People injured after Israeli attacks, are taken to Al-Shifa Hospital, Gaza
GAZA CITY, GAZA - OCTOBER 23: (EDITORS NOTE: Image depicts graphic content) People injured after Israeli attacks, are taken to Al-Shifa Hospital as Israeli attacks continue on 17th day of clashes in Gaza City, Gaza on October 23, 2023. (Photo by Belal Khaled/Anadolu via Getty Images)
Anadolu Agency/GettyImages
"Es fehlt an allem"
Nach dem Angriff der radikalislamischen Terrorgruppe Hamas auf Israel am 7. Oktober sitzt Ahmed Murtaja, ein Arzt aus Münster, mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern im Gazastreifen fest. Unsere Autorin Nohma El-Hajj hat ihn über Whatsapp interviewt.
25.10.2023

Seit wann sind Sie im Gazastreifen?

Ahmed Murtaja: Wir sind am 2. Oktober zunächst von Frankfurt nach Kairo geflogen. Danach sind wir mit dem Auto über den Rafah-Übergang nach Gaza gefahren. Es gibt keine Alternativen zu dieser Route für Deutsche mit palästinensischem Hintergrund, wenn man nach Gaza will.

Warum haben Sie diese Reise gewagt, wenn sie doch potenziell gefährlich ist?

Das letzte Mal war ich vor knapp zwölf Jahren in Gaza. Ich wollte meine Familie besuchen, meinen Vater sehen, der Anfang des Jahres einen Schlaganfall erlitten hatte. Die Situation in Gaza war in den letzten Monaten eigentlich stabil. Wir haben mit so einer Eskalation überhaupt nicht gerechnet und waren darauf nicht vorbereitet.

Privat

Nohma El-Hajj

Nohma El-Hajj arbeitete als Operationstechnische Assistentin, bevor sie ihr Medizinstudium in Heidelberg absolvierte. Nach dem Beginn in der Gynäkologie und Geburtshilfe wechselte sie in die Kinderheilkunde und ist nun als Weiterbildungsassistentin in einer pädiatrischen Praxis tätig.

Ahmed Murtaja

Dr. med. Ahmed Murtaja ist Facharzt für Gefäßchirurgie und Oberarzt an der Klinik für Vaskuläre und Endovaskuläre Chirurgie an der Uniklinik Münster. Im Dezember wechselt er an die Uniklinik Heidelberg. Derzeit sitzt er mit seiner Familie im Gazastreifen fest.

Und plötzlich sitzen Sie samt Familie inmitten eines abgeriegelten Gebietes, das bombardiert wird …

Ich wohnte anfangs bei meiner Familie in Gazastadt, mittlerweile halten wir uns im Süden des Gazastreifens auf, weil wir hoffen, bald endlich ausreisen zu können. Die Menschen im Viertel meiner Familie sind von den Israelis aufgefordert worden, die Gegend zu verlassen. 1,3 Millionen Einwohner sollen gehen, ohne Alternativen für sie geschaffen zu haben? Das ist wahnsinnig. Meine Familie und die meisten Nachbarn in unserem Viertel sind zunächst nicht Richtung Süden gefahren. Wohin auch?

Sie sind deutscher Staatsbürger und hoffen auf eine baldige Ausreise.

Als nach den Angriffen der Hamas klar war, dass es Krieg geben würde, habe ich Kontakt mit dem deutschen Vertretungsbüro in Ramallah und mit der Botschaft in Tel Aviv aufgenommen und unsere Situation geschildert. Unsere Daten wurden erfasst. In der ersten Woche haben wir vom Auswärtigen Amt die Information erhalten, dass wir uns an die Grenze zu Ägypten begeben sollen, weil es dort wahrscheinlich ein Ausreisefenster gibt. Wie wir an den Rafah-Übergang kommen sollten, war unsere Sache. Mit der Gefahr eines Beschusses mussten wir leben. Wir haben den Weg über die Salah-al-Din-Straße genommen. Das ist die Hauptstraße, die den Norden mit dem Süden des Gazastreifens verbindet. Wir haben viele Trümmer von Autos gesehen, die getroffen worden waren.

Wie war die Lage am Grenzübergang?

Viele Menschen warteten bereits dort. Man kommt an keine Informationen, weil man dort auch kaum Internetempfang hat. Wir standen in der prallen Sonne. Es gab keine Sitzmöglichkeiten, keine Toiletten. Nach vielen Stunden reisten wir zurück. Ich habe beschlossen, im Al-Shifa-Krankenhaus in Rimal meine Hilfe anzubieten. Es ist das größte Krankenhaus in Gazastadt. Als ich die Klinik betrat, wirkte es eher wie ein Flüchtlingsheim. Das Treppenhaus, die Flure, die Parkbereiche sind voll mit Geflüchteten, die ihre Häuser verloren oder verlassen haben und dort Schutz suchen. Es stinkt, weil einfach zu viele Menschen auf einem Fleck sind. Aber diese Leute haben keine Alternative.

"Kollegen erfuhren, dass Angehörige gerade verstorben waren. Sie weinten und machten danach sofort weiter."

Kann die Klinik die Menschen versorgen?

Es gibt kein Trinkwasser. Strom gibt es nur über Solaranlagen oder Generatoren. Diese Generatoren benötigen Benzin und sind immer wieder aus. Ich habe bei Operationen mitgeholfen. Es kommen Patienten mit multipelsten Explosionsverletzungen. Die Splitterteile sind überall verteilt. Die Wunden sind verschmutzt, sie müssen mit Wasser gereinigt werden, das nicht für den menschlichen Gebrauch gedacht ist. Aber man hat nur dieses Wasser. Es fehlt an allem. Handschuhe muss man den ganzen Tag tragen, man kann sie nicht wechseln, weil man sparen muss. Ich habe gesehen, wie zwei Patienten gleichzeitig in einem Operationssaal operiert wurden. Das Personal der Klinik bleibt aktuell im Krankenhaus, geht nicht nach Hause. Man leidet mit den Patienten, weil man selbst leidet. Aber wenn ich Patienten operiere, ist es für mich reine Arbeit. Ich versuche, mich zu fokussieren. Mal gelingt es. Mal nicht. Kollegen erfuhren, dass Angehörige gerade verstorben waren. Sie weinten und machten danach sofort weiter.

Wie erleben Sie die Menschen im Alltag?

Ein Beispiel: Ich war kürzlich mit einem Familienangehörigen meiner Frau unterwegs, um Brot zu holen in einem der wenigen Läden, die geöffnet haben. Die Leute standen Schlange. Ungefähr 200 Meter entfernt von uns wurde ein Haus bombardiert. Die Warteschlange löste sich kurz auf, nach zwei Minuten stellten sie sich wieder alle für Brot an. Man nimmt es hin. Man kann sich als normaler Bürger nicht wehren. Man kann nichts beeinflussen. All das ist Routine geworden. Dieses ständige Sirenengeheul, es ist, als hätte man Tinnitus! Wir merken mittlerweile, dass das Essen knapp wird. Wasser hatten wir die letzten Tage nicht. Deshalb haben wir angefangen, Grundwasser, das nicht aufbereitet wurde, zu trinken.

Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Nein. Momentan sehe ich eigentlich nur schwarz. Ich will mir manchmal einen Hoffnungsschimmer ausmalen. Aber den gibt es leider nicht.

Wie versuchen Sie oder die Erwachsenen vor Ort, die Kinder vor dieser Ausweglosigkeit zu schützen?

Die Kinder im Gazastreifen haben auch vorher schon Kriege erlebt. Wenn da irgendwo bombardiert wird, suchen sie Schutz bei den Eltern und halten sich die Ohren zu. Man versucht, die Kinder jetzt tagsüber mit irgendwelchen Beschäftigungen so müde zu machen, dass sie nachts wie ein Stein schlafen und von den nächtlichen Schlägen gar nichts hören. Auch tagsüber wird bombardiert. Wenn meine dreijährige Tochter die Explosionen mitbekommen hat, hat sie in die Richtung gezeigt. Am Anfang haben wir gesagt: "Ja, da ist ein Luftballon geplatzt." Aber man sieht die Angst in den Augen der Kinder. Ich weiß nicht, wie wir das alles mit den Kindern verarbeiten sollen, wenn wir es hier herausschaffen. Mein Sohn ist acht Monate alt. Er ist gerade erkältet. Die Kinder werden krank.

Noch immer konnten Sie nicht ausreisen und nach Deutschland zurückkehren. Haben Sie weitere Versuche unternommen?

Ja, ich erhielt die Information, dass es möglicherweise ein Ausreisefenster für den 16. Oktober gibt. Wieder stundenlanges Warten in der heißen Sonne. Irgendwann sickerte die Nachricht durch, dass die Ausreise erneut nicht möglich sei. Wir sind, damit wir in der Nähe des Rafah-Überganges bleiben, nach Dair al-Balah gefahren. Dort wohnen wir jetzt bei dem Onkel meiner Frau. Ausländische Palästinenser kommen einfach nicht raus. Auch unsere Versuche scheiterten, obwohl Ausreisefenster vom Auswärtigen Amt genannt worden waren. Als deutscher Staatsbürger sitze ich hier mit meiner Familie fest, wir fühlen uns vergessen.

Was werden Sie als Erstes tun, wenn Sie Gaza verlassen haben?

Vielleicht durchschlafen. Wenn meine Familie und meine Kinder in Sicherheit sind. Wenn dieser Krieg endlich mal vorbei ist. Durchschlafen.

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch mit Ahmed Murtaja führte Nohma El-Hajj am 17. und 22. Oktober über den Messengerdienst Whatsapp.

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Der hier Interviewte ist nicht in der Lage in Mir Mitgefühl auszulösen. Er hat einen deutschen Pass bekommen und ist freiwillig nach Gaza gefahren. Die Menschen die dort in Gaza Stadt und dem Norden verblieben sind haben das freiwillig getan, Sie setzen Ihr Leben und Ihre Gesundheit bewusst ein um der Hamas als Schutzschild zu dienen. In meinen Augen verlieren Menschen dadurch den Status des Zivilisten. Wer der Hamas nicht mit seinem Leben dienen will ist mittlerweile im Süden des Gaza Gebietes. Die Vorräte an Treibstoff und anderen lebensnotwendigen Dingen der Hamas werden nicht eingesetzt um den "Zivilisten" zu helfen. In meinen Augen ein entlarvendes Symbol für diese Organisation. Aber die Überfallenen und Opfer, Israel, fordert man auf denjenigen zu helfen die der Hamas mit Ihrem Leben Schutz bieten. Auch eine entlarvende Verhaltensweise. Ich bete für Israel, ich bete für die Gesundheit der israelischen Soldaten, ich bete für die Geiseln der Hamas und ihre gesunde Rückkehr. Für die lebenden Schutzschilde der Hamas bete ich nicht, auch wenn ich meine Feinde lieben soll. Denn die lebenden Schutzschilde sind nicht meine, sondern die Feinde Israels.

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