Literatur
Dieses Mal ist es kälter
Helga Schubert schreibt hart und warmherzig zugleich. Nun ist ihr Mann gestorben. Ein Besuch
Helga Schubert
Helga Schubert in ihrem Garten in Alt Meteln
Aliona Kardash
Lena Uphoff
06.03.2026
9Min

Das letzte Mal sahen wir uns an einem Sommertag. Alles strebte, blühte, lebte. Und auch im Haus von Helga Schubert war Leben, im mecklenburgischen Neu Meteln, eineinhalb Autostunden von Hamburg entfernt, am Ende einer kleinen Straße, die eher ein Feldweg ist. Sie selbst war voller Energie, und auch ihr Ehemann Johannes Helm war lebendig – zwar im Rollstuhl und körperlich und seelisch sichtlich ermattet, doch war er während des ganzen Besuchs präsent und verfolgte und kommentierte das Gespräch zwischen Helga Schubert und mir. Das war vor zweieinhalb Jahren.

Dieses Mal fehlt er. Es ist kalt, die Bäume sind ohne Blätter, ein eisiger Wind weht und Frau Schubert friert, als die Fotografin sie bittet, sie in ihrem Garten fotografieren zu dürfen. Sie zieht sich schnell noch einen Mantel über, denn erst vor kurzem hat sie eine Lungenentzündung im Krankenhaus auskurieren müssen.

Ende August 2025 starb Johannes Helm nach langer Krankheit – wie man sagen könnte. Oder einfach: nach einem langen Leben. So würde es besser in den Schubertschen Kosmos passen, voller Krankheiten und Schrecken, Tod und auch Traurigkeit. Nur dass diese dunklen Seiten nicht für sich betrachtet werden, sondern eingebettet in das Größere, dessen Teil sie sind: das Leben. Und dieses Leben ist immer ambivalent. Wer das verstanden hat, so spricht es aus Schuberts Texten, kann es erst vollumfänglich erfahren.

Helga Schubert wurde 1940 in Berlin geboren und lebte in der DDR bis zur Wiedervereinigung. Sie war dort schon eine bekannte Schriftstellerin, aber ihre zweite, große Karriere begann 2020, als sie 80-jährig den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Sie las damals aus dem Manuskript des später zum Bestseller werdenden Buches "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten". 2023 folgte ihr nächster Bestseller "Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe" und 2025 dann "Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang". Ihre Bücher sind gefüllt mit Miniaturen, kurzen Erzählungen und auch mal längeren Geschichten, die aus ihrem eigenen Leben gegriffen sind. Es geht darin eigentlich, wie sie selbst sagt, immer um Liebe und Tod. Die Titel ihrer Bücher sind sprechend, sie erzählen viel über die Frau, die sie geschrieben hat, und über ihr Verständnis des Lebens.

Unzählige Male ist sie aufgestanden, ihr ganzes Leben schon, noch gesteigert in den letzten Jahren, in denen sie ihren Mann gepflegt hat. Aufgestanden an jedem "Heute", um Stunde um Stunde zu lieben – wo doch der Tod wartete. Dass ihr Buch "Luft zum Leben" jetzt erscheint, nach dem Tod von Johannes Helm, war schon lange im Voraus terminiert, auch der wiederum sprechende Titel war gewiss schon festgelegt. Und doch bekommt er nun eine zusätzliche Bedeutungsebene: Auch sie kann jetzt wieder Luft holen zu einer neuen Form des Lebens – ohne Mann, ohne Pflege, mit Zeit zum Schreiben. Dass sie nach dem Tod von Johannes Helm erst einmal eine Lungenentzündung bekam, ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Es könnte in einer Geschichte von ihr vorkommen und wird es vielleicht auch bald, denn diese Momente sind Schubert-Momente: Wenn zur Liebe, die es braucht, um den Lebensmenschen zu pflegen, die Erleichterung über dessen lange erwarteten Tod kommt und das kraftvolle Einziehen der Luft in die Lungenentzündung führt, wenn das Einverständnis mit dem Leben dennoch nicht abhandenkommt und wenn schließlich doch aufgestanden wird.

Helga Schuberts Geschichten erzählen von einem harten Leben. Und doch: Ihre Texte führen dazu, dass Menschen ihr Briefe schreiben oder sie in der Bahn ansprechen, erzählt Schubert. Es komme Wärme von ihr, sagten die Menschen.

Dabei spricht Helga Schubert in ihren Geschichten selten von Wärme. Auch in ihrem neuesten Buch "Luft zum Leben" nicht. Es ist eine Sammlung von Erzählungen aus allen Phasen ihres Schaffens, darunter Texte, die schon entstanden sind, als sie noch nichts veröffentlicht hatte, ebenso wie ganz neue. Sie handeln von ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihres Sohnes, einer Reise an den Comer See oder einer anderen nach Moskau, um die Primaballerina Galina Ulanowa zu treffen. So unterschiedlich die Sujets auch sein mögen, immer scheint der Tod über den Dingen zu schweben und nur darauf zu warten, herunterzukommen und sich einen der Menschen in den Geschichten zu packen und mitzunehmen.

Manchmal geschieht das auch ganz wörtlich – wie in der eindringlichen Erzählung "Landleben". Sie handelt von einer 30-jährigen Frau: verheiratet, ein Kind, aus der Stadt aufs Land gezogen. Sie erhält die Genehmigung, in den Westen zu reisen, und als sie auf dem Rückweg an der Grenze nach Druckerzeugnissen gefragt wird, bekommt sie einen Schreianfall. Vorher lebte sie wie die anderen, angepasst und unauffällig. Jetzt scheint sie verrückt geworden. Niemand kann ihr helfen. Ihr Kind nicht, ihr Mann nicht, die Klinik nicht. Am Ende der Geschichte ist sie tot, und als Leser, der die Geschichte ohne einmal aufzuschauen in einem Zug durchgelesen hat, bin ich bestürzt und erleichtert darüber, dass die verzweifelte Frau ein Ende gefunden hat. Die Geschichte lässt keine Wahl. So und nicht anders musste es enden, dieses Landleben.

In ihrem Wohnzimmer bewahrt Helga Schubert die Bilder ihres Mannes auf

Im Inneren von Schuberts Haus ist es warm – anders als draußen im mecklenburgischen Land. Wir haben uns einander gegenübergesetzt, um einen Podcast aufzunehmen. Das Haus ist behaglich, voll mit Dingen, wirkt aber nicht chaotisch. Wir sitzen vor einem vollen Bücherregal, dahinter ein weiteres Zimmer, in dem Helga Schubert die Bilder ihres Mannes aufbewahrt. Helm war Maler und hat in seinem Leben fast 1400 Bilder gemalt. Einige sind mittlerweile an Sammler gegangen und verkauft worden, aber sehr viele sind noch da. Diese Bilder sind ein Schatz und eine Last zugleich, denn Helm hat seiner Frau vor seinem Tod aufgetragen, für sie zu sorgen und sie unterzubringen. Doch das ist nicht leicht – dafür sind es zu viele und dafür ist Helm als Künstler nicht bekannt genug.

Hören Sie das Gespräch zwischen Helga Schubert und Konstantin Sacher hier.

Nur: Dass es sich um eine Last handelt, das würde Helga Schubert nicht sagen. Vielleicht empfindet sie das auch nicht, sondern es wirkt nur aus der Außenperspektive so. Schubert jedenfalls sagt lieber, dass es ihre Aufgabe sei, für diese Bilder zu sorgen, und dass sie diese Aufgabe noch nicht erfüllt habe. Und vielleicht liegt in dieser Haltung des Annehmens eines der Geheimnisse für die Ausstrahlung, die sowohl ihre Texte als auch sie als Person auf viele Menschen haben. Diese Ausstrahlung, die sagt: Es mag schwer sein, es ist aber gut; du magst dich zuweilen ungeborgen fühlen, doch du bist geborgen; du wirst sterben müssen, wie alles sterben muss, aber das Leben ist schön, und dass beides nicht zusammenzupassen scheint, das ist einfach eine Ambivalenz, die dem Leben innewohnt.

Helga Schubert lächelt auf ihre ganz bestimmte Art, die einen ins Herz trifft. Es ist ein Lächeln, das man sich auch auf dem Gesicht eines alten Rabbis oder einer Nonne vorstellen kann, ein Lächeln, das übersprudelt, ohne aufdringlich zu sein, das freundlich ist und wissend, ohne hochmütig zu wirken. Es verweist auf eine Art Subtext, der hinter den gesprochenen Worten liegt, aber selbst nicht aus Wörtern besteht, für den die Frage "Kann es so was überhaupt geben?" zu lapidar erscheint. Ihr Lächeln scheint zu sagen: Es gibt etwas, das wirkt jenseits der fassbaren Realität.

Dieses Lächeln ist seit meinem letzten Besuch müder geworden – wie könnte es auch nicht? In der letzten Zeit habe sie ihren Mann keine Minute allein lassen dürfen, denn er habe große Angst gehabt zu ersticken und wollte, dass sie immer bei ihm war. Hätte er nicht sehen können, dass er seine Frau damit überfordern könnte? Wollte ich so sein, wenn ich einmal alt und krank wäre? Diese Gedanken kommen mir in den Kopf. Doch gleichzeitig ist mir klar, dass Helga Schubert so nicht denkt. Dass die Liebe das eigene Liebesobjekt auch auffressen kann, ist eine Ambivalenz, die das Lieben mit sich bringt. Und Helga Schubert hat sie ausgehalten, bis zum Ende. Obwohl "aushalten" klingt, als sei es eine Bürde gewesen. Deswegen müsste man vielleicht besser sagen: Helga Schubert hat sie gelebt.

Und zur Schubertschen Weise des Lebens gehört auch, dass sie jetzt erleichtert ist, dass ihr Mann tot ist, und dass sie nicht traurig ist. Denn die Trauer habe sie in all den Jahren der Pflege schon vorweggenommen, erzählt sie. Sie habe deswegen auch kein schlechtes Gewissen. Stattdessen macht sie Pläne und sagt:

"Mir ist plötzlich klar geworden, dass ich seit meiner frühen Kindheit immer für einen anderen Menschen verantwortlich gewesen bin. Mein ganzes Leben. Auch als kleines Mädchen schon. Als ich sechs war und in die Schule ging, hat meine Mutter gesagt: ‚Ich arbeite und ich verdiene das Geld für uns, und du musst Kohlen holen, den Ofen heizen, die Asche runterbringen, du musst einkaufen.‘ Und als ich ein bisschen älter war, musste ich ihr die Blusen plätten und immer sehen, dass sie auch Fahrgeld hatte. Weil sie nämlich immer alles für Bücher ausgab. Dann habe ich ihr aus Pfandgeld das Geld für Hin- und Rückfahrt gegeben. Ich war praktisch immer verantwortlich für einen anderen Menschen, und ich bin jetzt in meinem Alter von 85 Jahren zum ersten Mal nicht verantwortlich. Ich muss nur das nächste Buch schreiben."

Helga Schubert sagt auch diese Sätze ohne Vorwurf in der Stimme – nicht an die Mutter, nicht ans Schicksal. Vorwürfe kommen ihr im Gespräch nicht über die Lippen, wohl aber Dankbarkeit. Sie sei vor allem dankbar, sagt sie. Dass sie ganz geblieben sei, dass die Diktatur der DDR vorbeigegangen sei, dass sie Johannes Helm als Lebenspartner gehabt habe.

Vor zweieinhalb Jahren erzählte sie noch, dass sie Gott im Gebet oft bitte, und auf die Frage, ob sie denn auch danke, sagte sie damals: Nein. Das nicht, denn wenn sie etwas schaffe, dann wolle sie sich das selbst zurechnen und nicht Gott. Jetzt aber sagt sie: "Dankbar sein habe ich inzwischen gelernt. Früher dachte ich, ich müsse ihm nicht danken. Dann aber traf ich eine Pflegeschwester, die ihre Arbeit hier bei uns ganz wunderbar fürsorglich gemacht hat, und ich fragte sie, ob das vielleicht daran liege, dass sie an Gott glaubt. Und sie erzählte mir, dass sie glaube und morgens und abends zu ihren Engeln bete. Abends bedanke sie sich. Dann habe ich erkannt, dass ich zu stolz bin, und Stolz ist ja eine Todsünde." Heute könne sie danken. Das heiße zwar, dass sie nicht alles allein schaffe, aber das sei gar nicht so schlimm. Gottes Hilfe müsse man eben annehmen können.

Nach etwa einer Stunde Gespräch ist der Podcast aufgenommen, und Helga Schubert steht auf. Wir sollten noch zum Essen bleiben, sagt sie, und deckt den Tisch in ihrem Wintergarten – mit dem Blick nach draußen in die Natur. Dort, wo wir jetzt hinsehen können, stand sie vorhin, als die Fotos gemacht wurden. Allein vor dem weiten Land, auf der Wiese mit den heruntergefallenen Blättern. Schön war das anzusehen – alles passte zusammen. Schubert stand dort auf dem Boden, vor ihrem Haus, so wie man nur an einem Ort stehen kann, an dem man schon viele Jahre wohnt und sich wohlfühlt. Kein anderer Mensch, kein Tier war zu sehen.

Als wir am Tisch sitzen, erzählt Helga Schubert von anderen Besuchen in ihrem Haus und einer bevorstehenden Lesung in Berlin. Ob sie denn abgeholt wird? Nein, sagt sie, sie nehme den Bus, dann einen Zug und dann noch einen anderen. So komme sie nach Berlin.

Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Sie begleitet uns nach draußen, zu dem Stellplatz auf ihrem Grundstück. Ich setze das Auto zurück, und wir winken. Es ist kalt, sie steht allein, aufrecht vor ihrem Haus und grüßt zum Abschied. Ein Moment voller Melancholie; zarter, warmer Melancholie.

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