- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können
chrismon: Frau Pätzold, Robert Habeck wird "Senior Adviser" bei dem Dänischen Unternehmen "Urban Partners". Wer sein Geld bei dem privaten Immobilienfond anlegt, soll gute Gewinne einfahren können und gleichzeitig unsere Städte lebenswerter machen und bezahlbarer Wohnraum schaffen. Ein realistischer Spagat zwischen Rendite und Gemeinwohl?
Ricarda Pätzold: Es ist in jedem Fall erstaunlich. Denn was treibt denn das geheimnisvolle Perpetuum Mobile an, damit die Geldquelle sprudelt – für Aufgaben, die in der Regel als schwer finanzierbar gelten?
In kaum einem andern Segment wurde in den letzten Jahrzehnen mehr Geld verdient als mit Immobilien.
Es ist immer die Frage, was ist Gewinn und wie viel Gewinn, verstanden als Rendite, verträgt sich mit dem sozialen Wohnungswesen? Wir haben in den letzten Jahrzehnten gesehen, dass immer da, wo Renditen mit Wohnungen gemacht werden, entweder die Mieten steigen oder die Instandhaltungsintensität reduziert wird. Deshalb muss man sich bei solchen Versprechungen genau ansehen, wie und wohin die Rendite fließt und wie trotzdem eine soziale Vermietung garantiert wird.
Kopenhagen ist ein Tourismusmagnet und gilt bei vielen Menschen, die sich mit Stadtplanung beschäftigen, als Sehnsuchtsort und Vorbild für Deutschland.
Die urbane Auferstehung von Kopenhagen, also als Fahrradstadt, als Stadt, die Lebensqualität ganz weit nach vorn stellt, ist in jedem Fall beachtenswert. Und es geht da nicht nur um die berühmten kostenlose Schwimmbäder an den Kais. Es gibt gute Architektur, dritte Orte, zum Beispiel Bibliotheken, die für alle zugänglich sind. Da ist Kopenhagen in der Tat vorbildhaft, sicher auch mit Unterstützung von Urban Partners.
Aber die Wohnungs- und Gewerbemieten steigen dort auch rasant, genau wie in den deutschen Großstädten
Das ist der genaue Blick, den wir brauchen. Auf der einen Seite ist Kopenhagen eine schöne, lebenswerte Stadt, die sehen wir, wenn wir kurz hinfahren und das bunte Leben bewundern. Doch was ist mit den benachteiligen Stadtvierteln, da wo die Menschen leben, die sicher auch gerne in Tivoli gehen würden? Wenn wir beurteilen wollen, ob die Stadtentwicklung in Kopenhagen auch den weniger gut betuchten Menschen zukommt, müssen wir dahin sehen.
Ricarda Pätzold
Ein Ziel von Urban Partners ist es, in sogenannte "einkommensgenerierende" Assets wie Mehrfamilienhäuser und Pflegeheime zu investieren. Und gleichzeitig reden sie viel von "bezahlbarem" Wohnraum. Für wen bezahlbar?
Ja, das ist ein sehr dehnbarer Begriff. Genauso dehnbar wie "Mittelschicht", denn die umfasst einkommensstarke Gruppen, die auch für Urban Partners interessant sind, ebenso wie die Kleinfamilie mit zwei arbeitenden Eltern, deren gemeinsames Einkommen bei weitem nicht ausreicht, um eine zentral gelegene, familiengerechte Wohnung zu bezahlen. Die Wohnungskrise ist in diesem Teil der "Mittelschicht" längst angekommen – und denen helfen derartige Angebote eher nicht.
Trotzdem spricht Robert Habeck von einem Investorenmodell, dass man auch für deutsche Bedingungen nutzbar machen könne.
Ich bleibe da etwas skeptisch. Natürlich kann das in Teilen möglich sein, vor allem für Infrastrukturprojekte, das kann man gut in Kopenhagen sehen. Doch gerade beim Wohnungsbau haben wir in ganz andere Voraussetzungen als im zentralisierten Dänemark. Bei uns liegen fast alle Fragen des sozialen Wohnungsbaus in den Händen und in der Verantwortung der Länder und Kommunen. Ein großes Unternehmern wir Urban Partners müsste sich mit unterschiedlichsten lokalen Förderbedingungen und Konditionen auseinandersetzen.
Bauen ist bei uns lokal?
Grundsätzlich ja, es sei denn, sie entwickeln ein bundesweites Modell für Mikro-Appartements oder ähnliches. Zumeist arbeiten die Wohnungsbauunternehmen, ob nun Genossenschaften oder Projektentwickler oder auch Kommunen, oft mit lokalen Firmen zusammen – was auch den lokalen Arbeitsmärkten zugute kommt. Und das macht auch Sinn, weil die behördlichen und politischen Auflagen überall variieren.
Passend zu dieser Diskussion hat die Bundesregierung vor kurzem erneut die Idee einer staatlichen Wohnungsbaugesellschaft in die Öffentlichkeit gebracht. Brauchen wir das?
Die Suche nach "one-size-sits-all" hat immer so etwas von der Suche nach einem Erlöser. Es muss sorgfältig geschaut werden: Welche Lücke soll so eine Bundeswohnungsgesellschaft füllen? Es gibt schon viele Wohnungsbaugesellschaften auf kommunaler Ebene. Kiel und Dresden haben vor ein paar Jahren eine gegründet, in Karlsruhe gibt es die Volkswohnung, in Potsdam die ProPotsdam, in Hamburg die SAGA, in Berlin sind fünf Landeswohnungsbaugesellschaften aktiv – um nur ein paar wenige zu nennen.
Viele der Unternehmen haben Eigenkapitallücken, was ihr Engagement im Neubau bremst. Dort könnten staatliche Bürgschaften eine Menge bewirken. Und völlig unabhängig davon gibt es ja auch schon die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die ebenfalls ihr Engagement im Wohnungsbau – vor allem mit Blick auf Beschäftigte des Bundes – ausbauen soll …
Und dann sind da noch die vielen Genossenschaften , sowohl große alte als auch jüngere und kleine. Werden deren Leistungen genügend gesehen?
Wohnungsbaugenossenschaften sind die dritte Säule der Wohnungsversorgung. In den Städten mit einer starken Genossenschaftstradition, wie München, Dresden, Dortmund, Hamburg oder Lübeck, tragen sie seit Jahrzehnten wesentlich zu bezahlbarem, stabilem und sozial gebundenem Wohnen bei.
Ihre Leistungen werden im öffentlichen Diskurs jedoch oft unterschätzt, obwohl sie nicht nur Wohnraum bereitstellen, sondern auch langfristige Bestandssicherung, Nachbarschaftsstabilität und eine am Gemeinwohl orientierte Bewirtschaftung gewährleisten. Gerade kleinere und jüngere Genossenschaften leisten zudem wichtige Beiträge zur lokalen Versorgung, zur Quartiersentwicklung und zu innovativen Wohnformen.
Die Bundesregierung plant eine neue Wohnungsbaugesellschaft zu gründen, in Berlin wird hitzig über die Vergesellschaftung privater Wohnungsunternehmern diskutiert. Löst das die Probleme im Wohnungsbau?
Wohnen wird oft als DIE soziale Herausforderung der Gegenwart bezeichnet. Wenn man das erst nimmt, dann wird nicht ein einzelnes Instrument helfen. Vielmehr gilt es die Zielkonflikte zwischen Klimaneutralität und Bezahlbarkeit, zwischen den steigenden Wohnflächen pro Kopf und Haushalten in überbelegten Wohnungen, sowie die schwindende Wahlfreiheit der Wohnstandortwahl für Haushalte mit geringeren Einkommen in den Blick nehmen. Und was mir immer sehr wichtig ist: Die alternde Gesellschaft. Für sie brauchen wir anders ausgestattete Wohnungen, sorgende Nachbarschaften. Aber eben wirklich auch bezahlbar.



