Eine alte Frau mit Brille steht in einer Küche und hält eine Zitrone in der Hand.
Helene Nestler, Jahrgang 1955, kocht leidenschaftlich gern Marmelade. Der Erlös aus den verkauften Gläsern wird gespendet
Amelie Sachs für chrismon
Ehrenamt
"500 Gläser Marmelade pro Woche"
Die Seniorin Helene Nestler kocht aussortiertes Obst zu Marmelade ein - zugunsten obdachloser Frauen und Kinder. Sie macht gern andere glücklich. Und ist es dann selbst auch
Tim Wegner
22.08.2026
4Min

chrismon: Was machen Sie in Ihrem Ehrenamt?

Helene Nestler: Wir holen einmal in der Woche aus den umliegenden Supermärkten aussortiertes Obst und kochen Marmelade. Mit dem Erlös unterstützen wir die Organisation Karla 51, die obdachlose Frauen und Kinder in München betreut. Als Vorsitzende fällt viel Verwaltungsarbeit an, aber ich arbeite immer wieder im Team mit.

Klingt nach viel Arbeit …

Aber eine schöne. Die Gemeinde Hohenbrunn stellt uns die Seniorenbegegnungsstätte für einen Tag in der Woche kostenlos zur Verfügung, dort treffen wir uns dienstags. Eine Vor- und eine Nachmittagsschicht kochen ein und eine Gruppe hübscht die fertigen Gläser auf. Alles allerliebste Handarbeit, selbst die Anhänger sind mit Handschrift.

Wo bekommt man die Marmelade?

In den hiesigen Bäckereien, der Bäckerei Neulinger in München, Edeka-Filialen, beim Straßenfest in Ottobrunn und in den teilnehmenden Supermärkten.

Wie kamen Sie zu dieser Initiative?

Ich koche leidenschaftlich ein und kann es nicht aushalten, wenn Lebensmittel weggeworfen werden. Damals habe ich bei der Obdachlosenhilfe Karla 51 geholfen. So fand eins zum anderen.

In einem Urlaub am Meer habe ich mit meinem Mann das Konzept entwickelt – er ist der kreative Teil, der bei meinen Ideen immer herhalten muss. Den Namen und das Logo hat er erfunden. Dann ging’s los: Ein Supermarkt war dabei und wir fünf Frauen, die 40 Gläser Marmelade pro Woche hergestellt haben.

Und jetzt?

Sind wir über 40 Leute! Diverse Supermärkte machen mit! Das liegt an meinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen. Ihre Begeisterung springt einfach über. Auch das Konzept ist eine runde Sache: Man rettet Lebensmittel, man hilft den Schwächsten und erlebt dabei eine große, harmonische Gemeinschaft.

Wie viel Zeit investieren Sie?

Etwa 20 Stunden pro Woche. Die anderen kochen einige Stunden ein, holen das Obst oder kümmern sich um soziale Projekte, die auch zu uns gehören – jeder, wie er kann.

Von wie viel Marmelade sprechen wir denn?

500 Gläser pro Woche. Das macht mich stolz! Bisher haben wir etwa 300.000 Euro gespendet.

"Jemand wird schwer krank und alle kümmern sich!"

Helene Nestler

Wie kommt der Erlös den Frauen und Kindern zugute?

Je nach Bedarf: zum Beispiel neue Bettwäsche, Kissen und Handtücher. Schwangeren finanzieren wir wenn nötig eine Doula als Begleitung und einen komplett bestückten Wickelrucksack. Zu Weihnachten packen wir Pakete für die Frauen und Kinder. Da darf nicht nur Notwendiges drin sein, sondern auch etwas für die Würde: ein Lippenstift, ein Parfüm oder eine Körperlotion.

Das ist eine ganze Menge!

Und einmal im Jahr organisieren wir für die Frauen einen Ausflug, zum Beispiel an den Tegernsee. Schifferlfahren, ein schönes Mittagessen, ein Stück Kuchen – ein Tag ohne Sorgen. Manchmal singen die Frauen im Bus auf dem Heimweg und sind richtig gelöst. Die Lunchpakete spendiert der Kantinenchef der Bayerischen Staatskanzlei, Norbert Siller. Die sind so gut, dass sie schon kurz hinter München leer gefuttert sind.

Ein besonders schöner Moment?

Ich gehe am Hauptbahnhof in München am Gebäude der Karla vorbei, da kommt eine Frau aus der Tür, grüßt und umarmt mich überschwänglich und ist voller Dank.

Und mit den Helfern?

Da ist es mehr ein übergeordnetes Gefühl, ein freundschaftliches Netz. Hinter und über allem hängt ein großes Herz, eine große Fürsorge: Jemand wird schwer krank und alle kümmern sich!

"Ich will nicht nur verwalten, ich will nah am Menschen sein"

Helene Nestler

Was hat Sie sehr berührt?

Eine erfolgreiche Münchner Bildhauerin rutschte wegen einer Fehlkalkulation selbst in die Obdachlosigkeit. So schnell geht das! Das hat mich sehr betroffen gemacht. Bei dieser Arbeit berührt dich jedes Schicksal, wenn du es näher kennenlernst.

Was kann anstrengend sein?

Die Arbeit: Man steht stundenlang an den Töpfen, schleppt Kisten mit Obst oder den fertigen Gläsern.

Warum machen Sie das?

Ich glaube, das wird einem in die Wiege gelegt. Ich brauche Menschen um mich herum, schon immer. Das ist so schön, bereichernd. Noch schöner ist es für mich, diese Menschen glücklich zu machen. Wenn man für so etwas offen ist, dann muss man nicht suchen, dann kommen die Dinge zu dir.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel unsere örtliche Kleiderkammer: An einem Tag erzählt mir eine Bekannte von einer Familie, die nicht wisse wohin mit der Kinderkleidung. Eine Woche später erfahre ich von einer frisch geschiedenen Mutter, die Kleidung für ihren Sohn braucht. Und ich denke: Irgendwie muss man die doch zusammenbringen …! Mit der Nachbarschaftshilfe, die ich mit aufgebaut habe, war es ähnlich.

Was hat Sie im Rückblick mit der "Mammalade" überrascht?

Dass die Gemeinschaft des Teams so ein wesentlicher Bestandteil wird – und der Erfolg. Vor ein paar Jahren haben mehrere Hotels angefragt … Das wäre so viel geworden, dass wir ein Unternehmen hätten gründen müssen. Aber wir sind ja fürs Soziale angetreten, und ich will nicht nur verwalten, ich will nah am Menschen sein. Da konnte uns selbst die Corona-Pandemie nicht ausbremsen.

Inwiefern?

Wir durften ja nicht kochen. Aber einige konnten nähen! Also produzierten wir Stoffmasken und verschenkten sie – viele spendeten dafür! Dann kamen die FFP2-Masken, wir durften wieder an die Marmelade und unsere inzwischen 15 Näherinnen sagten: "Und was machen wir jetzt?" – So ein Potenzial muss man nutzen!

Auf alle Fälle – wie?

Runde Tortentaschen zum Transport für Tortenbehälter! Wir upcyceln Stoffreste, alte Gardinen und so weiter. Unsere Näherinnen gehen immer mehr auf in ihren Designs. Die Taschen sind der Renner. Wir haben schon 1000 verkauft!

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