Freispiel
Kultiviert die Langeweile!
Kindergarten, Spielplatz, Playdate, Hörbuch, Vorlesen: Müssen Kinder eigentlich durchgehend bespaßt werden? Nein! Denn gerade Leerlauf tut ihnen gut
Kind liegt im Gras
Manchmal brauchen Kinder Freiraum, um kreativ zu werden
Laurence Mouton / Getty Images
Tim Wegener
15.10.2026
3Min

Die beliebteste Frage bei uns daheim ist momentan: "Papa, darf ich was gucken?" Gefolgt von einem skeptischen Blick meinerseits, gefolgt von einem "Nur EINE Folge! Ich bin auch GANZ LIEB!", gefolgt von einem herzerweichenden Unschuldsblick des 3,5-Jährigen, gefolgt von einem Seufzer des nachgebenden Papas.

Das Gucken von Kinderserien hat Vor- und Nachteile. Einerseits gibt es kaum eine günstigere Zeitspanne am Tag, in der ich mal schnell etwas ungestört erledigen (oder mich ausruhen) kann, als wenn das Kind vorm Fernseher oder Tablet sitzt. Ich kann mir sicher sein, dass er nicht wegläuft oder irgendeinen Quatsch anstellt, auch wenn ich mal nicht im selben Raum bin.

Andererseits sollen Kinder natürlich nicht so viel schauen, und bevor sie drei Jahre alt sind am besten gar nicht vor einem Bildschirm sitzen - wobei ich verraten darf, dass ich vielleicht ein oder zwei andere Eltern kenne, die das ernsthaft durchgezogen haben. Alle anderen knicken vorher ein. Wer frei von "Screentime" ist, werfe das erste Smartphone!

Sage ich ja zum Gucken, ist das Kind glücklich und ich habe ein bisschen Autonomie gewonnen. Sage ich nein, gibt es meistens enttäuschtes Geheule, Diskussionen und ich komme zu gar nichts mehr. Die Verlockung ist also groß. Doch gibt es auch bessere Wege, das Kind zu beschäftigen, ohne aktiv etwas zu unternehmen?

Neulich hatten wir im Kindergarten einen Elternabend zum Thema "Freispiel". Im Grunde steckt in dem Begriff schon alles drin, was man darüber wissen muss: Die Kinder dürfen selbstbestimmt entscheiden, mit wem, womit und wie lange sie spielen. Nur der Ort wird von den Erzieher*innen gestellt, und sie versuchen bei Konflikten zwischen den Kindern zu vermitteln.

Der Leiter des Kindergartens fragte die Eltern, ob sich ihre Kinder zu Hause überhaupt noch langweilen? Die meisten schüttelten den Kopf. Fast alle Kinder haben ein durchgetaktetes Freizeitprogramm aus Spielplatz, Playdates, Ausflügen, Geburtstagsfeiern, Musikkurs, Sport und so weiter.

Die Kinder haben kaum noch klassisch freie Zeit, die sie selbst gestalten können - und müssen. Dabei belegen Studien, dass genaus das für Kinder hilfreich ist, um selbstbestimmtes Handeln zu lernen und eine intrinsische Motivation zu entwickeln. Denn völlig freie, unverplante und ungestaltete Zeit kann zwar erstmal zu Langeweile führen, aber eben auch dazu, dass Kinder überlegen müssen, was sie mit der Zeit anfangen.

Kreativität wird durch Langeweile geboren

Wenn ich meinem Sohn diese Zeit also aktiv und bewusst zur Verfügung stelle, kann es sein, dass er mir erstmal eine halbe Stunde am Bein hängt und will, dass ich mit ihm spiele oder er "was gucken" darf. Wenn ich konsequent bleibe, fängt er irgendwann an, sich mit seiner Umwelt zu beschäftigen. Und selten sind es dann ausschließlich Spielsachen, mit denen er sich auseinandersetzt, sondern eher Alltagsgegenstände, die er zweckentfremdet oder in seine Fantasie einbaut.

Aus herumliegendem Verpackungsmaterial, einer Wäschekiste und einer blauen IKEA-Tüte baute er sich neulich das "Haus von den Kaulquappen", in dem er wohnte. Er war jetzt nämlich eine Baby-Kaulquappe und schwamm durch den Teich. Hin und wieder verirrte er sich ins Moor und ich musste ihn rufen, damit er seinen Rückweg im Dunkeln fand. Ich räumte im Nebenzimmer auf und hörte ihn vergnügt kiecksen, während er sich selbst und fiktiven Zuhöreren eine Geschichte erzählte. Das ging eine halbe Stunde lang so, bevor ich als "Papa Kaulquappe" miteinbezogen wurde. Und das hat uns beiden Spaß gemacht.

Zum Schluss noch eine kleine Medien-Empfehlung, falls sich das Gucken doch nicht vermeiden lässt: In der australischen Zeichentrickserie "Bluey" (u.a. auf Disney+) geht es um eine vierköpfige Hundefamilie, in der sich die beiden Kinder Bluey und Bingo die Welt durch aktives Spielen erschließen. Ihr kindsköpfiger Papa ist dabei oft mittendrin. Die Serie ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene lustig und nicht so seelenlos überdreht wie andere populäre Animationsserien mit Hunden. Und: Sie liefert immer neue Ideen für kreatives Spielen.

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Kolumne

Michael Güthlein
,
Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: zwei (Säugling, 3) und drei Kinder (7, 10, 12). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.