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Der "Spiegel", die "Zeit" und nun auch die "Süddeutsche Zeitung" verschaffen den Deutschen eine neue Freizeitbeschäftigung. Mit wenigen Klicks kann man durch ihre Hilfe herausfinden, ob die Groß- und Urgroßeltern Mitglied in der NSDAP waren. Inzwischen fragen einige, wie sinnvoll das ist. Was sagt eine Parteimitgliedschaft ohne weiteren Kontext aus?
Ein Seitenblick nach Russland aber zeigt, was für ein hohes und seltenes Gut solch ein Recherche-Tool ist. Zwei neue Bücher haben mir dafür die Augen geöffnet. Irina Scherbakowa hat unter dem Titel "Der Schlüssel würde noch passen" ihre Memoiren verfasst. Bis zum Ausbruch des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatte sie – unter zunehmenden Schwierigkeiten – "Memorial" geleitet, diese großartige Organisation zur Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion. Nun lebt sie in Israel im Exil und blickt zurück.
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Sie hätte allen Grund, auf ihr Lebenswerk (und das all ihrer Mitstreiter) stolz zu sein. Denn "Memorial" gab den zu Unrecht Verhafteten, Gefolterten, Verschleppten, Versklavten und Ermordeten eine Stimme – natürlich nur einer Minderheit, denn die Opferzahlen der Sowjetdiktatur gehen in die Millionen. Zugleich eröffnete "Memorial" deren Nachfahren die Chance, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Ein wichtiges Instrument dafür waren Schülerwettbewerbe, an denen zu Hochzeiten Tausende von Jugendlichen aus ganz Russland teilnahmen. Es ist hochinteressant und zugleich anrührend zu lesen, welche Geschichten die Schülerinnen und Schüler ausgruben und erzählten.
Allerdings standen sie dabei vor Schwierigkeiten, an die man als deutscher Leser nicht sofort gedacht hätte. Wer vom Sowjet-Terror erfasst wurde (und dieser beschränkte sich keineswegs auf die Regierungszeit Stalins), wurde für all seine Verwandten und Freunde zur tödlichen Gefahr. Denn in ihrer Paranoia witterten die Sowjets überall Verschwörungen.
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