02.09.2019

Liebe Leserinnen und Leser,

von 1997 bis 2005 lebte ich als Westdeutscher in Ostdeutschland, erst als Student, später als Volontär. Es war eine sehr interessante Zeit.

Im thüringischen Altenburg, einer wunderschönen Stadt, erlebte ich als junger Lokaljournalist, was heute vielerorts zu beobachten ist: Auf einem Marktplatz, eingerahmt von prächtigen, sanierten Häusern, protestierten Menschen. Damals ging es gegen Hartz IV. Demonstriert wurde montags, in den "neuen Ländern" war und ist das der geschichtsträchtige Tag, an dem die Bürger die DDR-Führung friedlich in die Knie zwangen.

Anfangs widmeten wir den Demos gegen Hartz IV noch große Texte in der "Osterländer Volkszeitung", später wurden Bildmeldungen mit fünf Zeilen Text daraus - Chronistenpflicht. An einen Mann erinnere ich mich bis heute. Er stand immer in der ersten Reihe und rief - egal, wer vorne redete, Linken-Politiker, Sozialarbeiter oder Diakonin: "Genauso ist es! Genauso ist es!". Es schien, als gehe es ihm allein darum, dass jemand aussprach, wie verletzt und abgehängt er sich fühlte. Diese Stimmung hat sich offenbar über ein Jahrzehnt lang gehalten, obwohl die wirtschaftlichen Kennzahlen in vielen Regionen zwischen Rügen und dem Erzgebirge deutlich besser wurden.

Gestern durften die Wählerinnen und Wähler in Brandenburg und Sachsen bestimmen, wer sie künftig in den Landtagen in Potsdam und Dresden vertreten darf. Die Wahlergebnisse lassen mich ratlos zurück. In Brandenburg erreichte die AfD 23,5 Prozent, in Sachsen sogar 27,5 Prozent der Stimmen. Im einen Moment denke ich, dass die Menschen einfach der Veränderungen überdrüssig sind.

Andererseits frage ich mich: Darf, wer die AfD aus Protest wählt, auf Verständnis hoffen? Längst dominiert der völkische Flügel die Partei, die sich offen menschen- und demokratiefeindlich gibt, Ängste schürt und die Wahrheit, für die sie angeblich steht, ins Groteske verdreht. Ja, man muss Menschen zuhören - aber man muss ihnen auch sagen, wen sie gewählt und wem sie zu Ämtern, Mandaten und öffentlichen Geldern verholfen haben. Der Hass wird die Gesellschaft mit wachsendem Einfluss der AfD nur noch mehr spalten.

Übrigens ist die AfD in Westdeutschland entstanden. Auch dort erzielt sie Wahlerfolge. Es wäre gefährlich, sie als ostdeutsches Phänomen abzutun. Ihr Erfolg hat wohl auch damit zu tun, dass viele Menschen meinen, sich nicht mehr offen äußern und ihre Meinung vertreten zu dürfen. Der Aussage "Bei bestimmten Themen wird man heute ausgegrenzt, wenn man seine Meinung sagt" stimmen 64 Prozent der Brandenburger und 69 Prozent der Sachsen zu.

Es ist unsere Aufgabe, so einer gefährlichen Einschätzung auf den Grund zu gehen. Wir werden das tun - im Westen wie im Osten. Interessante Geschichten gibt es dort zuhauf. Wussten Sie schon, dass die Sorben in der Lausitz ihr eigenes Parlament gegründet haben? Der Fotograf Hannes Jung und der Autor David Krenz nehmen Sie mit auf die Reise.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Ihr Nils Husmann