Projektfoto "Was ist Stadt?" - auf TikTok erklärt
Felix Sauer und Sarah Stemmler haben "Was ist Stadt" ins Leben gerufen
Felix Sauer
Stadtpolitik für alle
"Was ist Stadt?" - komplexe Zusammenhänge einfach erklärt
Stadt erklären, in einfachen Worten, und trotzdem wissenschaftlich. Das ist das Ziel einer Social-Media-Kampagne auf Instagram und Tiktok. Sebastian Schipper, Professor in Frankfurt, hat die erste Staffel übernommen
Tim Wegner
26.03.2026
3Min

Wenn Sebastian Schipper erklärt, wozu er forscht, erntet er oft ein Stirnrunzeln: Er ist Professor für kritische, geografische Stadtforschung an der Uni Frankfurt. Darunter können sich viele Menschen nur wenig vorstellen. Und genau deshalb hat der Wissenschaftler sofort zugesagt, als er gefragt wurde, ob er bei einer Social-Media-Kampagne unter dem Titel "Was ist Stadt" mitmachen wolle.

Die kurzen Erklär-Clips mit Schipper erfassen komplexe Fragen. Zum Beispiel: "Warum verschwindet Wohnraum?", oder "Warum ist der Mietenspiegel in Deutschland immer zu hoch?", "Ist Enteignung die Lösung für unsere Wohnungskrise?" Die insgesamt 26 Clips sind maximal 50 Sekunden lang. Auf Tiktok (da ist die Reichweite viel höher als auf Instagram) werden sie viele tausende Male angesehen, manchmal gibt es mehrere hundert Kommentare, allein 665 unter dem Post mit dem Titel "Warum ist Helmut Kohl schuld, dass deine Wohnung so teuer ist?"

Für Sebastian Schipper sind die Videos eine großartige Gelegenheit, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse so rüberzubringen, dass sie auch Laien verstehen. Schon immer war er in beiden Welten unterwegs. In der Welt der theoretisch-arbeitenden Wissenschaft und in der Welt der Menschen, um die es in seinen Forschungen hauptsächlich geht: Wohnende, sprich, wir alle. "Ich habe den Anspruch", erzählte er mir, "mich auch mit den Leuten auszutauschen, über die oder mit denen ich forsche. Aber dafür muss ich rausgehen."

Lesetipp: Lara Schulschenk kämpft auf Instagram gegen Mietwucher

Und das tut er, als Wissenschaftler, als politisch Engagierter. Er spricht bei Mieterinitiativen; er hat daran mitgewirkt, dass die Frankfurter Städtische Wohnungsbaugesellschaft einen Mietendeckel einführte, er organisiert Sommerschulen zum Thema an der Uni und erklärt in Zeitungsinterviews, was nötig wäre, um die Wohnungskrise zu entschärfen. Das alles, weiß er jetzt, sei gut und wichtig, allerdings: Auf derartigen Veranstaltungen, auch bei der Leserschaft von Artikeln großer Medien, bleibe er oft in seiner Bubble. Ganz anders auf Insta und vor allem Tiktok: "Da kommentieren auch viele aus der rechten oder marktliberalen Ecke." Stimmen, die auch gehört werden wollen, wichtig für seine Forschungen.

Sebastian Schipper auf Tiktok - mit seinen kurzen Videos hat er eine große Reichweite

Hinter der Kampagne "Was ist Stadt?" stehen Felix Sauer und Sarah Stemmler. Beide sind hauptberuflich tätig als Social-Media-Campaigner, also echte Profis. Aber beide sind auch politisch engagiert. Felix hat Sebastian Schipper während seiner Studienzeit an der Goethe-Universität kennengelernt, und als er und Sarah die Idee für die Kampagne hatten, hat er gleich an den Frankfurter Professor gedacht. Denn: Nicht jeder könne in 30 Sekunden erklären, ob "Enteignungen in der Wohnungskrise helfen", oder was ein Mietendeckel eigentlich bewirke.

Denn auch, wenn Social Media immer so leicht wirke, müssten die Inhalte trotzdem sachlich und wissenschaftlich fundiert sein. Sebastian, so Felix, sei ein perfekter Übersetzer komplexer Zusammenhänge in klare, einfache Worte.

"Was ist Stadt" ist in mehreren Staffeln geplant. Die erste mit Sebastian Schipper über die Wohnungskrise ist jetzt abgeschlossen, demnächst beginnt die zweite mit dem Thema "Polizei und Sicherheit".

Felix und Sarah machen all das im Ehrenamt. Allein die Postproduktion der Videos mit Sebastian, die sie alle in einem Schwung aufgenommen hatten, hat Tage gedauert. Doch die Arbeit machen sie gerne: "Uns hat es genervt, dass die Krypto-Bros und rein profitorientierten Immobilienmakler auf den Socials alles rausblasen können, und niemand widerspricht." Nun gibt es auch hier eine Stimme für das Gemeinwohl, für ein Umdenken in der Immobilienbranche und Stadtentwicklung. Entstanden ist ein "digitales Glossar" als Argumentationshilfe für die Menschen, die auch auf Tiktok oder Insta anders denken und eine Stimme haben wollen.

Und ganz unabhängig von allen politischen Zielen: Sebastian Schipper an der Uni hat gemerkt, dass über die Videos Anfragen zum Geografie-Studium von interessierten jungen Menschen kamen. Sein Fach ist eben nicht nur langweilige und trockene Wissenschaft, sondern spannend und sogar unterhaltsam. Und wer will, kann damit sogar Social-Media-Influencer werden.

PS: Und was hat Helmut Kohl mit der Wohnungskrise zu tun? Er hatte in den 1990er Jahren ganz generell die Gemeinnützigkeit für alle Wohnungsbauunternehmen abgeschafft. Heute gilt dieser Schritt als eine der Ursünden für die Entfesselung der Spekulation mit Wohnungen.

Infobox

Was ist Stadt ist auf Instagram und Tiktok zu finden. Es gibt keine extra Webseite.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.

Kolumne

Dorothea Heintze

Wohnen wollen wir alle. Bitte bezahlbar. Mit Familie, allein oder in größerer Gemeinschaft. Doch wo gibt es gute Beispiele, herausragende Architekturen, eine zukunftsorientierte Planung? Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß: Das eigene Wohnglück zu finden, ist gar nicht so einfach.