chrismon: In den sozialen Medien kursiert derzeit ein Beziehungstipp mit großer Reichweite: Wer seinen Partner mehr liebt, als er selbst geliebt wird, solle die Beziehung beenden – auch wenn es wehtut. Was halten Sie davon?
Wolfgang Schmidbauer: Ich finde den Rat idiotisch. In längeren Beziehungen ist er völlig unbrauchbar. Das Gefühl, mehr zu investieren, dem anderen stärker hinterherzulaufen – das taucht in jeder Partnerschaft immer wieder auf. Das ist normal. Daraus sofort den Schluss zu ziehen, man müsse die Beziehung beenden, halte ich für kurzsichtig. Für sehr junge Menschen in einseitigen Schwärmereien mag das sinnvoll sein – für gewachsene Beziehungen nicht.
Gerade in der Kennenlernphase hat einer oft mehr Interesse.
Dazu gibt es ja viele tiktokmäßige Ratschläge in der Art: Willst du gelten, mach dich selten. Das formuliert aber derjenige, der spröde ist und den anderen warten lässt. Der hat dann die besseren Karten in der sich anbahnenden Beziehung. Aber es ist ein ziemlich negativer Rat. Das ist wie ein Machtpoker. Es hat nichts mehr mit Liebe zu tun, sondern mit einem Spiel, das man gewinnen will.
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