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Eine der charmanteren, geistreicheren Pop-Bands in Deutschland ist "Von Wegen Lisbeth". Die Berliner haben sich in den letzten zwanzig Jahren mit heiterer Musik und witzigen Versen einen Namen gemacht. Ich höre sie gern.
Einige ihrer frühen Hits haben sich allerdings nicht so gut gehalten, wie das bei humorvoller Musik häufiger der Fall ist. Sie, die humorvolle Musik, lebt eben besonders vom Moment. Und das gilt auch für diese Band.
Nun ist ihr neues Album "Strandbar Eldena" erschienen. Hier entdecke ich einen neuen Ton. Einige Lieder, die mich besonders ansprechen, haben eine melancholische Stimmung, ohne dabei schlecht gelaunt zu wirken. Es spricht sich in ihnen so etwas wie eine vorzeitige Altersweisheit aus, die auf mich – deutlich Älteren – eine eigentümlich erbauliche Wirkung ausübt.
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In "Madame Tussauds" erzählt der Sänger, wie er gelegentlich aus Langeweile ins örtliche Wachsfigurenkabinett geht. Das ist eine absurd anmutende Freizeitaktivität. Auf diese Idee kommen doch nur Touristen, denen sonst nichts einfällt. Aber dem Sänger geht, wie er so von einer Figur zu nächsten schlendert, ein Licht auf:
"Und dann geh ich zu Tom Hanks / und sag ihm alles, was ich grad so denk. / Und er steht einfach nur so rum / und meistens bleibt er stumm. / Und zu manchen Dingen fällt ihm gar nichts ein / und das beruhigt mich ungemein. / Und dann genießen wir die Zeit / unsere Sprachlosigkeit. / Es kann so befreiend sein, / damit nicht allein zu sein. / Und für ein, zwei Stunden lang / denke ich, dass es auch ok sein kann, / wenn man mal für den Moment / keine Antwort kennt."
Wie ein mittelalterlicher Mensch zu einer Heiligenfigur betet, leert der Sänger vor dem wächsernen Tom Hanks sein Herz aus. Doch anders als der Heiligenverehrer erwartet er keine wundersame Gebetserhörung. Im Gegenteil, er erfährt Trost und Ausrichtung dadurch, dass die Figur gerade nicht antwortet. (Was heißt hier aber eigentlich "meistens bleibt er stumm"? Antwortet er manchmal doch?). In einer aufgeputschten Gegenwart, in der alle unter dem Eindruck stehen, ständig zu allem eine besonders starke Meinung haben und diese auch lautstark in alle Richtung verbreiten zu müssen, schenkt der Tom Hanks von Madame Tussauds den seltenen Segen der Leere und Stille.
Zu biblischen Assoziationen lädt das Lied "Pluto" ein. Es erzählt eine Geschichte aus Rom (die uns jetzt nicht interessieren muss) und weitet sich zu einer gar nicht verzweifelten, sondern leise-vergnügten Ode über die Vergeblichkeit des Lebens. Der Refrain lautet:
"Alles geht vorbei. / Gar nichts ist gewiss. / Mach dich nicht kaputt. / Es ist so, wie es ist."
Es ist keine theologische Aufdringlichkeit, wenn man darin ein fernes, wahrscheinlich unbewusstes Echo auf die Endlichkeits- und Vergeblichkeitspredigt des alttestamentlichen Weisheitslehrers Kohelet hört, der es in den ihm zugeschriebenen Texten folgendermaßen ausdrückte:
"Windhauch um Windhauch: Alles vergeht und verweht. Welchen Gewinn hat der Mensch bei aller Arbeit, mit der er sich unter der Sonne abmüht? Alles ist Windhauch und vergebliche Mühe." – "Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich’s gut gehen zu lassen."
Und dann streut der Sänger in "Pluto" noch den Vers ein: "Wenn der Papst stirbt, / dann wählt man halt n’andern." Es ist keine geringe künstlerische Leistung, solch einen Satz in schwingende Musik zu setzen und so zu singen, dass er einem nicht mehr aus dem Ohr geht. Und so summe ich, wenn ich so durch mein letztlich vergebliches Tagewerk gehe, die neuen Lieder von "Von Wegen Lisbeth".

