist das Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG); Vordenker waren der SPD-Politiker Hermann Scheer und sein Abgeordneten-Kollege von den Grünen, Hans-Josef Fell. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will das Gesetz überarbeiten.

Wann immer der Bundestag Gesetze beschließen will, gehört in der Regel eine Anhörung im zuständigen Ausschuss zum Prozedere, in diesem Fall im Ausschuss für Wirtschaft und Energie. Katherina Reiche nahm nicht teil, sondern schickte einen Staatssekretär. Üblicherweise laden die Ausschussmitglieder Sachverständige ein, die ihre Sicht der Dinge bestärken. Umso erstaunlicher, dass selbst die Sachverständigen, die auf Einladung der Unionsfraktion, also von Reiches Partei, am 5. Oktober vor Ort waren, das Paket der Ministerin zerpflückten. Der Grundtenor war: Statt mehr Erneuerbare zuzubauen, werde das Wachstum gebremst, obwohl E-Autos und Wärmepumpen in Zukunft mehr davon brauchen. Strom werde teuer. Die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten aus dem Ausland bestehe fort. Das Geld dafür fließe in andere Länder, statt hiesige Regionen zu stärken.

Katherina Reiche möchte mit dem überarbeiteten EEG erreichen, dass Strom günstiger wird. Die Fachwelt sagt ihr: Das Gegenteil wird passieren. Reiches Instrumentenkasten umfasst viele Regelungen. Unter anderem will sie die Einspeisevergütung für kleinere Solaranlagen, wie wir sie auf vielen Hausdächern sehen, beenden.

Dazu hatte Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, in der Anhörung eine interessante Einschätzung. Er wies auf einen wichtigen Generationenaspekt hin. Ich habe deshalb bei ihm nachgefragt.

"Umfragen unter Immobilienbesitzern und Installationsbetrieben zeigen übereinstimmend, dass nur rund 40 Prozent der PV-Interessierten auch ohne die EEG-Förderung eine Solaranlage anschaffen würden", sagt Körnig. Hintergrund: Wer noch in diesem Jahr eine Solaranlage auf dem Hausdach in Betrieb nimmt, erhält 20 Jahre lang bis zu 7,7 Cent je eingespeiste Kilowattstunde. Früher, in den Anfangszeiten des EEG, lag diese Vergütung viel höher. Aber der technische Fortschritt drückte die Kosten und damit auch die Vergütung. Sonnenstrom gehört heute neben der Windenergie zu den günstigsten Stromquellen. Aber ist es vernünftig, die Förderung komplett zu streichen?

"Die gesetzliche Einspeisevergütung bleibt weiterhin ein notwendiges Absicherungsinstrument und ermöglicht gute Finanzierungskonditionen beim Erwerb von Photovoltaikanlagen. Im Falle einer Abschaffung der EEG-Förderung für neue PV-Dachsysteme im Heimsektor würden sich nach Berechnungen des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme die Amortisationszeiten von PV-Systemen mit und ohne Speicher derart verlängern, dass sie für die Mehrzahl potenzieller Kunden unattraktiv werden dürften", meint Carsten Körnig. Ohne eine EEG-Förderung würden sich die Amortisationszeiten auf rund 19 Jahre - mit Batteriespeicher - und auf über 30 Jahre - ohne Speicher - verlängern.

Doch was hat das nun mit der älteren Generation zu tun? Eine ganze Menge! Denn während wir der globalen Erderwärmung als Einzelne eher hilflos und überfordert gegenüberstehen, bietet besonders die Solarenergie die Chance, selbst etwas zu tun – vom Balkonkraftwerk bis eben hin zur PV-Anlage auf dem Dach. Diese Mitmach-Energiewende motiviert viele Menschen, selbst aktiv zu werden und anzupacken. So können auch Großeltern etwas für ihre Enkel tun und das Klima schützen. Doch Carsten Körnig warnt: "Insbesondere potenzielle Kunden über 60 Jahren dürften dann nach unserer Einschätzung häufig von einer Investition absehen."

Für die deutsche Energiewende wäre das ein herber Rückschlag. "Auf Eigenheimen sind Photovoltaikanlagen mit einer kumulierten Leistung von rund 46 Gigawattpeak verbaut – mehr als ein Drittel der gesamten installierten PV-Leistung in Deutschland", sagt Körnig. Doch das reiche nicht, und zuletzt sei die Gebäude-PV bereits stagniert. Und das ist besonders mit Blick auf die Häuser der Senioren ein Problem: "Knapp die Hälfte dieser Eigenheime sind Eigentum von Menschen über 60 Jahren. Um die Energiewende zum Erfolg zu bringen, ist deshalb auch weiterhin eine hohe Investitionsbereitschaft der Zielgruppe der über 60-Jährigen erforderlich", rechnet Carsten Körnig vor.

Die verheerende 2,8-Grad-Nachricht ist furchtbar. Ein Gutes aber kann ich ihr abgewinnen: Sie fällt in eine Zeit, in der es noch nicht zu spät ist, die Pläne von Katherina Reiche zu überarbeiten. Das letzte Wort haben die Abgeordneten des Bundestages. Oft hört man, die Haushaltsberatungen im November könnten sich als Sollbruchstelle der Koalition aus Union und SPD entpuppen. Ich wäre nicht überrascht, wenn die EEG-Pläne sogar eine größere Sprengkraft entwickeln.

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Den UNEP-Bericht "Emissions Gap Report 2026" finden Sie hier zum kostenlosen Download. Die Anhörung zum EEG finden Sie hier.

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Kolumne

Nils Husman

"Wir müssen die Schöpfung bewahren!“ Da sind wir uns alle einig. Doch was heißt das konkret? Nils Husmann findet, wer die Schöpfung bewahren will, sollte wissen, was eine Kilowattstunde ist oder wie wir Strom aus Sonne und Wind speichern können – um nur zwei Beispiele zu nennen. Darüber schreibt er - und über Menschen und Ideen, die Hoffnung machen. Auch, aber nicht nur aus Kirchenkreisen.