- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können
chrismon: Herr Santucci, auf dem Bild oben sieht man Sie bei einem Ihrer Klima-Spaziergänge in Berlin. Mich erinnert Ihr Tornister auf dem Rücken an Bill Murray und den Film Ghostbusters …
Daniele Santucci: Ja, ich werde oft auf den Film angesprochen, wenn ich so durch die Stadt laufe. Aber wir suchen keine Geister …
Tatsächlich gelten Sie als international anerkannter Hitze-Stress-Experte in der Stadtplanung. Was also ist in dem Rucksack und wozu nutzen Sie ihn?
In dem Rucksack befinden sich ein kleiner Rechner, Batterien und ein GPS-Sensor, darüber, Sensoren. Wir laufen durch die Stadt und sammeln alle fünf bis zehn Sekunden Daten ein: Lufttemperatur, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit, Strahlung, Luftqualität. Die werden sofort kartiert und wir bekommen so eine Übersicht über Hitzestresspunkte in der betreffenden Stadt entlang unserer Route.
Aber wir wissen doch, wo es wie heiß ist?
Die gängigen Messungen werden entweder über Wetterstationen oder über Satellitenaufnahmen gemacht. Wir dagegen messen da, wo sich Menschen bewegen, in zwei Meter Höhe. Also da, wo wir im Stadtraum einkaufen gehen, auf den Bus warten oder zur Arbeit laufen. Unsere Daten ermöglichen eine präzise Aufnahme der Bedingungen am menschlichen Körper. Dadurch gewinnen wir neue Erkenntnisse.
Sind Sie der erste, der mit solchen Spaziergängen angefangen hat?
In Städten wie Hongkong, oder Singapur gibt es so was schon lange, weil es da immer schon sehr heiß war. Dort habe ich mir auch die Idee dazu abgeschaut und meinen Rucksack entwickelt. Hier in Westeuropa erleben wir derart extreme Hitzewellen zum ersten Mal und wir müssen uns dauerhaft darauf einrichten, denn es wird eventuell sogar noch schlimmer werden. Unsere Daten helfen den Planerinnen und Planern, sich besser vorzubereiten.
Wer beauftragt Sie?
Kommunen, Städte, Forschungseinrichtungen – wir arbeiten immer in Teams zusammen, um unterschiedliche Bezüge herzustellen.
Daniele Santucci
Wenn die Stadtplanerinnen und -planer Ihre Daten bekommen – was genau machen die dann damit?
Sie können Maßnahmen priorisieren, damit man die finanziellen Ressourcen gezielt einsetzen kann.
Bei Ihren Spaziergängen kartieren Sie auch den Schatten – ist das nicht banal? Wir alle wissen, dass es im Schatten kühler ist.
Schatten ist der einfachste, simpelste und beste Schutz gegen Hitzestress. Deshalb ist es ja so erstaunlich, dass seine Wirkung nicht sinnhafter gleich mit geplant wird. Vorhin sah ich hier in Aachen mal wieder eine lange Schlange an der Busstation in der prallen Mittagssonne leiden. Das müsste nicht sein.
Was müsste anders sein?
Wäre bei der Planung der Busstation der Schatten mitgedacht worden, wäre sie vielleicht ein paar Meter weiter links oder rechts oder woanders gebaut worden und würde zumindest in der Mittagshitze, durch Schatten Schutz vor der Sonne bieten.
Was empfehlen Sie Städten und Kommunen noch?
Eine relativ einfache Möglichkeit sind mit Pflanzen begrünte Pergolen. In der holländischen Stadt Heerlen habe ich gerade einen Busbahnhof gesehen, der mit einer riesigen Pergola aus Metall überdacht wurden, an der jetzt Grünpflanzen hochranken und Schatten spenden. Schatten in der Stadt ist keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das aktiv geplant und eingefordert werden muss. In der Stadtplanung genauso wie im eigenen Alltag.
Noch besser wäre es, Bäume zu pflanzen?
Bäume sind die einfachste und beste Methode, nicht nur für Schatten, sondern auch für eine kühlere Lufttemperatur. Ich kann nur allen Menschen, die in Großstädten leben, raten, sich dafür zu engagieren, mehr Bäume zu pflanzen. In München läuft gerade der Baumentscheid, den wir unterstützen. Bäume sind eine grundlegende Infrastruktur, die man vorausdenkend planen muss.
Ich lebe in der Hafencity in Hamburg – ein komplett neu geplantes Stadtviertel, das heute zu den heißesten Quartieren der Millionenstadt zählt. Hat die Planung da versagt?
Es gibt große Versäumnisse in der Stadtplanung vor allem bei den Vierteln, die vor 20 Jahren geplant und im Laufe der letzten zehn Jahre erbaut wurden. Ein weiteres Negativbeispiel ist die Europa-Allee in Frankfurt. Auch ein eher junges Quartier. Als das geplant wurde, war längst bekannt, dass die Temperaturen weiter steigen. Trotzdem gibt es dort kaum Bäume, viel Beton, viel Stein.
Sie sind selbst Architekt, forschen an der RWTH Aachen über moderne Gebäudetechnologie und widmen sich seit vielen Jahren dem Hitze-Thema. Sie kennen Ihre Zunft. Warum bewegt sie sich so langsam?
In den Universitäten wird seit Jahrzehnten intensiv zu diesem Thema geforscht. Vieles kommt erst jetzt in der Entscheidungsebene an. Gerade läuft im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt die Ausstellung "Too Hot", wo Werkzeuge gezeigt werden, die die Planung unterstützen können. Unser Rucksack wird da auch gezeigt, aber eben auch andere Instrumente. Es bewegt sich was - aber es dauert leider oft sehr lange, bis wir gute Auswirkungen spüren. Und die Temperaturen steigen immer schneller an ...
Noch mal zurück zum Schattenthema – wäre ihr wichtigster Praxistipp: Niemals bei Hitze ohne Regenschirm aus dem Haus?
Der Regenschirm ist ein gutes Symbol dafür, dass wir unsere Gewohnheiten im öffentlichen Raum bei Hitze grundsätzlich überdenken müssen. In Japan ist er als Sonnenschirm völlig selbstverständlich, bei uns wird man damit noch schief angeschaut. Doch mein wichtigster Praxistipp wäre ein anderer: Schatten lesen lernen. Die Sonnenseite der Straße meiden, Parks und Alleen nutzen, schattige Routen bevorzugen, auch wenn sie einen kleinen Umweg bedeuten. Das kostet nichts, braucht kein Hilfsmittel und ist in Städten oft erstaunlich effektiv.
PS: Die Wohnlage hat ihren Erscheinungstag geändert, und kommt jetzt immer dienstags, alle zwei Wochen; ganz einfach zu abonnieren per Mail.
Die Ausstellung "Too hot. Heiße Städte, neue Wege" läuft noch bis 7. Februar 2027 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (DAM)






