Fußball-WM 2026
Was bleibt von dieser WM?
Bei dieser WM war viel Mist dabei. Trotzdem überwiegen die schönen Erinnerungen: ein spontaner Feiertag, überraschende Nationalhelden und vieles mehr. Ein Kommentar
Fußballer liegen sich in den Armen
Neun von zehn qualifizierten afrikanischen Nationen schafften erstmals den Sprung in die K.-o.-Phase
Steph Chambers/FIFA/ Getty Images
Privat
20.07.2026
3Min

Ich habe mir in diesem Jahr zum ersten Mal für eine Fußball-WM ein Panini-Album gekauft. Und so war ich plötzlich Teil dieser Freundesgruppe, die sich gegenseitig "Sticker-Unpacking-Videos" zuschickt und darüber beratschlagt, wer das "bessere Paket" erwischt hat. Da wurden flüsternd Tipps für Supermärkte, die noch Sticker haben, ausgetauscht und gefragt, ob jemand bitte dringend die türkische Nummer 8, Arda Güler, gegen die deutsche Nummer 11, Nick Woltemade, tauschen könne.

Auf meinem Wohnzimmertisch gibt es also eine haptische Erinnerung an diese WM. Aber was bleibt im größeren Rahmen? Woran werden wir uns 2030 erinnern? Dann, wenn die nächste Fußball-WM ausgetragen wird – und zwar voraussichtlich nicht mehr in drei, sondern in sechs Ländern. Und mit 64 statt 48 Teams.

Klar, dieses Turnier hatte Schattenseiten. Ein Tiefpunkt war sicherlich Trumps Anruf bei Fifa-Präsident Gianni Infantino, der mutmaßlich erstmals in der Fußballgeschichte zur Aufhebung einer Rotsperre führte.

Auch die unerschwinglichen Ticketpreise, die Gruppenspiele in riesigen Stadien mit übereinandergestapelten Besucherrängen, die aufgeblasenen Shows in den Pausen waren gewöhnungsbedürftig. Die Klimabilanz war unterirdisch. Überhaupt die Gigantomanie mit 48 Teams und Austragungsorten in drei Ländern.

Doch durch die Größe des Turniers bekamen eben auch viele kleinere Nationen Gelegenheit, auf der ganz großen Bühne zu zeigen, was sie können, auch wenn im Halbfinale dann doch wieder die üblichen Nationen England, Frankreich, Spanien und Argentinien standen – und Spanien Weltmeister wurde. Neun von zehn qualifizierten afrikanischen Nationen schafften erstmals den Sprung in die K.-o.-Phase. Marokko erreichte sogar das Viertelfinale. Genau wie die Norweger, die dort zum ersten Mal überhaupt an einer Fußballweltmeisterschaft teilnahmen. Deren Fans haben uns mit ihrem rudernden Jubel verzaubert.

Was wäre ein solches Turnier ohne diese kleinen Geschichten? Ohne den kleinen Mexiko-Fan, der von einem Sportsender live on air ein Trikot geschenkt bekam, weil sich seine Familie keines leisten konnte und er im Weihnachtspullover ins Stadion gekommen war? Oder denken wir an die Hundertjährige – in den sozialen Medien als "Gangster-Oma" bekannt –, die mit einem Pappschild auf sich aufmerksam machte und endlich Lionel Messi treffen durfte.

Oder dass Kap Verde dem Europameister und Weltranglisten-Zweiten Spanien ein Unentschieden abrang. Vozinha, der kapverdische Torwart, hat sich vermutlich bis heute nicht davon erholt. Denn seinen Paraden hatte sein Team den größten Erfolg seiner Geschichte zu verdanken. Und dabei ist er schon 40, was im Profifußball leider schon als steinalt gilt. Innerhalb weniger Tage gewann er fast 30 Millionen Instagram-Followerinnen und -Follower und wurde quasi über Nacht als neuer Nationalheld gefeiert.

Und die Paraguayerinnen und Paraguayer, deren Präsident nach ihrem Sieg gegen Deutschland im Elfmeterschießen einfach mal eben so einen nationalen Feiertag ausrief, damit seine Landsleute in Ruhe feiern konnten!

Bei all der Gigantomanie sind es am Ende diese kleinen, menschlichen Geschichten, die uns Fans in Erinnerung bleiben. Sie lassen sich nicht planen, nicht einkaufen und nicht verkaufen und sind gerade deshalb so wichtig, damit auch eine solche durchkommerzialisierte WM nahbar bleibt.

Mir jedenfalls werden sie im Gedächtnis bleiben. Und ich werde weiter sammeln. Falls also jemand noch die kanadische Nummer 2, Alistair Johnston, die japanische Nummer 18, Ayase Ueda, oder die kolumbianische Nummer 22, Kevin Castaño, hat: Bitte gern melden.

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