chrismon: Longevity ist gerade in aller Munde – was genau ist das eigentlich?
Brigitte Huber: Longevity heißt "Langlebigkeit". Letztlich geht es aber darum, dass wir möglichst lange möglichst gesund leben.
Sollen wir also alle 100 Jahre alt werden?
Nein, das heißt es nicht. Aber wir werden ja immer älter und können versuchen, dabei möglichst lange gesund zu sein; uns möglichst lange selbst zu versorgen, uns in unserer Kraft zu fühlen und keine schlimmen Schmerzen zu haben.
Brigitte Huber
Seit wann reden wir über Longevity?
Altersforschung gab es natürlich schon länger, aber ein moderner Ansatz begleitet uns seit etwa 20, 30 Jahren. Großes Interesse weckte damals rund um das Jahr 2000 die Entdeckung der sogenannten Blue Zones: Das sind Regionen - zum Beispiel auf Sardinien, in Griechenland, Japan oder auch Costa Rica -, wo statistisch besonders viele Menschen bei guter Gesundheit besonders lange lebten.
Und dann haben sich die Wissenschaftler auf die Suche nach den Gründen dafür gemacht?
Genau, und sie haben bestimmte gemeinsame Faktoren in dem Leben dieser Menschen festgestellt: viel Bewegung im Alltag, gesunde Ernährung, also viel Obst, Gemüse, Ballaststoffe, gesunde Öle … und auch davon nie zu viel, sondern sich am besten nur zu 80 Prozent satt essen.
Aber das ist es noch nicht allein?
Nein, denn zur körperlichen Fitness gehört unbedingt, dass wir uns auch um eine mentale Gesundheit kümmern. In den Blauen Zonen, die wissenschaftlich untersucht wurden, wurde eben auch herausgearbeitet, dass diese Menschen immer wieder Ruhepausen in ihre Tagesabläufe eingebaut, in stabilen Gemeinschaften und auf eine bestimmte Art und Weise sehr spirituell gelebt haben. Sie sahen einen Sinn in ihrem Leben, die Japaner nennen das Ikigai: "Ich weiß, wofür ich lebe."
Ein bisschen erinnert mich das an den Leitspruch meines Vaters: "Mens sana in corpore sano", ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.
Klar, das ist richtig. Wenn ich mich beispielsweise endlich aufraffe, ins Fitnessstudio gehe und etwas für meinen Muskelaufbau mache, passiert auch in meinem Kopf richtig viel Gutes.
Sie müssen sich "aufraffen", um ins Studio zu gehen?
Ja, leider. Ich weiß natürlich, wie wichtig Bewegung ist. Ich jogge seit Jahrzehnten etwa dreimal die Woche. Das tut mir sehr gut, und das mache ich auch noch ganz gern. Zum Krafttraining, das gerade beim Älterwerden sehr wichtig ist gegen den Muskelabbau, muss ich mich allerdings jedes Mal überwinden. Ganz anders übrigens als zum Beispiel der Mann an meiner Seite: Er durfte kürzlich – drei Monate nach einer Knie-OP – zum ersten Mal wieder Tennis spielen und hatte schon Tage vorher leuchtende Augen.
Kann ich im Alter eigentlich noch Muskelmasse aufbauen?
Können Sie. Und generell können Sie auch in reiferen Jahren noch ziemlich an der Uhr drehen. Gerade wurde eine neue Studie von der Yale-Universität veröffentlicht: 45 Prozent aller Studienteilnehmer*innen ab 65 Jahren, die über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren beobachtet wurden, verbesserten ihre körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten, manche beides. Wenn man die Personen mitrechnet, bei denen sich nichts verschlechtert hat, landen wir sogar bei gut 50 Prozent. Das heißt, jede und jeder Zweite hat keinen Abbau, weder körperlich noch mental. Und das finde ich richtig toll, denn es heißt: Alter ist eben doch keine ständige Abwärtskurve, sondern individuell unterschiedlich - und wir haben viel selbst in der Hand. Ein wichtiger Faktor dabei ist übrigens ein positives Bild vom Alter!
Aber ich kann mir ein hohes Alter trotzdem nicht "backen", nur weil ich die richtigen Zutaten nutze?
Natürlich nicht, denn an unseren Genen können wir nicht drehen. Aber wir können sie beeinflussen. Die klinische Altersforscherin und Professorin Maria Cristina Polidori aus Köln hat das in unserem Buch so zitiert: "Wir werden als Kopien geboren und sterben als Original."
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Longevity hört sich auf den ersten Blick sehr sinnvoll an, trotzdem geht mir der Hype um das Thema auf die Nerven. Gibt es nichts Wichtigeres für Menschen in meinem Alter als die eigene Fitness, die eigene mentale Gesundheit?
Sich nur darum zu drehen ist nicht nur sinnfrei, es kann auch zu einer Obsession werden: Wenn ich nicht mehr ohne Tracker leben und schlafen kann, rund um die Uhr überwache, was ich wann esse, trinke oder wie meine Blutwerte sind, dann ist das meines Erachtens nicht gesund. Um noch mal Frau Polidori zu zitieren: So wird Longevity zu einem anstrengenden Fulltime-Job.
Und das kostet ja auch alles viel Geld?
Es wird einfach wahnsinnig teuer, wenn Sie permanent zum Arzt laufen und ihre Werte untersuchen lassen und dann alles mit Tabletten, Spezialernährung oder speziellen Fitnesskursen ausgleichen wollen. Was ich jedoch noch problematischer finde: Der Optimierungswahn scheint auch aus einem "Mängeldenken" zu resultieren. Mich als "Mängelwesen" zu begreifen ist eine sehr ungesunde Grundeinstellung. Ich arbeite zeit meines Lebens daran, psychologisch, vor allem Frauen gegenüber zu sagen: "Gut genug ist gut genug und gut genug ist nichts Schlechtes."
Ihre eigene Mutter ist 81, geht regelmäßig schwimmen, macht Muskeltraining, fühlt sich fit – ein Vorbild?
Ich hatte und habe beides in der Familie. Mein Vater ist mit Mitte 50 an einem Aneurysma gestorben. Er fand neben Familie und einem mehr als Fulltime-Job als Inhaber einer Schreinerei keine Zeit für Sport. Meine Mutter dagegen hatte schon in ihren 30ern einen Bandscheibenvorfall und erkannte für sich: Ich muss mich um meine Fitness kümmern. Das hat sie seitdem immer gemacht, und natürlich hat damals niemand von Longevity gesprochen. Sie hatte und hat eben einen gesunden Menschenverstand.
Wie alt fühlen Sie sich eigentlich selbst?
Ich stelle mir diese Frage eigentlich nicht, aber von den Jahren her bin ich 62, meist fühle mich allerdings eher zehn Jahre jünger, wie übrigens die meisten Menschen. Und das ist gut so – es wirkt sich nachweisbar positiv auf die Sterblichkeit aus. Es hilft also, auch für uns selbst, ein positives Altersbild zu entwickeln.
Was hilft noch?
Sich zu engagieren, sich einzubringen, etwas Sinnvolles tun. Meine Mutter ist mir auch da ein Vorbild: Sie hilft seit vielen Jahren jungen Geflüchteten mit Deutschkursen und anderen Unterstützungen. Was sie da alles an tollen Rückmeldungen bekommt, das hält sie jung!
Erleben Sie Brigitte Huber live: Im chrismon-Webinar am 18. März um 19 Uhr. Wir reden über: Älterwerden ist eine Herausforderung. Wie kann es gut gelingen? Neben Brigitte Huber wird Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher, zu Gast sein. Er forderte kürzlich bei chrismon ein soziales Pflichtjahr auch für Senioren. Dorothea Heintze moderiert.
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