Grenzen setzen
Wie ich beschloss, nicht sauer zu sein
Natürlich will ich, dass unsere Kinder aus ihren Fehlern lernen. Aber wie macht man das am Besten? Und ist es immer sinnvoll, zu schimpfen?
Ein Smiley auf einem beschlagenem Fenster
Manchmal lohnt sich der Ärger nicht
Jango Beat / Getty Images
Lena Uphoff
01.10.2026
4Min

Einer unserer Söhne spielt die Tuba. Die Tuba ist das größte und tiefste unter den Blechblasinstrumenten. Die Tuba unseres Sohnes ist mit Transportkasten ungefähr so groß wie er, aber deutlich breiter. Dass er dieses Instrument spielt, hat er ausschließlich seiner eigenen Hartnäckigkeit zu verdanken. Denn wir fanden es zu groß und zu unpraktisch. Er aber wollte unbedingt Tuba spielen und hat uns über Monate bearbeitet und schließlich auch seine Musiklehrerin mit eingespannt. Wir haben irgendwann aufgegeben.

Die Tuba ist – wie gesagt – recht groß. Man kann sie schwer übersehen. Doch letztens hat unser Sohn die Tuba im Bus stehen lassen. Wir haben sie wiederbekommen und auch wenn die Jagd nach der Tuba für mich nervenaufreibend war – erzähle ich gleich - so ist es eigentlich noch interessanter, dass ich es nicht geschafft haben, wegen der ganzen Sache, sauer auf ihn zu sein. Aber der Reihe nach.

Zwei Mal in der Woche hat er mit seiner Klasse Musikunterricht. Alle Schülerinnen und Schüler spielen ein Blasinstrument und müssen es an diesen Tagen mit in die Schule bringen. Und auch wenn er sich gelegentlich beschwert, dass die Tuba groß und unhandlich ist, muss man sagen: Meistens nimmt er die Tuba sehr brav mit dem Bus in die Schule und bringt sie auch wieder zurück.

Leseempfehlung: So trotzt die Blaskapelle von Waldau dem Vereinssterben

Nicht so vor ungefähr zwei Wochen. Als ich gerade dabei war, den Frühstückstisch aufzuräumen, klingelte mein Handy. Es war unser anderer Sohn, der sagte, dass sein Bruder die Tuba im Bus vergessen hatte. Ich glaube, dass er selbst nicht anrufen wollte, weil er dachte, ich würde ihn anmotzen. Doch dazu wäre es wahrscheinlich gar nicht gekommen. Denn erst dauerte es etwas bis ich begriff, was passiert war. Und dann dachte ich daran, wieviel diese Tuba kostet und daran, dass sich das Namensschild an der Tuba letztens im Regen aufgelöst hatte und nicht mehr zu lesen war.

Sollte man mit den Kindern strenger sein als mit sich selbst?

Es ist ein normaler öffentlicher Bus, der aus unserem Vorort an der Schule vorbei weiter irgendwohin nach Frankfurt fährt. Ich hatte also gar keine Zeit zu motzen oder sauer zu werden, denn irgendwie musste ich diese Tuba zurückbekommen.

Lesen Sie hier: Lärm beim Schlagzeugüben - wie ist er erträglich?

Bei der Bus-Betreibergesellschaft ging tatsächlich jemand ans Telefon. Nur leider könne sie den Busfahrer nicht erreichen, sagte die freundliche Stimme. Der Bus werde von einem Subunternehmer betrieben und der Fahrer sei dort angestellt. Sie gab mir eine Telefonnummer des Subunternehmers und ich rief dort an. Leider nur ein Anrufbeantworter, der sagte, man könne ab 8 Uhr anrufen. Es war aber bereits 8:30 Uhr. Also dachte ich: Vielleicht kann ich den Bus einholen. Ich schaute auf den Plan. Leider war er gleich schon bei seiner Endhaltestelle.

Als nächste Idee kam mir in den Sinn, dass er vielleicht die gleiche Strecke wieder zurückfahren würde. Also stieg ich ins Auto, um ihn abzufangen. Der erste Bus den ich anhielt, war nicht der richtige. Ich fragte den Fahrer nach der Telefonnummer seines Kollegen. Aber er verstand nicht richtig, was ich wollte und verwies mich nur an die Hotline der Betreibergesellschaft, wo man mir sagte, dass der Bus von einem Subunternehmer … aber das hatte wir schon. Es war mittlerweile schon nach 9 Uhr und der Anrufbeantworter sagte immer noch, man könne ab 8 Uhr jemanden erreichen.

Lesetipp: Als Mutter Tagebuch schreiben: Warum es den Kindern später hilft

Kurz bevor ich aufgeben wollte, kam ein weiterer Bus angefahren und ich wedelte mit den Armen, um ihn zu stoppen. Der Fahrer blieb stehen und im Mittelteil stand, ganz brav angeschnallt, die Tuba – wie als hätte sie nur auf mich gewartet.

Als ich sie uns Auto lud, war ich so erleichtert und auch so erschöpft, dass ich keine Energie mehr hatte, sauer auf meinen Sohn zu sein.

Am Nachmittag, als ich wieder zuhause war, überlegte ich, was ich zu ihm sagen würde. Aber ich fand noch immer keine Energie, um sauer zu sein. Und dann fiel mir ein, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit meine Airpods im Zug vergessen hatte.

Sicher, ich war damals sauer auf mich. Aber dann sagte ich zu mir, dass solche Dinge einfach passieren und es nichts nützt, sich zu sehr aufzuregen. Als ich ihm dann die Tuba übergab und in seinem Gesicht sah, wie erleichtert er darüber war, dass er sie zurück hatte, dachte ich mir: Man sollte mit den eigenen Kindern nicht strenger sein als mit sich selbst, umarmte ihn und beschloss, das mit dem Sauerwerden sein zu lassen.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.

Kolumne

Michael Güthlein
,
Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: zwei (Säugling, 3) und drei Kinder (7, 10, 12). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.