05.09.2022

Liebe Leserinnen und Leser,

die Antisemitismusskandale in Deutschland häufen sich.

Im Juni erschütterten Bilder des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf der Documenta in Kassel die deutsche Öffentlichkeit: Darstellungen von einem Soldaten mit Schweinsgesicht, Davidstern und der Aufschrift "Mossad", von einem Mann mit Schläfenlocken und spitzen Zähnen, auf dem Kopf ein Melonenhut mit SS-Runen, und von einem Schwein mit Geldsäcken in den Armen. Wir müssen nicht lange diskutieren: Die Bilder wecken eindeutig antisemitische Ressentiments. Gerade in Deutschland gehört so etwas gebannt.

Mitte August trat Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas mit Bundeskanzler Olaf Scholz in einer Pressekonferenz in Berlin vor die Kameras und sagte in die Mikrofone: Seit 1947 habe Israel 50 Massaker in 50 palästinensischen Dörfern und Städten zu verantworten, 50 Holocausts. Die Übersetzerin der Pressekonferenz zögerte kurz, bevor sie das Wort "Holocaust" aussprach. Scholz verzog das Gesicht. Sein Sprecher beendete die unsägliche Szene schnellstmöglich. Bei allem Elend, das die Palästinenser erlitten haben und erleiden, ein Holocaust ist etwas anderes. Das sollte jeder Mensch, der in der Hauptstadt dieses Menschheitsverbrechens zu Besuch ist, verstanden haben.

Nun, Anfang September, tagt der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), die Weltversammlung der Christenheit, in Karlsruhe. Schon im Vorfeld des Treffens hatte die Initiative "Gegen jeden Antisemitismus. Gegen Judenfeindschaft im ÖRK" beklagt, Stimmen aus der Weltökumene würden Israel als Apartheidstaat denunzieren, was er nicht sei. Und der Grünen-Politiker Volker Beck, Direktor des Berliner Tikvah-Instituts, das antisemitische Narrative entlarven soll, kritisiert, dass es innerhalb des ÖRK Sympathie für die Boykottbewegung BDS gegen Israel gibt, während despotische Regime wie China nicht boykottiert werden.

chrismon hat jedes Mal berichtet. Aber zweierlei fällt bei diesen drei Skandalen auf. Erstens: Der Antisemitismusvorwurf ging immer an "die anderen". Zweitens: Alle drei Beschuldigten distanzierten sich anschließend von dem, was sie angerichtet hatten. Und der ÖRK-Beauftragte für die internationalen Angelegenheiten, Peter Prove, hat im chrismon-Interview betont: Der ÖRK wende sich seit seiner Gründung gegen jede Form des Antisemitismus.

Es gibt da ganz andere. Leute, die nach Jahrzehnten der Vergangenheitsbewältigung noch immer die übelsten antisemitischen Schmähwerke in aller Öffentlichkeit zeigen, sie sogar unter Denkmalschutz stellen. Und das sind wir Deutsche selbst. In Wittenberg hängt ein solches Machwerk an der evangelischen Stadtkirche. Eine Tafel mit erklärendem Text soll zur Distanzierung von der sogenannten Judensau beitragen. Das reicht nicht, sagte unlängst eine Kommission. Das Relief gehört aus dem öffentlichen Raum entfernt. Und – man möchte ergänzen – ebenso die vielen anderen "Judensäue", die in Kirchen in Deutschland noch immer überall zu sehen sind. Warum sind sie überhaupt noch da?

Lesen Sie, bilden Sie Ihr eigenes Urteil. Ich wünsche Ihnen viele Anregungen aus den zusammengestellten Leseempfehlungen.

Ihr Burkhard Weitz