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Gestern war ich bei einer Gedenkfeier für Kinder, die viel zu früh gestorben sind. Kinder, deren Leben kaum begonnen hatte und schon zu Ende war. Es war eine multireligiöse Feier. Die Kinder kamen aus ganz unterschiedlichen familiären Hintergründen. Ich habe diese Feier als zutiefst würdevoll erlebt. Besonders berührt hat mich, dass ich als Muslim gebeten wurde, ein islamisches Gebet für verstorbene muslimische Kinder zu sprechen. In diesem Moment wurde etwas sehr Einfaches spürbar: Schmerz kennt keine Religionsgrenzen. Trauer auch nicht. Und vielleicht gilt das sogar für Hoffnung.
Nach der Feier kam ich mit einem Vater ins Gespräch. Seine Frau und er hatten im vergangenen Jahr ihr schwer krankes Kind verloren. Er erzählte mir, dass er gläubig aufgewachsen sei. Doch dieser Verlust habe ihn bis ins Innerste erschüttert. Die Frage, die ihn nicht loslasse, sei eine einzige: "Wo warst du, Gott?"
Diese Frage ist nicht neu. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz hat sie im 18. Jahrhundert als Theodizeefrage formuliert: Wenn Gott allmächtig und zugleich gütig ist – warum gibt es dann so viel Leid? Warum sterben Kinder? Weder Bibel noch Koran geben darauf eine einfache, rationale Antwort. Auch das islamische Denken kennt keine abschließende Erklärung, wohl aber eine lange Tradition des Ringens mit dieser Zumutung. Manche Theologen verstehen Leid als Prüfung, andere – etwa die rationalistische muʿtazilitische Schule – lehnten es ab, das Böse Gott zuzuschreiben. Für sie ist Leid eine Folge menschlicher Freiheit und einer von Gott gewollten Offenheit der Welt, in der auch Scheitern möglich ist.
Auch im Judentum gehört das Anklagen Gottes zum Glauben: im Buch Ijob (Hiob) ebenso wie in den rabbinischen Klagen nach der Schoah. Fragen dürfen gestellt werden, ohne sofort aufgelöst zu werden. Gott hält sie aus – vielleicht gerade, weil sie aus Beziehung entstehen. Eine Erklärung des Leids geben die monotheistischen Religionen nicht. Aber sie geben eine Zusage über das Wesen Gottes. Im Johannesevangelium heißt es: "Gott ist die Liebe." Im Koran wird Gott immer wieder als der Barmherzige beschrieben. Liebe und Barmherzigkeit sind kein Randaspekt, sondern der Kern dessen, was Gott ausmacht.
Doch genau hier beginnt die Zumutung des Glaubens. Denn das ist keine Wissensfrage. Es ist eine Vertrauensfrage. Man kann sagen: Ich verstehe nicht, warum ein unschuldiges Kind sterben musste. Aber ich vertraue darauf, dass Gott dieses Leid nicht gleichgültig ist.
Viele Muslime finden Trost in der Vorstellung, dass das irdische Leben nicht das letzte Wort hat. Der Tod gilt im Islam als Übergang. Der Koran spricht von einer Auferstehung, von einer Gerechtigkeit, in der kein Schmerz verloren geht: keine Träne, keine Verzweiflung, kein still ertragenes Leiden. Diese Gerechtigkeit ist keine kalte Abrechnung, sondern eine Form der Wiederherstellung. Nicht als billiger Ausgleich, sondern als Anerkennung dessen, was ein Mensch getragen hat.
Das kann trösten – dort, wo es keine Antworten mehr gibt. Aber auch dieser Gedanke setzt Vertrauen voraus. Vertrauen darauf, dass Gott größer ist als unser Verstehen. Dass er dem Leid nicht das letzte Wort überlässt.
Niemand ist aus dem Jenseits zurückgekehrt, um uns Gewissheit zu geben. Wir haben keine Beweise. Wir haben Verheißungen. Und die Einladung, ihnen zu glauben. Mich hat immer der christliche Gedanke berührt, dass Gott seinen eigenen Sohn verliert. Nicht, weil er alles erklärt, sondern weil er Gott aus der Rolle des unbeteiligten Beobachters herausholt. Gott leidet mit. Er tröstet nicht von oben, sondern von innen. Auch der Koran beschreibt Gott als einen, der nahe ist. Der hört. Der sich berühren lässt.
Die Theologie tut sich mit einem mitleidenden Gott oft schwer. Ein starker Gott, so heißt es, müsse distanziert und unberührt sein. Ich halte das für ein Missverständnis von Stärke. Stark ist nicht, wer keine Gefühle kennt. Stark ist, wer mitleiden kann. Wer verletzlich ist. Warum sollte Gott weniger können als wir?
Die Frage "Wo warst du, Gott?" wird bleiben. Vielleicht ist sie selbst schon ein Gebet. Und vielleicht besteht Glaube nicht darin, Antworten zu haben, sondern den Mut, diese Frage immer wieder zu stellen, ohne die Beziehung zu Gott aufzukündigen.
Wie wir über Leid sprechen, prägt auch unser gesellschaftliches Klima. Wer Leid vorschnell deutet, neigt dazu, es zu normalisieren. Wer es aushält, ohne es zu erklären, schafft Raum für Mitgefühl. In einer Zeit, in der Schmerz oft privatisiert und Trauer funktionalisiert wird, braucht es genau das: die Bereitschaft auszuhalten, dass nicht alles Sinn hat – aber alles Leid Resonanz braucht.

