Es gibt keine Illusion. Jeder Blick aus dem Fenster ist ein Schlag ins Gesicht: Skyline in your face! Du bist nicht mehr in Berlin.
Okay, eigentlich hatte ich echt Glück. Ich bin nicht in einer der vielen überteuerten, trostlosen Buden gelandet, durch die ich mich auf der Wohnungssuche gequält habe. Nein, ich habe sogar Fake-Stuck an der Decke und wenn ich die vier Stockwerke runter- und aus dem Haus laufe, brauche ich keine zehn Minuten zum Main. "Schauen Sie, hier, unsere Skyline!" Noch immer habe ich die enthusiastische Stimme des Hausverwalters im Ohr, der bei der Wohnungsbesichtigung voller Stolz die Fenster öffnete, um mir "sein" Frankfurt schmackhaft zu machen.
Mich trennen etwa zwei Kilometer Luftlinie von dieser Skyline. Zwischen uns liegen ineinandergeschachtelte Altbauten, 60er-Jahre-Blöcke, Kirchtürme. Vor ihr erscheint alles wie ein Witz. Abends leuchtet sie gelb und rot und glitzernd herüber, ganz schön, eigentlich. Aber wenn morgens die Sonne auf sie scheint, wirkt sie hart und kalt. Irgendwie erbarmungslos. Ein Wahrzeichen des Kapitalismus in schimmerndem Grau. Keine andere Stadt in Deutschland würde einem so unmissverständlich zu verstehen geben, wo man gerade ist. Außer natürlich, man wohnte direkt am Alex in Berlin.
Berlin hat sich über die Jahre in mich eingeschrieben
Johanna Manger
In Gedanken sehe ich die Birke vor meinem Fenster im Kreuzberger Hinterhof vor mir, vermisse das Glockenläuten, das morgens von der Yorckstraße her zu hören war, während ich noch im Bett lag. Diese breiten Straßen, die vollgeschmierten Hauswände, diese Weite, abends mit dem Fahrrad übers Tempelhofer Feld …
Der Transit nach Frankfurt war erst mal nur ein physischer. Wie soll das auch gehen, eine Stadt hinter sich zu lassen, in der man sieben Jahre gelebt hat? Sieben Jahre, in denen ich langsam verstanden habe, wie diese Stadt funktioniert. Wie sich ihre riesigen Straßenzüge verbinden, wo ich rauskommen würde, wenn ich auf einem bleiben und mit dem Fahrrad immer weiter in eine Richtung fahren würde. Jahre, in denen ich hier einfach sein durfte, wie ich wollte, mich so kleiden, wie ich mich gefühlt habe, weil in Berlin eh so viele Leute verrückt und eigen aussehen und alles irgendwie okay ist.
Auch in Frankfurt fange ich bald an, Fahrrad zu fahren. Auch hier durchmesse ich die Stadt, halte an Ampeln, höre Musik, gehe einkaufen. Ich verkrieche mich nicht. Bin von Anfang an sichtbarer Teil dieser Stadt. Und dennoch fühle ich mich unzugehörig. Die Banken spucken gleich aussehende Businessuniformen aus. Viel zu viele SUVs verstopfen die engen Straßen. Ich will zurück. In den ersten Monaten in Frankfurt bin ich ausgefüllt von einer Frage: Was soll ich hier?
Für die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sind Städte ein "eng umschriebener Horizont konkreten Lebens und Erfahrens", Orte, in die sich Menschen einschreiben, weil hier "bereits gebaut, gelebt, gehandelt und gelitten wurde", wie sie in ihrem Aufsatz "Der Kampf um die Stadt als Identitätsverankerung und Geschichtsspeicher" schreibt. Diese Verbindung denkt Daniel Schreiber in seinem Essay "Zuhause" weiter: "Man selbst", sagt er, "wird zum Teil der Geschichte von Städten, und Städte werden zum Teil der eigenen Geschichte. Sie fühlen sich irgendwann wie ein Teil von einem selbst an, so sehr, dass man den Eindruck hat, durch sie ein anderer zu werden."
Der Schock, wenn ich aus dem Fenster schaue, kommt vielleicht genau daher. Berlin ist noch so sehr Teil von mir, dass ich damit in Frankfurt ständig anecke. Zwar tritt mein Körper hier schon in Erscheinung, ist Teil dieser sich immer weiter fortschreibenden Stadtgeschichte. Aber Berlin hat sich über die Jahre in mich eingeschrieben. Ich bin noch eine andere.
Auch in Berlin war das erste Jahr zeimlich hart
In meinen ersten Monaten in dieser Stadt geht der Herbst langsam in den Winter über. Wenn ich nach der Arbeit die vielen Treppen in den 4. Stock steige, geht mir oft ein Lied von Dota durch den Kopf. "Ich wohn ganz oben und der Regen kommt zuallererst zu mir, wenn er fällt". Die Melodie ist nachdenklich, ein bisschen traurig. Meine Schritte fühlen sich schwer an.
An Tagen, an denen ich mich besonders fehl am Platz fühle, versuche ich, mich an die Zeit zurückzuerinnern, in der ich neu war in Berlin. Ich will es zwar nicht ganz wahrhaben, aber auch dort war das erste Jahr ziemlich hart. Winter 2018, ein grauer Wohnblock an der Grenze zwischen Steglitz und Friedenau. Eigentlich war ich mittendrin, aber ich hatte das Gefühl, irgendwo total am Rand zu sein. Im grauen Februar eine kurze, intensive, schöne Affäre und dann wieder allein durch die Pfützen zwischen den Schrebergärten zur Haltstelle Priesterweg. Allein in der S-Bahn. Keiner kennt mich, keiner schaut mich an. Wenn mir was passieren würde, oder ich einfach nicht mehr da wäre, würde das überhaupt keiner merken, hatte ich damals gedacht.
Ich will auf Tuchfühlung gehen mit dieser merkwürdigen neuen Stadt
Johanna Manger
Die kanadische Autorin Jessica J. Lee hat ihre erste Zeit in Berlin mit Schwimmen bewältigt. Jede Woche ein anderer See im Umkreis. Egal bei welchen Temperaturen. Auch sie kannte niemanden, aber im Wasser fühlte sie sich ruhig und aufgehoben. Darüber hat sie ein Buch geschrieben und ich habe in meinem ersten Berliner Jahr ihr Buch gelesen. "Turning. Lessons from Swimming in Berlin's Lakes". Jede Woche ein Kapitel. Ein kleines Ritual zum Ankommen in dieser irre großen Puzzlestadt. Erst in den letzten Tagen in Berlin habe ich es fertig gelesen. Ein Abschiedsritual am Schlachtensee.
Wie kann ich mit Frankfurt in Kontakt kommen? Was für ein Ritual finde ich hier? Im See schwimmen geht hier nicht, weil es kaum einen gibt. Jedenfalls zieht mich der überfüllte Langener Waldsee so gar nicht an.
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Aber Laufen geht. Mit einer Gruppe Frauen durch den Stadtwald, über uns die Flugzeuge und in mir die Gewissheit, dass ich wenigstens einmal die Woche einen Abend ohne Einsamkeit habe. Irgendwann kommt ein weiterer dazu, an dem ich mir nach der Arbeit die Geige auf den Rücken schnalle und zum Orchester radle.
Aber Berlin sitzt tief. Noch immer. Wie tief, merke ich erst, als ich im Februar noch einmal für ein paar Monate dort bin, für ein Praktikum. Es ist eisig und grau. Überall Rollsplit, nach Wochen der Glätte. Ich suche gar nicht nach meinen vertrauten Orten. Die Stadt nimmt mich auf wie eine weiche Umarmung. Ich laufe irgendwo an lauten, vielbefahrenen Straßen entlang und jeder knirschende Schritt fühlt sich an wie eine Liebeserklärung.
Die Skyline hat inzwischen ihre Härte verloren
Im Frühling fahre ich wieder nach Frankfurt. Vor meinem Fenster blühen jetzt die Kastanien. Wie in Berlin. Als wollten sie mir Geleit geben, von einer Stadt zur anderen. Und mit dem Frühling kommt in mir der Drang, etwas zu tun, mich einzubringen, auf Tuchfühlung zu gehen mit dieser merkwürdigen neuen Stadt.
Und so sitze ich an einem Sonntagmorgen im Mai in einem Folientunnel. Wie die anderen etwa zehn GemüseheldInnen klebe ich mir ein Namensschild ans T-Shirt, hole mir Harke und Handschuhe aus dem Schuppen und buddle kurz darauf in der Erde. Zwei Hektar Land voller Salat, Petersilie, Rote Bete. Dazwischen meterhohe Sonnenblumen und Unkraut. Jede Menge Unkraut.
Als ich zu Hause mein Fahrrad im Hof abschließe, fühle ich mich so glücklich und geerdet wie schon lange nicht mehr. Da ist ein Ort, an dem ich sein kann, an dem es was zu tun gibt. Da sind Menschen in Hoodies und dreckigen Turnschuhen. Mit ihnen fühlt es sich vertraut an, ohne dass wir uns kennen. Es ist kaum zu glauben. Und ich komme wieder.
Frankfurt ist nicht Berlin. Diese Stadt ist keine Verheißung. Sie zieht mich nicht an, nimmt mich nicht auf, sie reizt mich nicht. Aber sie hat Fugen, in denen ich mich einkrallen und festhalten kann. Es ist paradox: Aber grade will ich nicht nach Berlin zurück. Nicht mal übers Wochenende, um Freunde zu besuchen. Ich hab hier zu tun. Wuchernde Fingerhirse ausgraben, Kohlrabi und Grünkohl setzen, Mangold und Basilikum ernten in rauen Mengen und Erde schippen. Das ist meine Fuge hier. Eine greifbare physische Verbindung zum Frankfurter Boden.
Der Transit vollzieht sich, ohne Blick zurück. Dreh dich nicht um! Ich fahre nicht nach Berlin. Wie sollte ich die Stadt bewältigen? Wie damit umgehen, dass ich kein Zimmer mehr dort habe, jede Ecke kenne? Ich trau mich da noch nicht ran. Ich habe Angst, rückfällig zu werden.
Die Skyline hat inzwischen ihre Härte verloren. Oft stehe ich jetzt abends am Fenster und schaue zu, wie die Sonne hinter ihr untergeht. Ich kenne ihr Blinken, bemerke kleinste Veränderungen ihrer kunstvollen Beleuchtung und wenn ich sie vom ICE aus wiedersehe, überkommt mich manchmal sogar ein warmes Gefühl davon, zu Hause anzukommen.
Meine Wege werden bestimmt bald mal wieder nach Berlin führen, zumindest auf Zeit. Gerade aber kann ich hier nicht weg! Wir bauen eine große Gartenhütte auf der Stadtfarm und außerdem sind die Tomaten reif.





