Psychologie
Wie bleibe ich bei der Hitze psychisch stabil?
Extrem heiße Tage fordern uns, körperlich und psychisch. Verhaltenstherapeutin Anke Hofmann weiß, was hilft, um diese Ausnahmesituationen mental gut durchzustehen
Frau kühlt sich mit einem Eiswürfel am Hals ab
Extremhitze ist eine akute Gesundheitsgefahr für Körper und Seele
Ekaterina Goncharova/Getty Images
Vera von WolffersdorffPrivat
14.07.2026
6Min

chrismon: Wir erleben gerade einen extrem heißen Sommer. Was kann ich denn an Hitzetagen mental tun, wenn ich mitten in der Stadt ohne Grün wohne? Damit ich nicht durchdrehe?

Anke Hofmann: Da hilft nur Akzeptanz. Umgangssprachlich wird Akzeptanz oft so aufgefasst, man solle gut finden, was man nicht mag. Akzeptanz meint jedoch: Ich nehme die Realität an. Es geht um die grundsätzliche Haltung allen Belastungen des Lebens gegenüber. Das ändert die Belastung nicht, reduziert aber mentalen Stress.

Anke HofmannPrivat

Anke Hofmann

Die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Anke Hofmann ist in der Klimakommission in der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg. Sie setzt sich dafür ein, mögliche psychische Belastungen von Patient*innen durch die Klimakrise schon bei den therapeutischen Erstgesprächen zu thematisieren.

Wie geht diese Akzeptanz genau? Welchen Satz kann ich mir selbst sagen bei 38 Grad im Schatten?

Einen Zaubersatz, um Hitze zu ertragen, gibt es nicht. Vielleicht sagt man sich: "O.k., jetzt ist es so. Ich versuche, gut für mich zu sorgen." Aber man stößt damit an Grenzen. Denn Extremhitze bleibt eine akute Gesundheitsgefahr für Körper und Seele.

Was hilft darüber hinaus?

Eine gute Risikowahrnehmung. Wer sagt: "Ach was, ich finde Hitze gut", wird nicht so schnell erkennen, was Hitze mit dem Körper macht – und mit der Psyche. Man weiß, dass Hitze den Gefühlshaushalt beeinflusst, bis hin zu verminderter Impulskontrolle und aggressiverem Verhalten. Also: Kühle Räumlichkeiten aufsuchen, wenn möglich, im Schatten aufhalten. Am besten unter Bäumen. Viel Wasser oder lauwarmen Tee trinken.

Jemand, der sagt, ich finde Hitze super, ist tendenziell stärker gefährdet? Ich hätte das Gegenteil vermutet …

Hitze ist eine reale Gefahr. Sie belastet alle. Jemand, der sich darüber gar keine Gedanken macht, hat vermutlich ein erhöhtes Risiko für einen Hitzschlag, weil er oder sie sich aus Leichtsinn zu lange in der Sonne aufhält.

Wie wirkt Hitze auf Menschen, die schon psychisch belastet sind?

Wer depressiv ist, hat oft Schwierigkeiten mit dem Antrieb und neigt zu sozialem Rückzug. Das verstärkt sich bei Hitze, Depressive vereinsamen so womöglich noch stärker. Auch bei Kindern und Jugendlichen verschlimmert sich beispielsweise die ADHS-Symptomatik durch Hitze. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der negativen Folgen.

Hilft auch da lediglich Akzeptanz?

Akzeptanz und Achtsamkeit. Klingt oberflächlich, aber Achtsamkeit ist Arbeit. Gut für sich sorgen, sich beispielsweise feuchte Tücher in den Nacken legen und dann, wenn möglich, sich um andere kümmern, die Hilfe brauchen. Da bin ich dann bei Selbstwirksamkeit. Ich tue etwas. Das verbessert das psychische Befinden.

Welche innere Haltung erleichtert mir noch, mit der Klimakrise umzugehen?

Problematisch sind Gefühle von Ohnmacht. Zu wissen, was man tun kann, ist hingegen hilfreich. Selbstwirksamkeit erleben Menschen, die sich individuell um ihren ökologischen Fußabdruck kümmern oder mit anderen zusammen aktiv werden. Vielleicht redet der eine oder die andere nach der Hitzewelle mit dem Bürgermeister und fragt nach Schutzkonzepten vor Ort.

"Für mich ist Klimaschutz auch Gesundheitsschutz"

Anke Hofmann

Spielt die Klimakrise generell eine Rolle in der Psychotherapie?

Ja, für manche Psychotherapeut*innen gehört das heute schon zur Routine. Sie fragen am Beginn einer Therapie, ob und inwieweit ein Patient oder eine Patientin sich vom Klimawandel beeinträchtigt fühlt. Damit das Thema zur Sprache kommt. So wie wir anfangs auch nach der Biografie fragen oder nach dem Konsum von Alkohol. Für andere Kolleg*innen ist es Neuland.

Wie fragen Sie als Psychotherapeutin genau?

Bedeuten ökologische Krisen wie Klimakrise und Artensterben in Ihrem Leben etwas? Falls ja, wie stark belastet fühlen Sie sich dadurch?

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Ist das unter Kolleginnen und Kollegen umstritten?

Es gibt Anlass zur Diskussion. Für mich ist Klimaschutz auch Gesundheitsschutz: Wir sind ein Gesundheitsberuf, und ich halte es für sinnvoll, das Thema aktiv ins Sprechzimmer zu bringen. Andere verweisen auf das sogenannte Abstinenzgebot: Die Autonomie des Menschen zu respektieren, der vor einem sitzt, gehört zum Berufsethos. Man darf niemandem etwas aufdrängen.

Aber es gibt Richtlinien, nach denen Psychotherapeut*innen arbeiten …

In der Musterberufsordnung der Bundespsychotherapeutenkammer steht, dass sich Psychotherapeut*innen "an der Erhaltung und Förderung der ökologischen und soziokulturellen Lebensgrundlagen im Hinblick auf die psychische Gesundheit der Menschen" beteiligen sollen.

"Therapie ist kein Wohlfühlraum"

Anke Hofmann

Und das gefällt manchen Therapeut*innen nicht?

Manche haben gar keinen Zugang zu der Klimadiskussion. Sie stecken, wie viele andere Menschen auch, in Vermeidungsmechanismen. Sie sagen: Was hat dieses Thema mit uns zu tun?

Und die anderen …?

… argumentieren eben vom gesellschaftlichen Gesundheitsaspekt her: Wir sind ein Heilberuf, und die ökologischen Krisen bedrohen unsere Gesundheit existenziell. Das macht die Hitzewelle uns allen deutlich. Oder denken Sie an das Ahrtal und die Folgen für Betroffene der Flutkatastrophe. Dort haben psychische Belastungen deutlich zugenommen. Gesundheit lässt sich eben nicht nur individuell, sondern auch kollektiv auffassen. Dann muss ich das Klima zumindest ansprechen.

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Darf eine Psychotherapeutin denn fragen, wie viele Urlaubsflüge Patienten planen oder ob sie zum Shoppen nach Paris jetten?

So würde ich die Frage nicht stellen.

Sondern?

Je nach Kontext. Wie gut ist die therapeutische Beziehung? Therapie ist kein Wohlfühlraum, in dem Psychotherapeut*innen nur lächeln und alles gut finden, was Patient*innen sagen. Dabei zu helfen, etwas zu verändern, heißt auch mal Konfrontation mit Unangenehmem. Und wenn jemand von seinen vielen Flugreisen schwärmt und wir einen guten Draht haben, kann ich schon mal fragen: Was bedeutet Natur eigentlich für Sie?

"Gewohntes abzulegen, fällt schwer und macht manchmal auch Angst"

Anke Hofmann

Gibt es weitere Möglichkeiten, resilienter zu werden?

Wie gesagt, Resilienz hat Grenzen, wenn es um extreme Hitze geht. Aber man kann sich entlasten, um so psychisch stabiler zu bleiben. Es gibt zum Beispiel eine psychiatrische Klinik in Wangen im Allgäu, die Klimasprechstunden anbietet, die prinzipiell jedem Menschen mit großen Sorgen ums Klima offenstehen. Zudem moderieren Psycholog*innen in vielen Städten sogenannte Klimacafés, die Raum für Gespräche bieten. Denn miteinander reden, ohne Furcht, in Streit zu geraten, hilft enorm.

Ein großes Thema bei der Klimakrise ist die Verdrängung. Was sagen Sie als Psychologin? Warum verdrängen wir so gerne?

Darüber reden Fachleute oft. Aus meiner verhaltenstherapeutischen Sicht ist der Kern: Das, was ich kurzfristig angenehm finde und gewohnt bin, ziehe ich dem vor, was langfristig besser wäre. Da lässt sich das Thema Sucht fast eins zu eins aufs Klima übertragen: Kurzfristig führt das Gläschen Wein, Bier oder Sekt zu einem angenehmen Schwips, man fühlt sich gelöst.

Auch wenn ich weiß, dass das nicht so gut ist für meine Leber …

… und für die Bauchspeicheldrüse vielleicht auch nicht. Bei der Klimakrise ist es ähnlich, wenn auch viel komplexer. Unser westlicher Lebensstil der letzten Jahrzehnte scheint der zu sein, den sich global gesehen die allermeisten wünschen.

Dass dieser Lebensstil unserer Erde schadet, blendet man einfach aus?

Wenn dieser Lebensstil zu meiner Identität gehört, ich ihn gar als identitätsstiftend erfahre, sehe ich vielleicht, dass ich durch meinen Lebensstil langfristig unserer Erde und unseren Lebensgrundlagen schade. Aber Gewohntes abzulegen, fällt schwer und macht manchmal auch Angst.

Ich habe das Angenehme und das Unangenehme, und beides widerspricht sich. Dann neigt unser Gehirn dazu, das abzuwerten, was unangenehm ist, was innere Spannung erzeugt. Die berühmte kognitive Dissonanzreduktion: Ich tendiere dazu, das mir Näherliegende, eben das Kurzfristige, zu erhalten, und werte das andere ab. Oder lasse es gar nicht zu, in meinem bewussten Denken.

Das nennt sich dann Vermeidung oder Verdrängung?

Ja. Dieses Abwerten bezieht sich auf vieles, das eigentlich nötig wäre zu tun – wir aber als Gesellschaft nicht tun wollen. Dabei geht es nicht um Rationalität. Alles, was wir besitzen, was wir erwirtschaftet haben, was kulturell anerkannt ist, steht infrage. Und das wollen wir nicht und halten es von uns fern.

Anders als durch diesen psychologischen Mechanismus lässt sich aus meiner Sicht nicht erklären, dass wir seit über einem halben Jahrhundert wissen, was Sache ist – und trotzdem nicht wirklich etwas ändern.

Und das gilt auch für Psychologinnen und Psychologen?

Ja, es geht uns allen so. Sehr viele Kolleg*innen sind sich der Gefahr der eigenen Vermeidungs- und Verdrängungsneigung bewusst. Wir reden aber immer noch viel darüber, warum ist das jetzt so, woher kommt es, wie sind die Verantwortlichkeiten, was bedeutet es genau und so weiter und so fort. Fest steht: Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Und wir haben einen Heilberuf, und deshalb sollten wir Psychotherapeut*innen tätig sein.

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