Ehrenamt Obdachlosenhilfe
"Wir haben Glück, sie haben nur eine Matratze"
Ehrenamt gesucht? Der 15-jährige Faisal Ahmadi engagiert sich bei der Initiative "Radtour für obdachlose Menschen". Er wünscht sich mehr Verständnis für Obdachlose
Faisal Ahmadi, 15, engagiert sich bei der Initiative "Radtour für obdachlose Menschen" in Berlin
Faisal Ahmadi bringt warmes Essen zu obdachlosen Menschen in Berlin
Siena Niemeyer
30.01.2026
3Min

chrismon: Was machen Sie?

Faisal Ahmadi: Ich versorge Menschen, die auf der Straße leben, vor allem mit warmem Essen. Wir bereiten es selbst zu und fahren es mit den Rädern zu den Leuten.

Wie oft machen Sie das?

Jedes Wochenende.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich war noch ein Kind und fand es traurig, die vielen obdachlosen Menschen auf den Straßen zu sehen, darunter so viele Frauen und sehr junge Leute. Dann habe ich Stephan May kennengelernt, den Gründer der Fahrrad-Initiative. Ich habe einfach gefragt, ob ich ihn mal begleiten darf. Jetzt mache ich das schon vier Jahre.

Was hat Sie am Anfang überrascht?

Ich hatte das Gefühl, es werden täglich mehr, das war sehr bedrückend. Als wir aus Afghanistan flohen, war ich noch sehr klein, trotzdem erinnere ich mich an Armut in unserem Land. Das hier in Deutschland, in Europa zu erleben, war viel krasser.

Haben Sie manchmal Angst?

Ja. Es gibt gruselige Vorfälle. Einmal kamen wir zu zwei Frauen, die auf einem Sofa saßen. Ein Mann nahm der einen Frau den Platz weg und wollte nicht mehr aufstehen. Er wurde aggressiv und bedrohte uns alle mit einem Schlagstock. Wir riefen die Polizei, die kam mit zehn Einsatzwagen. Das war heftig, auch dass die Polizei gleich mit solcher Wucht kam.

"Und dann reicht schon eine Frage: Wie war dein Tag?"

Faisal Ahmadi

Gibt es auch schöne Momente?

Viele. Die Leute freuen sich so sehr über das warme Essen und fangen an zu erzählen. Meistens, wie lange sie schon auf der Straße sind. Viele wollen nicht in Unterkünfte. Ihre Gründe kann ich teilweise verstehen: Den Platz, den sie für sich gefunden haben, der ist oft ihr Platz geworden, etwas, das irgendwie ihnen gehört. Sie haben auch oft Angst vor den anderen in den Unterkünften. Dass es Streit gibt, der eskaliert. Aber wenn es dann nachts nur null Grad hat, kann ich das nicht mehr verstehen!

Was haben Sie für sich gelernt?

Wie man mit diesen Leuten in Kontakt kommt. Mit Gucci-Klamotten braucht man nicht anfangen. Einfache Kleidung ist wichtig. Und dann reicht schon eine Frage: Wie war dein Tag? Über diese Anteilnahme freuen sich die Leute unbändig.

Welche drei Eigenschaften sollte man mitbringen?

Respekt und Höflichkeit und Offenheit. Das Essen gefühlvoll reichen, nicht einfach nur hinstellen.

Kostet es dich Überwindung, dich Suchtkranken zu nähern, die drauf sind?

Nein. Viele setzen Hoffnung in die Drogen oder den Alkohol, weil sie psychische Probleme haben. Sucht ist eine Krankheit. Aber es ist schwer, mit ihnen zu reden. Oft wollen sie von uns auch gar nichts annehmen, obwohl wir Westen tragen, auf denen unsere Namen stehen.

Was wünschst du dir?

Dass junge Menschen in meinem Alter mithelfen. Es gibt so viele Organisationen. Ich wünsche mir, dass sie wissen, wie man mit den Betroffenen auf der Straße umgeht, wie man mit ihnen spricht. Ich sehe, wie Leute aufstehen und weggehen oder das Gesicht verziehen, wenn Wohnungslose oder Arme in der U-Bahn vorbeikommen. Aber man darf nicht vergessen: Sie können nichts dafür. Wir haben Glück, sie haben nur eine Matratze oder einen Schlafsack.

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