chrismon: Robert Geisendörfer hat sich eine kirchliche Publizistik gewünscht, die den Sprachlosen eine Stimme leiht. Ist das auch Ihr Anspruch, wenn Sie über Geflüchtete berichten?
Isabel Schayani: Nicht in dem Sinne, als dass diese Menschen ihre Geschichten nicht erzählen oder nicht erzählen wollen. Dass sie uns sprachlos vorkommen, liegt auch an uns: Wir kommen schneller mit Leuten ins Gespräch, die unsere Sprache sprechen und von denen wir glauben, dass wir kulturell oder religiös auf einer Wellenlänge sind. Deshalb übersieht man vielleicht eher diese Menschen und ist es mir wichtig, gerade sie sichtbar zu machen und anzusprechen.
Isabel Schayani
Was fehlt Ihnen, wenn deutsche Medien über Migration berichten?
Anderen zu sagen, was sie gut oder schlecht machen, ist nicht meine Aufgabe. Ich würde lieber ermutigen: Geht raus, redet mit den Menschen! Was wir erleben, wenn wir draußen sind, ist zum Teil auch unangenehm.
Ich hatte vor drei Wochen eine Veranstaltung in Duisburg mit ungefähr 100 vorwiegend muslimischen Frauen. Die Wut, dass sie medial nicht gesehen werden, war unglaublich groß.
Worüber waren die Menschen wütend?
Sie haben gesagt, ihr berichtet über uns, wenn es um Gewalt oder Islamismus geht, aber was wir in unserer Stadt fürs Vereinsleben machen, und wie wir uns engagieren, das seht ihr nicht. Und es stimmt, es gibt viele gelingende Geschichten, die auch zu Deutschland gehören.
Neulich war ich in Essen an der Frida-Levy-Gesamtschule. 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, es gibt viel Armut im Einzugsgebiet der Schule. Ich machte ein Stück für die Tagesthemen darüber, was nach der 10. Klasse, nach dem Abschluss kommt.
Und ich war beeindruckt von den Schülern; zwei sagten, ihre Eltern hätten den Weg hierhin gemacht für sie und jetzt seien sie ihnen schuldig, das in Form von Leistung und guten Taten zurückzugeben. Das war ein Junge aus Syrien und ein anderer aus Kamerun. Ey, Leute, da kommt eine Generation mit Resilienz, Lebensfreude, und Verantwortungsbewusstsein, auch Dank ihrer Lehrer!
Sie sind häufig auch an den Außengrenzen der Europäischen Union unterwegs. Gibt es Erlebnisse, die Sie nicht loslassen?
Calais in Frankreich ist so eine Außengrenze. Hier hoffen Menschen, nach England zu gelangen. Als wir das letzte Mal dort waren, machte ein Kollege ein Foto, während ich mit einem Mann sprach. Erst hinterher sah ich, dass ich die guten Winterstiefel trug – mein Gesprächspartner hatte Badelatschen an. Solche Bilder fressen sich ein. Ich fahre zurück nach Köln und dieser Mensch bleibt mit seinen Badelatschen bei Wind und Wetter in diesem Matsch zurück.
Haben Sie Verständnis für Bedenken der Mehrheitsgesellschaft, wenn viele Menschen aus anderen Kulturen zu uns kommen?
Auf jeden Fall! Es gibt immer zwei Seiten. Die einen, die kommen, und die anderen, die merken, am Tisch wird es enger. Wenn in der Straßenbahn, in den Regionalzügen deutlich mehr Menschen unterwegs sind, die erkennbar in einem anderen Land groß geworden sind oder deren Eltern aus einer anderen Kultur kommen, erfreut das nicht alle. Es wäre falsch, dieses Erleben und das Gefühl zu ignorieren. Gefährlich falsch.
Nach Deutschland sind in sehr kurzer Zeit sehr viele Menschen gekommen. Die deutsche Bevölkerung hat eine Jahrhundertleistung hingekriegt, über drei Millionen Geflüchteten Schutz zu bieten – auch vorübergehenden. Natürlich gibt es irre viele Probleme und nicht nur Happy Ends.
Woran denken Sie?
Ich kenne viele Geschichten von Menschen, die sich für Geflüchtete eingesetzt haben, und es kam eben nicht immer ein "Danke". Davon sollten wir uns nicht entmutigen lassen. Bei mir zu Hause lebt eine afghanische Familie. Eines Tages kam der Sohn von der Schule und sagte: "Isabeeel, ich bin Klassensprecher!" Das sind die kleinen Momente, in denen ich denke: yes!
Der Robert Geisendörfer Preis wird seit 1983 jährlich im Gedenken an den christlichen Publizisten Robert Geisendörfer (1910‒1976) verliehen. Die feierliche Verleihung des Robert Geisendörfer Preises findet am 16. September 2026 in Zusammenarbeit mit dem ZDF in Mainz statt.




