chrismon: Sie sind Pastor in einer Kirche in Springfield, Ohio.
Tim Voltz: Kann ich etwas sagen, bevor wir anfangen?
Natürlich!
Die Tatsache, dass Sie, ein evangelisches Magazin aus Deutschland, sich bei mir melden, um über den Umgang mit Migranten hier bei uns in den USA zu reden, ist für mich einerseits erschreckend und andererseits ermutigend. Vieles, was die Trump-Administration sagt, klingt für mich wirklich nach Deutschland in den 1930er-Jahren. Und Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer sind für mich und viele evangelische Christen in den USA Helden – gerade, weil sie sich so bestimmt gegen den Nationalsozialismus eingesetzt haben.
Tim Voltz
Interessant, dass Sie das sagen. Denn wir fragen uns hier auch oft, ob die Situation bei Ihnen vergleichbar ist mit der Zeit des europäischen Faschismus. Springfield, Ohio, wo Sie leben, war gerade in den Nachrichten, weil befürchtet wurde, dass die ICE-Leute aus Minneapolis dorthin weiterziehen. Wie ist die Situation jetzt?
In Springfield leben zwischen 10.000 und 15.000 Menschen aus Haiti. Sie sind legal in den USA. Ihr Aufenthaltsstatus nennt sich Temporary Protected Status (TPS). Das bedeutet, sie dürfen sich in den USA aufhalten und hier auch arbeiten, solange ihr Heimatland als zu gefährlich gilt. Die Trump-Regierung wollte den TPS-Status am 3. Februar auslaufen lassen. In diesem Fall wären die Haitianer alle illegal geworden. Nun hat aber eine Bundesrichterin entschieden, dass es nicht rechtens ist, den TPS-Status auslaufen zu lassen. Am Ende wird wohl der Supreme Court, also das höchste Gericht der USA, entscheiden müssen.
Wie kommt es, dass so viele Menschen aus Haiti in Springfield leben?
Früher war Springfield eine florierende Stadt des sogenannten Rust Belt. Es gab hier viel verarbeitendes Gewerbe. Diese Industrie ging den Bach runter, und so hat Springfield seit den 1970er-Jahren einen echten Abschwung erlebt. Die Einwohnerzahl ist von ungefähr 80.000 auf rund 60.000 zurückgegangen. Geschäfte haben geschlossen, die Innenstadt war verwaist. Dann hat der Stadtrat beschlossen, um Migranten zu werben, um die Stadt wieder zu beleben, und die Initiative "Willkommen Springfield" gestartet. Das war 2014.
Dann sind die Menschen aus Haiti gekommen?
Nicht gleich. Die Idee war eigentlich, Latinos anzuziehen. Es gab in der Nähe von Springfield sowieso größere Communities. Es lief eher schleppend. Aber nach der Pandemie kamen plötzlich sehr viele Haitianer zu uns, weil ihr Land völlig in der Katastrophe versank.
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Wie hat das die Stadt verändert?
Die Industrie konnte freie Stellen besetzen, und die Stadt ist insgesamt viel lebendiger geworden. Natürlich bringt es auch Probleme mit sich, wenn in so kurzer Zeit so viele Menschen in eine Stadt ziehen. Krankenhäuser und Schulen waren nicht darauf eingestellt. Doch auf einmal haben wieder Läden geöffnet, statt zu schließen. Das hatten wir hier lange nicht.
Gibt es auch Menschen, die dagegen waren, dass so viele Haitianer gekommen sind?
Ja, klar. Aber es gibt immer Unzufriedene. Bevor die Haitianer kamen, haben sie gesagt: Die Stadt stirbt aus, sie ist heruntergekommen. Als sich das änderte, haben sie gesagt: Wir wollen die alte Stadt zurück. Manche Menschen träumen sich in einen Idealzustand zurück, den es meiner Meinung nach sowieso nicht gab. Sie wollen irgendein Bilderbuch-Amerika, das nur aus Weißen besteht.
Hat sich die Situation beruhigt, nachdem der TPS-Status nicht ausgelaufen ist?
Wir sind natürlich erleichtert. Die Situation war vorher wirklich sehr angespannt. Am Sonntag vor dem 3. Februar hatten wir Menschen mit Panikattacken im Gottesdienst, weil sie sich vor ICE gefürchtet haben. Wir haben hinter verschlossenen Türen besprochen, was wir tun können, um sie zu beschützen. Denn sie sagen: Nach Haiti zurückgeschickt zu werden, sei wie ein Todesurteil. Dort haben Banden das Sagen. Die Menschen fürchten, ausgeraubt zu werden, sexualisierter Gewalt zum Opfer zu fallen oder gar ermordet zu werden.
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Am Montag, dem 2. Februar, gab es ein großes Treffen in einer Kirche in Springfield, um Solidarität mit den Haitianern zu zeigen. Darüber wurde sogar in Deutschland berichtet. Was bewirken solche Aktionen?
Das kann ich nicht sagen. Wir hatten große Angst, dass die Regierung sich nicht um die Entscheidung der Richterin schert und ICE trotzdem kommt. Es gab ein internes Dokument, das uns geleakt wurde. Darin stand, dass ICE fest vorhabe, am 4. Februar in die Stadt zu kommen. Es gab Gerüchte, dass es die gleiche Truppe sein würde, die in Minneapolis war.
Die Kirche war bei der Solidaritätsveranstaltung offenbar überfüllt. Hat sich die Stimmung gedreht und die Leute sind jetzt gegen Trump?
Ich kann natürlich nur meinen Eindruck schildern. Aber ich denke, dass die Dinge, die in Minneapolis geschehen sind, schon etwas verändert haben. Niemand hat Verständnis dafür – außer Trumps Anhänger ganz rechts außen –, wenn maskierte Männer bewaffnet in eine Stadt kommen, Menschen festnehmen und sogar töten. Besonders religiöse Menschen und denjenigen, die Trump eher gewählt haben, weil sie keine staatliche Einmischung wollen, gefällt das gar nicht.
Gibt es so etwas wie ein Netzwerk gegen solche Aktionen der Trump-Regierung?
Vieles passiert im Stillen. Denn wir müssen bedenken: Wenn die ICE-Truppen trotz der Verlängerung von TPS gekommen wären, wären viele unserer Aktionen als Aktionen gegen den Staat klassifiziert worden. Aber Trump hat es nicht geschafft, die zivilgesellschaftlichen Gegenstimmen zu unterdrücken. Momentan gibt es eine laute zivilgesellschaftliche Opposition, die auch von religiösen Menschen unterstützt wird – auch von der katholischen Kirche – und die so schnell nicht wieder verschwinden wird.
