"Warum es in der DDR keine Grünen gab? Weil Bildung Pflicht war!", behauptet der Strohmann. Ist zwar falsch, aber gesagt werden darf es trotzdem...
Christian Kurzke
Streit um die Meinungsfreiheit
Der "Strohmann" neben uns
Es herrsche keine Meinungsfreiheit in diesem Land, sagen viele. Stimmt nicht, sagt unser Kolumnist. Der Beweis? Zum Beispiel dieser Protest-Strohmann am Elberadweg bei Radebeul in Sachsen
21.01.2026
3Min

"Warum es in der DDR keine Grünen gab? Weil Bildung Pflicht war!" Das meint ein "Strohmann". Diesen Strohmann habe ich in einem Garten aufgebaut am Elberadweg in der Nähe von Dresden entdeckt – siehe Foto oben.

Viele Menschen fahren dort täglich mit dem Fahrrad vorbei. Spaziergänger flanieren zuhauf den Weg entlang.

Das Zweitbeste an dem Strohmann ist die wunderschöne Lage, nahe der Elbe und in der Nähe die Weinberge von Radebeul. Das tatsächlich Beste an ihm ist aber, dass er dort unbehelligt stehen kann. Niemand "verbietet" die Botschaft, die "er", also die Menschen, die ihn erbauten, so in die Welt bringen möchte.

Es gibt nämlich eine grundgesetzlich verankerte Meinungsfreiheit in diesem Land. Fast alle Meinungen dürfen laut Grundgesetz (Artikel 5; dort stehen auch die Ausnahmen) gesagt werden. Warum behaupten so viele Menschen genau das Gegenteil?

Zum Beispiel der Strohmann mit seinem Schild. Es stimmt ja nicht, was dort steht. Wir hatten in der DDR keine Grünen. Stimmt. Warum hatten wir sie nicht? Sicher nicht, weil unsere Bildung so allumfassend und toll war, sondern weil "grüne Meinungen" in der DDR unterdrückt wurden. Für eine Strohpuppe dieser Art, vielleicht mit dem Spruch: "Wir in der DDR brauchen mehr Grüne, weniger tote Bildung", hätte der oder die Betreffende mit hoher Wahrscheinlichkeit eine empfindliche Strafe riskiert.

Mich wundert immer wieder, wie viele Menschen hier in der Region das schon vergessen haben.

Dazu passt diese kleine Geschichte:

In Dresden haben wir kürzlich eine große Tagung zur Frage der Meinungsfreiheit in der Bildung umgesetzt. Am Dreikönigstag waren mehrere hundert Menschen vor Ort. Gesprochen hat das Kultusministerium und auch der Landesbischof hat sich geäußert. Zu Gast war auch der Bestsellerautor und Satiriker Florian Schroeder.

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In der Diskussion drehten wir uns einige Zeit um die Ursache, weshalb wir überhaupt über Meinungsfreiheit sprechen, sogar extra eine Tagung über dieses Grundrecht organisieren. Was passiert derzeit?

Mir hat vor allem der Beitrag von Florian Schroeder gefallen (vielen anderen auch) – es gab großen Applaus.

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Er sagte: Permanent verdächtigen wir uns gegenseitig, einander etwas Ungutes zu wollen. Zudem lassen wir uns zu einfachen Zuschreibungen verleiten: Viel zu schnell schieben wir unserem Gegenüber eine Meinung, eine politische Position, eine Haltung einfach zu – und handeln dementsprechend.

Florian Schroeder ermutigt uns, die eigene Meinung zu vertreten. Klar, durchdacht und dem Gegenüber Fragen zu dessen Meinung zu stellen. Dabei sei es wichtig, konkret und offen verdachtsfrei nach den Auswirkungen der anderen inhaltlichen Position zu fragen.

Unzählige kurze Gespräche hatte ich nach der Veranstaltung mit Teilnehmenden. Alle waren der gleichen Auffassung: Eigentlich ist es ganz eindeutig. Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist klar, sie ist nicht in Gefahr.

Jedoch spricht der erlebte Alltag oft eine andere Sprache. Argumentative Verknappungen, Verengungen und eine Überbetonung der eigenen Position sorgen für eine stete zwischenmenschliche Anspannung.

Empörung und Schlechtreden, sich aufregen, anstatt sich zu beteiligen, schaffen keine Lösungen. Und zu viele sehen in den vermeintlich einfachen Gedanken und Antworten zu den Fragen unserer Zeit die alleinige richtige Meinung.

Die Teilnehmenden, die mit mir über die Veranstaltung sprachen, sie wussten ganz genau, dass sie schon bald wieder ein Gespräch mit so einem Strohmann führen müssen. Nur dass dieser eben nicht leise und unbeweglich in einem Garten am Radweg sitzt, sondern in unmittelbarer Nähe davon redet, dass seine eigene Meinungsfreiheit in Gefahr sei.

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Kolumne

Christian Kurzke

Christian Kurzke stammt aus Ostdeutschland und arbeitet heute bei der Evangelischen Akademie in Dresden. Anke Lübbert wurde in Hamburg geboren, , lebt jedoch seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Greifswald. Beide schreiben sie im Wechsel über Politik und Gesellschaft aus ihrer Sicht.