Mein "heiliger Moment" hat mit der Erfahrung einer Geburt zu tun. Nun bin ich mit Geburten gesegnet, es waren gleich fünf, und darunter auch noch eine Zwillingsgeburt, die einem heiligen Moment sehr nahekam. Das hinzukommende Leben verrückt alles Bestehende und weist ihm einen neuen Platz zu. Jede Geburt war begleitet von dieser Ehrfurcht vor dem neuen Leben und der großen Dankbarkeit dafür, dass es mir in den Schoß gelegt wurde.
Auch wenn sich dieses Erlebnis wiederholt, verliert es nichts von seiner Einmaligkeit. Geburten haben etwas Unerhörtes und Entrücktes, weil sie für die Gebärenden mit einer Grenzerfahrung einhergehen. Im 18. Jahrhundert erfanden die Engländer ein neues Wort für Grenzerfahrungen und nannten sie "sublime". Eine ganz andere Perspektive vermittelt uns die alltägliche Sprache vom Akt der Geburt. Das Wort "Wehen" spricht ja für sich, weshalb manche betonen, dass die Natur Frauen in diesem Punkt mit Vergesslichkeit ausgestattet habe, damit sie sich bereitfinden, dieses Risiko noch ein weiteres Mal einzugehen. Bei mir war es genau umgekehrt. Ich habe, unterstützt durch meinen Partner, jede Geburt hinterher ganz genau protokolliert.
Von diesen sublimen Momenten gibt es noch eine Steigerung zu meinem heiligen Moment. Da ging es um eine Geburt, die ich miterleben durfte. Meine Tochter hatte in ihrem Bauch nicht nur ein Kind ausgetragen, sondern musste sich auch gegen einen Tumor zur Wehr setzen, der in ihrem Kopf gewachsen war.
Diese Gleichzeitigkeit von neuem Lebensglück und den Schatten des Todes war emotional schwer zu verkraften. Die Uhr lief gleichzeitig in zwei Richtungen. Während die fortschreitende Zeit der Entwicklung des Embryos zugutekam, musste das Wachstum des Tumors unbedingt unterbrochen und angehalten werden. Das geschah mit einer Radiochemotherapie plus Bestrahlung in einer Berliner Klinik.
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